Kunst

Eine kurze Übersicht der gesamten Ballettgeschichte vom 16. Jhdt. bis heute

Ballettgeschichte TitelbildEdgar Degas, La Classe de danse, 1875

Jedes Jahr besuchen Hunderttausende von Menschen Tschaikowskis Schwanensee, dem vielleicht beliebtesten Ballett aller Zeiten. Die Anfänge des Balletts liegen allerdings viele Jahrhunderte vor der Geschichte von Siegfried und Odette. Während die ältesten heute noch aufgeführten Ballette aus dem 19. Jahrhundert stammen, wurden choreografierte Tänze in einem Stil, der als Ballett bekannt ist, bereits in der italienischen Renaissance aufgeführt.

Als sich der Stil im Europa des 16. Jahrhunderts verbreitete, entwickelte sich der Tanz zu einer Kunstform, die schließlich professionalisiert und perfektioniert wurde. 

Lies weiter, um mehr über die gesamte Ballettgeschichte zu erfahren - eine anmutige und doch kraftvolle Disziplin, die die Herzen von Kindern und Erwachsenen gleichermaßen erobert und talentierte Tänzerinnen und Tänzer zum Bühnenstar katapultiert hat.

Ferdinando Galli Bibiena, Bühne mit Ballet, zw. 1670 und 1743,

Ferdinando Galli Bibiena, Bühne mit Ballet, zw. 1670 und 1743,

Die Geschichte des Balletts fängt mit dem Ballet de Cour an

Die frühesten Balletttänze waren Teil der streng rituell organisierten Hofunterhaltung im Italien der Renaissance. Die Aufführungen waren choreografierte Routinen, die von Aristokraten  in ihrer höfischen Kleidung aufgeführt wurden. Diese Tänze waren bei den Hochzeiten der Kaufmannsschicht und des Adels üblich, wo die Zuschauer mitmachen konnten. Frühe Tänze beinhalteten Mythologie und politische Symbolik.

Der Begriff Ballett stammt jedoch vom französischen ballet de cour, einer stilisierten Aufführung aus Tanz, Theater und Reden. Das erste ballet de cour fand 1573 am französischen Hof statt - angeregt durch die italienischstämmige Königin von Frankreich Catherine de' Medici, die ihre Liebe zum Ballett in das Nachbarland brachte. In der ersten Aufführung traten Tänzerinnen auf, die die französischen Provinzen repräsentierten.

Mit der Förderung des Balletts durch die Königin begann eine lange Geschichte des königlichen Interesses an dem neuen Tanzstil in Frankreich. Das ballet de cour blieb ein wichtiger Teil der königlichen Unterhaltung. König Ludwig XIV erhielt seinen Spitznamen des Sonnenkönig aufgrund seiner Rolle als Apollo in einer Aufführung des Ballet de la Nuit im Jahr 1653.

Henri de Gissey, Louis XIV dans Le Ballet de la nuit, 1653

Henri de Gissey, Louis XIV dans Le Ballet de la nuit, 1653

Unter der Herrschaft des Sonnenkönigs wurde das Ballett zu einer formelleren Disziplin. Die Académie Royale de Danse wurde 1661 gegründet und die Tanzmeister machten sich an die Arbeit, die Noten für die Choreographie zu standardisieren. 

Wusstest du: Die fünf grundlegenden Fußstellungen der gesamten Ballettgeschichte stammen aus dem Frankreich des späten 17. Jahrhunderts.

Die Ballettgeschichte im 18. Jahrhundert

Im 18. Jahrhundert konnte man Balletttänze an vielen europäischen Fürstenhöfen finden. Professionelle Darsteller tauchten auf und ersetzten weitgehend die Aristokraten, die einst gemeinsam tanzten. Opernhäuser inszenierten Opern in Verbindung mit Ballett, doch wurde dies um die Mitte des Jahrhunderts zugunsten einer Orchesterbegleitung aufgegeben.

Inspiriert von der aufkommenden Romantik in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts, erweiterten sich die von Tänzern dargestellten Charaktere auf Adelige, Bauern und andere romantische, fast märchenhafte Figuren. Das Ballett begann sich als eine Form der erzählenden Kunst zu entwickeln und nicht als einfaches Bühnenstück. Der Gebrauch von Schritten und Körpersprache, um Emotionen und Interaktion auszudrücken, wurde ausschlaggebend.

Die wichtigste Figur des Balletts im 18. Jahrhundert war Jean-Georges Noverre, dem typischerweise der Wandel zum erzählenden Ballet d'action zugeschrieben wird. Der französische Tänzer und Choreograph veröffentlichte 1760 seine Briefe über die Tanzkunst und das Ballett und beschrieb darin einen Ballettstil, der auf den Beziehungen der Charaktere basiert. Dieser neue Stil griff auf die alte Kunst der Pantomime zurück, weshalb das Ballet d'action auch als Pantomime-Ballett bezeichnet wurde.

Noverres berühmtestes Ballett Les Fêtes Chinoises ist ganz der Ästhetik des Rokoko gewidmet. Ein trainiertes Corps de Ballet trat vor luxuriösen Bühnenbildern auf. Das Pariser Publikum lobte das Ballett bei seiner Premiere im Jahr 1754 in den höchsten Tönen.

Durch die Aufführungen in Theatern und Opernhäusern wurde das Ballett nun auch für ein Publikum außerhalb des königlichen Hofes zugänglich. Die Kunst wurde weiterhin von männlichen Choreographen dominiert, aber auch Frauen kreierten Stücke und traten selbst auf der Bühne auf.

Marie Sallé war eine dieser Frauen. Bekannt als eine der ersten Tänzerinnen, die einen wirklich gefühlsbetonten Stil entwickelte, trat sie an der Pariser Oper und in Covent Garden auf, bevor sie sich auf ihre lehrende Tätigkeit konzentrierte. 

