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Wie das Rhinozeros im 16. Jhdt. nach Europa gelangte und in Albrecht Dürers Holzschnitt verewigt wurde

Albrecht Dürer, Rhinozeros, 1515

Das Albrecht Dürer Rhinozeros ist ein bedeutender Holzschnitt aus dem Jahr 1515. Die Darstellung wurde zu einer Ikone der frühen naturalistischen Darstellungsweise und inspirierte viele Künstler bis heute.

In diesem Artikel erfährst du, wie das Nashorn nach Europa gelangte, wie Albrecht Dürer davon erfuhr und schließlich, wieso die Darstellung so unheimlich beliebt geworden ist.

Wie ein Nashorn nach Europa gelangte

Während Handels- und Frachtschiffe die Meere und Ozeane beherrschten, war es im Laufe des sechzehnten Jahrhunderts sehr üblich, diese Kähne gefüllt mit Pflanzen, Gewürzen und exotischen Tieren zu beladen. Das Europa des 16. Jahrhunderts war ein Europa des Seehandels, das erstmalig ferne Eindrücke auf den Kontinent verfrachtete. Die Portugiesen umfuhren das Kap der Guten Hoffnung, um 1498 den Fuß auf die indische Halbinsel zu setzen. 

Der Austausch zwischen Vertretern der portugiesischen Monarchie und indischen Sultanen wurde ab diesem Zeitpunkt beinahe alltäglich, um Handel zu betreiben oder um Abkommen zu schmieden. Vor allem der Import orientalischer Gewürze war zu dieser Zeit wichtig.

Portugiesische Gewürzroute, 15. und 16. Jahrhundert

Portugiesische Gewürzroute, 15. und 16. Jahrhundert | Grafik: Lencer / Wikipedia

So begab sich Alfonso de Albuquerque, Gouverneur von Portugiesisch-Indien in Goa, im Januar 1515 in Richtung Lissabon. An Bord waren kostbare Elfenbeinmöbeln und andere prestigeträchtige Geschenke. Darunter auch ein Nashorn, das als königliches Geschenk von Muzaffar Shah II, dem Sultan von Cambay an die Portugiesen überführt werden sollte. Am 20. Mai 1515 legte das Schiff am Ufer des Belém in Lissabon an und die Ankunft des Nashorns erregte zweifelsfrei den größten Eindruck. 

Seit über zwölf Jahrhunderten und der Römerzeit hatte kein einziges Tier dieser Spezies mehr das alte Europa gesehen. In der königlichen Menagerie von Manuel I. zieht das Tier viele Schaulustige an, die das Nashorn mit dem Namen Ulysse besichtigen wollen. Der Trubel um die Ankunft des Nashorns ist so groß, dass die Botschaft sogar in Spanien, Frankreich und Italiens Aufsehen erregte. 

Vor allem wegen der ausgezeichneten Handelsbeziehungen zwischen den Portugiesen und den Deutschen bekam auch Albrecht Dürer Wind von dem außergewöhnlich exotischen Tier. Er würde es darstellen, ohne es jemals selbst gesehen zu haben.

Die Darstellung von Albrecht Dürers Rhinozeros

Unter den Neugierigen, die sich in der Nähe des Ajuda Nationalpalastes oder in den Straßen versammeln, um die Paraden des Nashorns zu bewundern, waren auch viele Gelehrte und Wissenschaftler. Sie hatten sicher schon die Schriften von Plinius dem Älteren, Strabo und anderen antiken Autoren gelesen, die über das Nashorn geschrieben hatten. Die Faszination für den "natürlichen Feind des Elefanten" war dementsprechend groß.

Auch Valentin Ferdinand, der als Drucker in Lissabon lebte, bekam von der Botschaft des ungewöhnlichen Besuchs Wind. Er verfasste einen Brief und eine Zeichnung des Tieres an die Kaufmannsgemeinde von Nürnberg geschickt, wo er die physiognomischen Eigenschaften des Nashorns detailliert beschrieben hat. 

Albrecht Dürer las jenen Brief und war von der Fremdheit des Tieres beeindruckt, so dass er zunächst eine Federzeichnung anfertigte, die er später in einem Holzschnitt nachbildete.

Albrecht Dürer, Rhinozeros, 1515

Obwohl das Albrecht Dürer Rhinozeros der Realität ziemlich nahe kommt, hat es einige offensichtliche Merkmale, die darauf zurückzuführen sind, dass der Künstler selbst das Tier nie gesehen hatte:

  • Am Hals fügte er einen kleinen Narwalzahn hinzu
  • Er zeichnete die Haut des Nashorns wie den Panzer eines Krustentieres
  • Erstellte die Haut der Beine des Tieres wie Reptilienschuppen dar
  • Er verlieh dem Tier den Schwanz eines Elefanten

Er fügt eine Legende hinzu und betitelt das Werk "1515 RHINOCERVS", gefolgt von seinem Monogramm. Durch die Darstellung von Albrecht Dürer hat die Wiederentdeckung des Nashorns die Wahrhaftigkeit der Schriften des Plinius bestätigt und seine Autorität unter den Wissenschaftlern gestärkt. 

Wie das Rhinozeros im 16. Jhdt. nach Europa gelangte und in Albrecht Dürers Holzschnitt verewigt wurde

Der Holzschnitt gelangte in ganz Europa zu großem Erfolg und fast 5.000 Abzüge dieses Bildes wurden wahrscheinlich schon zu seinen Lebzeiten verkauft. Der Einfluss des Werkes von Dürer reicht durch die Jahrhunderte und fasziniert viele Künstler bis heute

Vervielfältigungen und Neuinterpretationen des Motivs

Neben seinen Ausgaben, die die Nachfrage nicht befriedigt haben, wurde es mit großer Präzision von mehreren Künstlern kopiert, um Bücher mit naturalistischer Ausrichtung zwischen dem 16. und dem 18. Jahrhundert zu illustrieren.  

Ein Nashorn, das augenscheinlich vom Albrecht Dürer Rhinozeros inspiriert ist, wurde von Paolo Giovio im Juni 1536 ausgewählt, um das Emblem von Alessandro de Medici zu kreieren.

Emblem von Alessandro de Medici

Emblem von Alessandro de Medici

Das Dürer-Nashorn ist auch in Wandteppichen des Kronborg-Schlosses oder in der Tür des Doms von Pisa zu sehen.

Selbst nach der Fertigstellung des Ölgemäldes von Jean-Baptiste Oudry aus dem Jahr 1749, das das Nashorn Clara zeigt, verlor der Stich von Dürer nicht an Beliebtheit. Auch in den vergangenen Jahrhunderten wurde Dürers Arbeit vielfach reproduziert und auf verschiedene Arten neuinterpretiert. 

Jean-Baptiste Oudry, Rhinozeros Clara, 1749

Jean-Baptiste Oudry, Rhinozeros Clara, 1749