Kunst

Ai Weiwei – Biografie, bedeutende Werke und Einfluss

Ai Weiwei BiografieFoto: Alfred Weidinger / Flickr

Ai Weiwei (geb. 28. August 1957 in Peking) ist ein chinesischer Künstler und Aktivist, der eine vielfältige Auswahl kreativer Arbeiten geschaffen hat, die internationale Aufmerksamkeit erregt haben. 

Ein Großteil seines Werks sind skulpturale Installationen, Architekturprojekte, Fotografien und Videokunst.

Während Ai Weiweis Kunst international gelobt wurde, löste die provokative Ebene seiner Kunst und seine politische Offenheit unterschiedliche Formen der Unterdrückung durch die chinesischen Behörden aus.

Zusammenfassung von Ai Weiweis Schaffen

  •  
    Ai Weiwei ist der wohl bekannteste zeitgenössische chinesische Künstler. Als Aktivist lenkt er die Aufmerksamkeit auf Menschenrechtsverletzungen. Als Künstler erweitert er die Definition von Kunst um neue Formen des sozialen Engagements.
  •  
    In einem Land, in dem die Meinungsfreiheit nicht als Recht anerkannt wird, hat ihn die Polizei verprügelt, unter Hausarrest gestellt, sein neu gebautes Atelier mit einer Planierraupe dem Erdboden gleichgemacht und ihn der Überwachung unterworfen. Er wird sogar als Bedrohung für die Harmonie der Gesellschaft angesehen.
  • Ai Weiwei selbst gehört zu einer langen Reihe von chinesischen Freidenkern und Schriftstellern, die sowohl von der Rechten als auch von der Linken marginalisiert werden. Ai Weiweis dramatische Kunstwerke zeigen die wachsende Kluft zwischen dem Ideal und der Realität der chinesischen Gesellschaft.
  •  
    Er ist auch einer der frühesten Konzeptkünstler, der soziale Medien - insbesondere Instagram und Twitter - als eines seiner Hauptmedien nutzt.

Bücher zum Künstler und der Person Ai Weiwei

Bevor wir uns unserer Biografie widmen, findest du hier eine Übersicht lesenswerter Bücher zum facettenreichen Schaffen des Künstlers.


Biografie von Ai Weiwei

Ai Weiwei Smartphone

Foto: Alfred Weidinger / Flickr

Kindheit

Ai Weiwei ist der Sohn der Schriftstellerin Gao Ying und des Dichters Ai Qing. Sein Vater war in China sehr bekannt und war vor seiner Geburt von der nationalistischen Regierung wegen des Verdacht linksradikal zu sein inhaftiert worden.

Nach der Gründung der Volksrepublik China wurde Ai Qing während der anti-intellektuellen Kampagne Maos erneut beschuldigt, rechts zu sein. Die Familie wurde ins Exil verbannt, als Ai gerade einmal ein Jahr alt war. Die poetische Kunst seines Vaters und die politische Situation der Familie beeinflussten die Einstellung des Künstlers schon früh.

Die Familie lebte zwanzig Jahre lang im Exil, in kleinen Dörfern nahe der nordkoreanischen Grenze in der Provinz Xinjiang, wo sein Vater zu schwerer Arbeit gezwungen wurde, unter anderem zur Reinigung der Gemeinschaftstoiletten.

Um als Kind zu überleben, lernte Ai viele der praktischen Fähigkeiten, die er später in seiner Kunst anwenden würde - wie etwa die Herstellung von Möbeln. Über seine Kindheit berichtete er später, dass "die Lebensbedingungen extrem hart waren und es kaum Bildung gab."

Frühe Ausbildung

Ai Qing und seine Familie durften nach dem Tod Maos 1976 aus dem Exil zurückkehren. Dies ermöglichte es dem 19-jährigen Ai, sich an der Filmakademie in Peking zum Studium der Animation einzuschreiben.

Innerhalb weniger Jahre hatte er begonnen, sich in der inoffiziellen Pekinger Kunstszene zu engagieren und wurde zu einem der ersten Mitglieder von The Stars. Dabei handelte es sich um eine subversive politische Gruppe von Künstlern, die die Idee der Kunst als Selbstdarstellung in China wieder einführen wollten, nachdem Mao jahrzehntelang die Politik der Kunst im Dienste der kommunalen Interessen des Staates verfolgt hatte. Er nahm auch an einer Reihe von pro-demokratischen Märschen und Kundgebungen teil.

1981 zog er in die USA, wo er an verschiedenen Einrichtungen studierte und versuchte, sein Englisch zu verbessern. Schließlich zog er 1982 nach New York, wo er an der Parsons School for Design unter Sean Scully studierte. Er brach das Studium nach sechs Monaten ab und versuchte stattdessen, seinen Lebensunterhalt als Straßenkünstler und Gelegenheitsarbeiter zu verdienen.

