Evangelische Zentralstelle für Weltanschauungsfragen, Newsletter 12/ 2010
(EZW)

In seinem neusten Film "Das kreative Universum: Naturwissenschaft und Spiritualität im Dialog" konstatiert Rüdiger Sünner eine Spannung zwischen einem Weltbild der Naturwissenschaften, die, so Sünner, als "die große Wissensautorität" gelten und spirituellen Weltbildern mit "umfassenderen Sinnhorizonten", zu denen sich immer mehr Menschen hingezogen fühlten. Die von ihm als unerträglich empfundene Frontstellung von Wissenschaften und Religion nahm Sünner zum Anlass, in einem Film nach der Verbindung zwischen beiden "Welten" zu fragen.

In seinem Film kommen zahlreiche Biologen und Physiker zu Wort, die einen solchen Brückenschlag bereits vollziehen, sei es, dass sie der Anthroposophie nahe stehen (Bernd Rosslenbroich, Wolfgang Schad, Wolfram Schwenk, Johannes Wirz, Arthur Zajonc), die naturwissenschaftliche mit einer theologischen Existenz in ihrer Personen vereinen (George Coyne, John Polkinghorne) oder eigene kreative Wege in der Wissenschaft gehen (Rupert Sheldrake, Stuart Kauffman, Hans-Peter Dürr, Joachim Bauer, Thomas Görnitz, Stephan Harding, Simon Conway Morris). Gezielt hat Sünner nach wissenschaftlichen Vertretern gesucht, deren Forschungen "Raum für göttliche oder transzendente Kräfte lassen". Somit versammelt der Film eher wissenschaftliche Außenseiterpositionen. Da die Sichtweisen der "interessanten Querdenker" unwidersprochen bleiben und seriöse Aussagen ununterschieden neben pseudowissenschaftlichen Theorien zum Beispiel über das Strömungsverhalten von Wasser präsentiert werden, ist es für den Laien schwer, sich ein Bild zu machen.

Allerdings vermag es der Film, den Zuschauer ins Staunen über das Wunder der Natur zu versetzen. Dies wird nicht zuletzt durch die fast meditativ wirkende Ästhetik des Films unterstützt. Wissenschaft präsentiert sich hier weniger als nüchtern Berechnende, sondern als leidenschaftlich Fragende. Ausgehend vom erreichten enormen Wissensstand von Biologie und Physik bewegt sich der Film an den Rändern dessen, was wir bisher erklären können. War das Universum auf die Entstehung des Lebens hin angelegt? Strebte die Evolution auf die Entwicklung des Menschen zu? Woher kommen Ordnungsstrukturen? Wie ist der Überschuss an Schönheit und Vielfalt von Kosmos und Natur zu erklären? Mehrere befragte Wissenschaftler stimmen im Film darin überein, dass nicht die von den Wissenschaften gut untersuchte Materie das Entscheidende sei, sondern die Beziehungen zwischen den Teilchen, die bisher kaum verstandenen "Informationen" wie sich Materie ordnet, also etwas, das mit "Geist" bzw. etwas "Geistigem" vergleichbar sei.

Diese und andere Fragen folgen einer Leitthese, die sich Sünner für den Film zu eigen gemacht hat: Die "überwältigende Kreativität innerhalb der Evolution" sei das Bindeglied zwischen Naturwissenschaft und dem, was Sünner nicht Religion, sondern Spiritualität nennt. Am deutlichsten bringt der Biologe Stuart Kauffman diese Kreativität in die Nähe religiöser Verehrung: "Ich möchte die natürliche Kreativität Gott nennen, nicht Schöpfergott, nur Kreativität des Universums."

Der Film selbst sowie alle darin zu Wort kommenden Wissenschaftler sind bemüht, sich von den "unwissenschaftlichen" Entwürfen des Kreationismus und des Intelligent Design abzugrenzen. Deutlich hingegen ist Rüdiger Sünners Nähe zur Anthroposophie, der er bereits einen viel beachteten Film ("Abenteuer Anthroposophie") gewidmet hat. Aber auch von wissenschaftlicher Seite wird der Film zur Kenntnis genommen. Am 6. Dezember lud die Urania in Berlin zur Premiere ein. Sie sieht ihren Auftrag darin, allen Bürgern wissenschaftliche Bildung zu vermitteln.
Die Stärke des Films liegt in seinem Staunen und Fragen. Eine Gefahr könnte darin liegen, dass der Film den Eindruck erweckt, Wissenschaft sei selbst vor allem eine kreative und weniger eine exakte Angelegenheit. Der Film sucht das Geheimnis in der Wissenschaft auf. Dies darf als sein Verdienst gelten, insofern es dabei tatsächlich um wissenschaftliche Positionen geht. Kritisch zu beurteilen ist das Verwischen der Grenze zwischen ernstzunehmender Wissenschaft und esoterisch anmutenden Positionen im Film.

Claudia Knepper