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Die spannendsten Fakten zu Picassos “Les Demoiselles d‘Avignon”

Les Demoiselles d'Avignon MoMAFoto: Darren Kumasawa / Flickr.com / CC BY-NC-ND 2.0

Im Laufe der Kunstgeschichte sind bestimmte Werke entstanden, die einzelne Kunstrichtungen prägten und vorantrieben.

So ist die Mona Lisa beispielsweise das Gesicht der italienischen Renaissance. Die Sternennacht von van Gogh verkörpert den Post-Impressionismus. Und Les Demoiselles d’Avignon, ein Gemälde des Meisters der Moderne Pablo Picasso, ist der Inbegriff des Kubismus.

Heute hat sich dieses Picasso-Gemälde als eins der bedeutendsten Werke des Künstlers erwiesen – sowohl im Hinblick auf seine kubistischen Werke als auch bezüglich seiner übrigen Arbeiten.

Hier präsentieren wir einige interessante und wissenswerte Fakten zu diesem Stück, die veranschaulichen, warum “Les Demoiselles d’Avignon” einen so wichtigen Platz im Kanon der modernen Kunst einnimmt.

1. Das Bordell von Avignon

Der ursprüngliche Titel des Bildes lautete “Le Bordel d’Avignon” (Das Bordell von Avignon).

1907 vollendete Pablo Picasso sein “Les Demoiselles d’Avignon”. Damals teilte er seine Zeit zwischen den Künstlervierteln in Paris und mehreren Orten in Spanien auf – unter anderem im Barcelona, wo das Motiv angesiedelt ist.

Konkret zeigt das Werk fünf entkleidete Prostituierte aus einem Bordell an der Straße “Carrer d’Avinyó” im gotischen Viertel der Stadt.

Picasso betitelte das Bild treffend Le Bordel d’Avignon (übersetzt: Das Bordell von Avignon). Der Name wurde jedoch während einer Ausstellung geändert, die 1916 vom französischen Kunstkritiker und Schriftsteller André Salmon organisiert wurde.

Für die Ausstellung stellte Salmon das Gemälde unter seinem aktuellen Titel aus, um das skandalöse Thema vor der Öffentlichkeit zu verbergen. Obwohl sich diese Umbenennung eindeutig durchsetzte, hat Picasso sie angeblich nicht unterstützt.

2. Es erforderte Hunderte von Skizzen

Five Nudes (Study for "Les Demoiselles d'Avignon")

Sechs Monate vor der Ausgestaltung des Werks begann Picasso mit der Erstellung von Hunderten Vorbereitungsskizzen. Während das finale Gemälde in Öl gemalt wurde, hat Picasso viele dieser Studien in verschiedenen Medien angefertigt, darunter Bleistift und Aquarellfarben.

Die Studien für Les Demoiselles d’Avignon zeigen die Entwicklung des Konzepts und die Veränderungen, die der Künstler während des Planungsprozesses vorgenommen hat.

Die auffälligsten Veränderungen sind die Reduzierung der Figurenanzahl und ihre Positionierung – obwohl Picasso anscheinend schon früh die Entscheidung getroffen hat, eine hockende Person in die Darstellung aufzunehmen.

3. Picasso hat es jahrelang geheimgehalten

Obwohl das Werk bereits im Sommer 1907 fertiggestellt wurde, behielt Picasso es bis 1916 in seinem Atelier im Pariser Montmartre. Und das, obwohl das Gemälde 243.9 cm × 233.7 cm groß ist.

In dieser Zeit wurde nur eine ausgewählte Anzahl an Personen eingeladen, das Gemälde zu besichtigen, darunter auch der enge Freundeskreis des Künstlers. Die Meinungen zum Bild waren unterschiedlich.

4. Matisse kritisierte das Werk scharf

Saint Louis Art Museum (Saint Louis, Missouri)

Auch wenn die meisten Freunde von Picasso überrascht waren, unterstützten sie die Arbeit – mit Ausnahme von Henri Matisse. Seit Jahren hatte sich eine Rivalität zwischen den beiden aufgebaut, da beide darum rangen, die Hauptfigur der modernen Kunst zu sein.

