Gemälde

Bildbeschreibung und Deutung der Symbolik von Lucas Cranachs Adam und Eva

Lucas Cranach der Ältere, Adam und Eva, 1526Lucas Cranach der Ältere, Adam und Eva, 1526

Im Jahr 1504 reiste Lucas Cranach von Wien nach Wittenberg, um die Position des Hofmalers von Herzog Friedrich III. anzutreten.

Dreizehn Jahre später wurde die Stadt durch Martin Luther bekannt, der seine 95 Thesen an die Pforte der Schlosskirche von Wittenberg nagelte. Damit war Cranach bei der Geburtsstunde der als Reformation bekannt gewordenen Entwicklung präsent - im Epizentrum der Ereignisse, die Europa für immer verändern sollten. Als enger Freund Luthers wurde er natürlich der bevorzugte Porträtmaler dieses Kreises, der sich in diesem entscheidenden Moment um den reformierten Mönch versammelte. 

Aber er begnügte sich nicht damit, nur künstlerische Dienste zu leisten, er war auch ein engagierter Aktivist, der sich an der Gestaltung von Propagandablättern beteiligte, die Kosten für die Herausgabe von Luthers Bibelübersetzung übernahm und zu diesem Zweck in seinem Haus eine Druckerei einrichtete.

Cranach malte Adam und Eva in vielen Fassungen

Sein Engagement für Luther hielt ihn jedoch nicht davon ab, Aufträge von namhaften Mitgliedern der römischen Kirche anzunehmen. Seine Arbeit war gefragt, und nach den überlieferten Steueraufzeichnungen zahlte in Wittenberg ab 1528 nur noch ein weiterer Bürger mehr Steuern.

Ein großer Teil seines Vermögens wurde durch sein bekanntermaßen hohes Arbeitstempo erzielt, das viele Versionen desselben Themas oder derselben Thematik hervorbrachte. Adam und Eva war ein solches Thema, das den zusätzlichen Reiz hatte, auch von Luther als geeignetes Thema gewürdigt zu werden.

Hier sind vier seiner Dyptichen desselben Motivs, die er in verschiedenen Jahrzehnten für unterschiedliche Auftraggeber malte:

Lucas Cranach der Ältere, Der Sündenfall, c.1510-20, Kunsthistorisches Museum Wien

Version im Kunsthistorischen Museum Wien, ca. 1510 - 1520

Lucas Cranach der Ältere, Adam und Eva, 1528, Uffizien

Version in den Uffizien, Florenz, ca. 1528

Lucas Cranach der Ältere, Adam und Eva, 1530, Pasadena

Version im Norton Simon Museum, Pasadena, 1530

Lucas Cranach der Ältere, Adam und Eva, Chicago, c. 1533 - 37

Version im Art Institute of Chicago, c. 1533-37

Bildbeschreibung und Interpretation des Gemäldes von 1526

Im Gemälde von 1526, das heute in der Courtauld Gallery in London zu sehen ist, steht das erste Menschenpaar zu beiden Seiten des Baumes der Erkenntnis. Es fällt auf, dass Cranachs Aktdarstellungen weit vom Ideal der italienischen Renaissance abweichen. 

Sie stellen ein Schönheitsideal dar, das auf die internationale gotische Malerei zurückgeht und dem modernen Auge vielleicht näher kommt - Eva ist schlank und auch Adam hat einen natürlichen, lebensechten Körperbau.

Lucas Cranach der Ältere, Adam und Eva, 1526

Lucas Cranach der Ältere, Adam und Eva, 1526

Sie befinden sich inmitten der grünen Weiden und üppigen Wälder des Garten Eden, umgeben von einer wunderschön gestalteten Auswahl von Tieren - zwei verschiedene Arten von Hirschen, ein Löwe, ein Schaf, ein Wildschwein, ein Pferd und im Vordergrund ein maßstabsloser Storch, ein Paar Rebhühner und ein Reiher.

Alles spielt sich vor einem perfekten Abendhimmel ab. Der Horizont erstrahlt in den letzten Lichtstrahlen der Tagessonne. Doch leider wissen wir, dass dieses Paradies unseren Vorfahren bald für immer verwehrt sein wird.