Ai blieb 11 Jahre lang in New York, tauchte in die zeitgenössische Kunstszene ein und fotografierte die Stadt in einer Sammlung, die später als "New York Photographs" (1983-1993) bekannt werden sollte. Dort lernte er auch den Dichter der Beat Generation Allen Ginsberg kennen und freundete sich mit ihm an, der einst nach China gereist war und Ais Vater kennen gelernt hatte.

Während dieser Zeit reiste er auch durch die USA und interessierte sich für das Blackjack, das in den Casinos von Atlantic City gespielt wurde. Er wurde so versiert in diesem Spiel, dass die amerikanischen Blackjack-Spieler ihn als professionellen Zocker kennengelernt haben und nicht als Künstler.

Künstlerische Reife

Ai's erste Einzelausstellung mit dem Titel "Old Shoes, Safe Sex" fand 1988 in New York in der Art Waves/Ethan Cohen Gallery statt. Fünf Jahre später wurde sein Vater krank, woraufhin er nach Peking zurückkehrte. Dort produzierte er drei Bücher über Interviews mit einigen seiner Lieblingskünstler aus dem Westen, darunter Marcel Duchamp, Andy Warhol und Jeff Koons, und stellte Verbindungen zwischen dieser älteren Künstlergeneration und einer aufstrebenden Generation von Ikonoklasten (zu der auch er selbst gehörte) in Peking her.

1996 verstarb sein Vater. Ai hat seinen Vater als den wichtigsten Einfluss auf sein Leben identifiziert. Er vertiefte sich in den chinesischen Traditionen und verbrachte die letzte Hälfte dieses Jahrzehnts mit der Herstellung von Möbeln. Obwohl er keine formale Ausbildung in der Architektur hatte, baute er sich 1999 ein Haus und ein Atelier im Norden Pekings. Einige Jahre darauf gründete er das Architekturbüro namens FAKE Design.

Das Jahr 1999 war ein Wendepunkt im Leben und in der Karriere von Ai. Er wurde ausgewählt, um China auf der Biennale in Venedig zu vertreten, eine Entwicklung, die seinen Ruf im internationalen Kunstgeschehen auf ungeahnte Höhen katapultierte.

Im selben Jahr half er beim Kuratieren einer Ausstellung in Shanghai mit dem Titel "F**k off". Dies erweckte die Aufmerksamkeit der chinesischen Regierung, allerdings nicht auf eine erfreuliche Art und Weise. Um die Tragweite dieser Ausstellung zu verstehen, ist es entscheidend, ein wenig über die staatlich sanktionierte Kunst Chinas zu wissen, die seit den 1970er Jahren gefördert wird. Die unausgesprochenen, aber relativ strikt durchgesetzten Richtlinien bestimmten, dass die Kunst gegenständlich und respektvoll sein muss und das blühende Leben im Kommunismus feiern soll.

Es ist daher unmöglich, die revolutionäre Wirkung dieser Ausstellung zu überbewerten, die Werke des Künstlers zeigt, der kürzlich eingeladen worden war, das Land auf der Biennale von Venedig zu vertreten. Um ihn herum stellte eine Gruppierung befreundeter und systemkritischer Künstler aus China ihre Werke aus. Die Botschaft der Ausstellung hätte nicht deutlicher sein können, wobei der Titel genau das erahnen lässt, worum es ging.

Gegenwärtige Arbeit

Ai war schon immer ein politischer Aktivist. Seit 1999 wird seine Sichtbarkeit in der Öffentlichkeit, sowohl im Westen als auch in China, von chinesischen Regierungsvertretern jedoch als aktive Bedrohung angesehen. Drastische Bemühungen seitens der Regierung, seine Kommunikation mit einem breiten Publikum einzuschränken, haben ihn paradoxerweise zu einer Reihe ehrgeiziger Projekte motiviert, die sich direkt mit politischen Themen in China befassen, wie z.B. der Einschränkung des Internets.

Im Jahr 2005 begann er, sich über einen Blog auszudrücken, zu dessen Gründung er von der chinesischen Internetfirma Sina eingeladen wurde. Im Jahr 2009 schaltete die chinesische Regierung den Blog ab, der zu dieser Zeit 100.000 Aufrufe pro Tag erhielt. Als Folge begann Ai, auf Twitter zu posten, was ihm weltweite Bekanntheit und eine Online-Präsenz einbrachte, die seine persönliche Überzeugung unterstützte, dass Künstler mit ihrem Publikum in Kontakt bleiben müssen: "Als Künstler hat man die Pflicht, die Menschen wissen zu lassen, was man auf dem Herzen hat und warum man dies tut.

Eines der berühmtesten Projekte von Ai, häufig als Vogelnest bekannt, war sein Entwurf für das Stadion der Olympischen Sommerspiele 2008 in Peking. Beim Entwurf des Bauwerks, das in Zusammenarbeit mit den Schweizer Architekten Herzog & de Meuron entstand, drückte Ai seine Hoffnung aus, dass es "ein Gefühl von Gerechtigkeit und Fairness" vermitteln würde. In der internationalen Presse kritisierte er offen die chinesische Regierung und nannte die Befürchtung, dass die Olympischen Spiele ihren Machtmissbrauch nur noch verstärken würden.