Aus Angst davor, dass Picasso dieses “Duell” für sich entscheiden würde, kritisierte Matisse das Gemälde. Er behauptete, dass das Werk die moderne Kunst mit seinem kontroversen Thema und der ungeschliffenen Perspektive untergraben und verspottet hätte.

Kurioserweise wurde das kurz darauf von Matisse gemalte “Bathers with a Turtle” (1907-1908) von vielen Kritikern als direkte Antwort auf Picassos Gemälde verstanden, da es viele Gemeinsamkeiten teilt und Matisse das kontroverse Thema aufgreift.

5. Das Werke wurde 1910 in einem Artikel erwähnt

Obwohl das Gemälde erst 1916 ausgestellt wurde, erschien es klammheimlich in “The Wild Men of Paris”, ein Essay von Gelett Burgess. In dem Artikel beschreibt Burgess die proto-kubistische-Szene des zeitgenössischen Paris und präsentiert Werke von Künstlern wie Derain, Herbin und Braque.

Der wichtige Aufsatz wurde im Mai 1910 von der amerikanischen Monatszeitschrift “Architectural Record” veröffentlicht. Heute wird dem Schriftstück die Einführung der französischen Gegenwartskunst in die Vereinigten Staaten zugeschrieben, die Burgess witzigerweise als “eine neue Welt, ein Universum der Hässlichkeit” bezeichnet.

6. Es schlägt die Brücke zwischen Picassos afrikanischer und kubistischer Zeit

Picassos künstlerische Laufbahn umfasst stolze 79 Jahre. Um seine Stilentwicklung zu verfolgen, wird sein Werk in verschiedene Perioden unterteilt: Frühwerk, Blaue Periode, Rosenzeit, Afrikanische Periode, Kubismus, Neoklassizismus, Surrealismus und Spätwerk.

“Les Demoiselles d’Avignon” entstand nach seiner Afrikanischen Periode und an der Schwelle zum Kubismus und ist deshalb eines der wegweisendsten Werke der modernen Kunst.

Während seiner dreijährigen Afrikaperiode von 1906 bis 1909 ließ sich Picasso von den stilisierten afrikanischen Stammesmasken und Totems inspirieren. In dieser Phase begann er mit der Abstraktion zu experimentieren, was sich in den frakturierten Formen der Les Demoiselles d’Avignon zeigt.

Diese Formgebung deutete bereits auf den Kubismus (1908-1914) hin, der den Künstler die totale Fragmentierung und Vereinfachung der Formen aufgreifen ließ.

7. Es wurde von zwei berühmten Künstlern beeinflusst

Die Öffnung des fünften Siegels
El Greco, Die Öffnung des fünften Siegels, 1608 – 1614

Neben der afrikanischen und ozeanischen Kunst ließ sich Les Demoiselles d’Avignon auch von anderen Quellen inspirieren, darunter das Schaffen des spanischen Renaissance-Meisters El Greco und dem post-impressionistischen Vordenker Paul Cézanne.

Von El Grecos “Die Öffnung des fünften Siegels” leitete Picasso die großformatige und grundlegende Komposition ab. Das Werk stellt eine Szene aus dem Buch der Offenbarungen der Bibel dar. Ebenso scheint er mehrere für Cézannes Werk charakteristische Attribute übernommen zu haben: Eine strukturierte Pinselführung, eine flache Bildebene und eine schiefe Perspektive.

8. Es sollte im Louvre ausgestellt werden

Les Demoiselles d'Avignon

Nach der ersten Ausstellung 1916 blieb Les Demoiselles d’Avignon im Pariser Studio von Picasso, bis es 1924 an den Modedesigner Jacques Doucet verkauft wurde.

Doucet erklärte Picasso, dass er nach seinem Tod Les Demoiselles d’Avignon dem Louvre Museum spenden würde – ein Versprechen, das Picasso gefiel. Als er im Jahr 1929 starb, präzisierte Doucets Testament jedoch den Verkauf an private Sammler.

1937 kaufte das New Yorker MoMA das Gemälde für 24.000 Dollar. Seither ist es ein wertvoller Bestandteil der Sammlung geblieben.