Der Baum ist voll von reifen Früchten, die einen angenehmen dekorativen Effekt gegen das umliegende Laub bilden. Aus seiner Krone schlängelt sich die Schlange, die Eva dazu verleitete, einen Bissen der verbotenen Frucht zu nehmen. Sie reicht Adam den Apfel, der sich vor Verunsicherung am Kopf kratzt. 

Adam und Eva Detail Adam

Wir sind Zeugen der allerletzten Momente ihrer glückseligen Unschuld und des anschließenden Sündenfalls des Menschen. Aber um den Stamm des Baumes herum hatte eine Weinrebe Wurzeln geschlagen und windet sich schlängelnd um den Stamm, was die Haltung der Schlange oberhalb aufgreift. Wir stellen jedoch fest, dass zwei Weinranken mit schamvoller Präzision gewachsen sind, um uns vor dem Anblick der männlichen und weiblichen Genitalien zu bewahren.

Deutung der Tiersymbolik in Cranachs Adam und Eva

Auch wenn das Gesamtmotiv wenig Interpretationsspielraum darin zulässt, um welche Szene es sich handelt, so bietet die Auswahl an Tieren in der Darstellung zahlreiche Deutungsansätze.

Rehbock

Bildbeschreibung und Deutung der Symbolik von Lucas Cranachs Adam und Eva

Das häufigste Symbol des Erlösers Christus ist der Hirsch. Der junge geweihlose Rehbock (dargestellt, wie er aus dem Teich unten rechts trinkt) konnte sich nicht verteidigen und war daher der Gnade der Menschheit ausgeliefert, wie der wehrlose Christus, als er zum ersten Mal in die Welt kam.

Hirsch

Adam u. Eva Hirsch

Cranachs Abbildung des ausgewachsenen Hirsches mit Geweih - das den Körper Adams überdeckt - bezieht sich wahrscheinlich auf den auferstandenen Christus. Der dürre Hirsch ist ein Verweis auf Psalm 42, der den nach Gott dürstenden Menschen mit dem Hirsch auf der Suche nach Wasser vergleicht. "Wie der Hirsch lechzt nach frischem Wasser, so lechzt meine Seele, nach dir, Gott".

Schafe

Schaf

Zusammen mit den Hirschen erinnern die Schafe, die zufrieden hinter Adam weideten, an die Fügsamkeit der wahren Christen. "Der Herr ist mein Hirte" (Psalm 23, V.1).

Storch und Reiher

Vögel

Ein Storch steht direkt unter den Trauben am Rand eines Teiches. Dieser Vogel wurde von christlichen Ikonenzeichnern mit Frömmigkeit, Reinheit und Auferstehung in Verbindung gebracht. Als vernünftiges Wesen hatte er nur ein einziges Nest, das als Metapher für die Kirche, die einzige Heimat für die Gläubigen, verwendet wurde.

Der Reiher am rechten unteren Rand des Bildes teilte diese Moralvorstellungen und signalisiert gleichzeitig, dass man auf dem richtigen, unerschütterlich Weg ist.

Rebhühner

Die Rebhühner neben dem Storch haben eine mehrdeutige allegorische Bedeutung. Der Physiologus, eine frühmittelalterliche Abhandlung, beschrieb sie als Geschöpfe, die zu Täuschung und Unreinheit neigen. Es ist jedoch wahrscheinlich, dass Cranach sie hier als Paar verwendet, um die positive Kraft der Liebe darzustellen.

Wildschwein und Löwe

Wildschwein

Es gibt einige Belege dafür, dass das Wildschwein Eigenschaften repräsentiert, die denen des Schafs widersprechen (Zorn, Brutalität und Wollust) und als Verkörperung des Antichristen und der Löwe als Gegenspieler des Hirsches sowie als Personifizierung des Teufels gedeutet werden kann.

Aber die Positionierung ist nicht eindeutig: Das Wildschwein könnte man auch als Gerechtigkeit, Unabhängigkeit und Mut gegenüber den Feinden Gottes interpretiert werden, während der Löwe auch als Symbol für Christus verwendet wurde, mit dem er drei Naturen teilte und das Böse (den Teufel) überwand.

Pferd

Pferd

Cranachs Pferd, ein weiteres Christussymbol, das im Begriff zu sein scheint, den Bildraum zu verlassen, deutet darauf hin, dass die Mächte des Guten dabei sind, Eden mit dem bevorstehenden Sündenfall zu verlassen.