Ai Weiwei Peking Nationalstadium

Foto: Peter23 / Wikipedia / CC BY SA 3.0

Dieses Projekt brachte dem Künstler große internationale Bekanntheit und eine Beeinträchtigung seiner Beziehung zu den chinesischen Behörden. Ai war als so etwas wie ein Problemkind aufgetaucht. Andererseits war er mit Abstand der bekannteste zeitgenössische chinesische Künstler, der im Westen akzeptiert und von der Presse gefeiert wurde. 

Die anhaltenden Versuche der Regierung, trotz einiger wachsender Spannungen positive Beziehungen zum Westen zu unterhalten, sind für Chinas Wachstums- und Erfolgsziele nach wie vor entscheidend.

In einer Reihe leidenschaftlicher Twitter-Posts nach dem Erdbeben in Sichuan im Mai 2008 drückte er seine Wut über den Tod von Tausenden Schulkindern aus, der auf den schlampigen Bau von Schulgebäuden in der Gegend zurückzuführen ist, was er als Beweis für die staatliche Korruption ansieht. In der Hoffnung, diese nationale Empörung unter den Teppich zu kehren, versäumten es Regierungsbeamte, die Zahlen (nach der jüngsten Schätzung über 5.000 Tote) bekannt zu geben, und Ai leitete eine unabhängige Untersuchung ein, die die Fakten und Beweise ans Licht brachte. Diese Untersuchung wurde 2008 unterbrochen, als die Polizei in sein Hotelzimmer in Chengdu einbrach und ihn so schwer misshandelte, dass er mit einer Hirnblutung ins Krankenhaus eingeliefert werden musste.

Ai Weiwei Haus der Kunst

Foto: Douglas LeMoine / Flickr

Seitdem hat die chinesische Regierung weitere Maßnahmen ergriffen, um die Bewegungs- und Kommunikationsfreiheit von Ai sowohl innerhalb als auch außerhalb des Landes einzuschränken.

Im Jahr 2010 wurde er für mehrere Wochen unter Hausarrest gestellt.

2011 wurde ihm die Nutzung von Twitter verboten, und in seinem Haus wurden Überwachungskameras der Regierung installiert. Im selben Jahr wurde er auf dem internationalen Flughafen von Peking verhaftet und ohne offizielle Anklage inhaftiert (angeblich wegen Finanzkriminalität).

Ai Weiwei Missing

Foto: Daniel Lobo / Flickr

Während all dies geschah, sah die westliche Kunstwelt entsetzt zu und mobilisierte mit Hilfe internationaler Menschenrechtsgruppen zu seiner Freilassung. Nach 81 Tagen wurde Ai aus der Haft entlassen und mit einer Geldstrafe von über 12 Millionen Yuan (1,85 Millionen USD) bestraft. Chinesische und internationale Unterstützer brachten die Gelder auf, um das zurückzuzahlen, was die chinesische Regierung von ihm verlangte. Im Juli 2015 erhielt er einen internationalen Reisepass. 

Sein internationales Ansehen schützte ihn zwar letztlich nicht vor harter Bestrafung, doch führte das weltweite Bewusstsein für seine Situation und der zunehmende diplomatische Druck seitens einiger Länder zu seiner Freilassung und einer Erhöhung des Bewusstseins über die Missstände in China. Bis 2019 lebte er in Berlin und veranstaltete Ausstellungen in Helsinki, Paris und anderen westlichen Metropolen. Seit 2019 lebt er in Cambridge.


Künstlerisches Vermächtnis von Ai Weiwei

Der Einfluss von Ai auf den Westen ist wohl größer als in China, wo er nach wie vor ein äußerst umstrittener Charakter ist. In den USA und in Europa wird er fast durchgängig bewundert, sowohl als Künstler als auch als politischer Aktivist. Ai Weiwei hat den Weg zu einem ausgewogeneren Bewusstsein für die zeitgenössische chinesische Kultur in der internationalen Gemeinschaft geebnet.

Einige seiner jüngsten Werke sind einfache Aktionen, die die Aufmerksamkeit auf gegenwärtige soziale Krisen lenken sollen. In einer beeindruckenden Performance im Jahr 2015 posierte er als lebloses Kleinkind, das in der Türkei an Land gespült wurde. Als eine Syrerin in einem griechischen Lager erwähnte, dass sie ihr Klavier vermisse, ließ er eines zu ihr bringen und filmte ihre Aufführung.

Auf zunehmend globaler Ebene konzentrieren sich die humanitären Bemühungen von Ai auf diejenigen, die in Armut und Unterdrückung leben und die sonst vielleicht keine Möglichkeit haben, ihre Stimme zu äußern.


Weitere Ressourcen 

Artikel

Videos