Maurice Quentin de La Tour, Porträt der Marie Sallé, 1741

Maurice Quentin de La Tour, Porträt der Marie Sallé, 1741

Ihre Künste wurden so sehr bewundert, dass sie auch im fortgeschrittenen Alter noch von Adeligen aufgesucht wurde, um für sie aufzutreten. Zusätzlich zu ihrer Tanztätigkeit choreographierte sie ihre eigenen Ballette - darunter eines mit dem Titel Pygmalion, das auf dem griechischen Mythos basiert.

Romantisches Ballett

Das 19. Jahrhundert war die Geburtsstunde eines Ballettstils, der dem modernen Publikum geläufig sein sollte.

Die Französische Revolution verursachte eine Trendwende: Das Ballett löste sich erstmals von seinen höfischen Wurzeln. Die Röcke wurden kürzer und weiche Schläppchen wurden entwickelt, die eine größere Bewegung ermöglichten. Der Spitzentanz wurde in den ersten Jahrzehnten des Jahrhunderts von professionellen Tänzerinnen entwickelt. 

Zu diesen frühen Pionierinnen gehörten die italienischen Tänzerinnen Amalia Brugnoli und Marie Taglioni, sowie die französische Ballerina Fanny Bias vom Ballett der Pariser Oper. Im 19. Jahrhundert wurde die Ballerina zum Star der einst von Männern dominierten Disziplin.

Alfred Edward Chalon, Marie Taglioni in “Zephire et Flore,” c. 1831

Alfred Edward Chalon, Marie Taglioni in “Zephire et Flore,” c. 1831

Die Romantik, die im 19. Jahrhundert alle Formen der europäischen Kunst durchdrang, beeinflusste auch das Ballett. Viele Werke des klassischen Balletts wurden in dieser Zeit geschrieben und sind als romantische Ballette bekannt. Dazu gehören La Sylphide (1836) und Giselle (1841). Beide werden auch heute noch aufgeführt, wenn auch oft mit Neuinterpretationen der Choreographien.

Merke: Weiche Bewegungen, volkstümliche Charaktere und ländliche Kulissen waren für das neue Ballett charakteristisch. Ballerinas trugen lange Tüll-Tutus und speziell angefertigte Spitzenschuhe, um ihre Hauptrollen zu tanzen.

Obwohl das Ballett ursprünglich unter den Bemühungen von Peter dem Großen nach Russland kam, wird allgemein angenommen, dass der Höhepunkt des russischen Balletts mit der Ankunft des französischen Choreografen Marius Petipa im späten 19. Jahrhunderts erreicht wurde.

Er lebte in Russland und schuf unter anderem die berühmten Choreografien für Dornröschen, Schwanensee, Der Nussknacker, Don Quixote, La Bayadère and Coppélia. Diese Ballette - die auch heute noch zu den meistaufgeführten gehören - halfen dabei, die herausragende Stellung Russlands in der Welt des klassischen Tanzes zu begründen.

Im späten 19. Jahrhundert konnten Ballettaufführungen in Theatern und Musiksälen von Menschen aus allen Gesellschaftsschichten auf der ganzen Welt gesehen werden. Obwohl nicht alle Tänzerinnen und Tänzer eine Position in den großen Ensembles bekamen, wurden diejenigen, die es schafften, verehrt und konnten sich einen Namen machen.

Die Tochter des Pharao, Grand pas des chasseresses aus Akt I der Choreographie von Petipa, St. Petersburg, 1898

Die Tochter des Pharao, Grand pas des chasseresses aus Akt I der Choreographie von Petipa, St. Petersburg, 1898

Moderne Kompanien der Ballettgeschichte

Das frühe 20. Jahrhundert war durch den Ersten Weltkrieg und die bolschewistische Revolution in Russland geprägt. Russische Tänzer aus St. Petersburg hatten sich 1909 unter der künstlerischen Leitung von Sergei Diaghilev zusammengefunden, um in Paris aufzutreten. Diese Aufführung war die Geburtsstunde der berühmten reisenden Kompanie, die als Ballets Russes bekannt ist.

Bis 1929 trat die Truppe auf der ganzen Welt auf - viele ihrer Mitglieder befanden sich nach der Revolution im Exil. Die Gruppe unternahm zwei Tourneen durch Amerika und trat sogar im Spiegelsaal von Versailles auf und brachte das Ballett damit zurück an seinen Entstehungsort. Während ihrer zwei Jahrzehnte arbeitete die Kompanie mit Künstlern wie Strawinsky, Picasso und Matisse zusammen. Künstlerisch brachte die Kompanie das Ballett ins 20. Jahrhundert.

Besonders beeindruckt war das Publikum bei der Premiere des Balletts Le sacre du printemps mit der einflussreichen Choreographie des polnischen Choreographen Vaslav Nijinsky und der Musik des Komponisten Igor Stravinsky.

Nicholas Roerich, Bühnendesign Le sacre du printemps

Nicholas Roerich, Bühnendesign Le sacre du printemps

Nicholas Roerich, Bühnendesign Le sacre du printemps

Nicholas Roerich, Bühnendesign Le sacre du printemps

Die große stilistische Revolution des George Balanchine

Die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts brachte einen neuen Stil, der als neoklassisches Ballett (bzw. Neoklassizismus ähnlich des Begriffs in der Kunst) bekannt wurde. George Balanchine, ein junger russischer Tänzer, der an der Kaiserlichen Ballettschule in St. Petersburg ausgebildet wurde, wurde zu einer der wichtigsten Figuren des modernen Balletts. Mit ihm begann einer der bedeutendsten stilistischen Revolutionen der gesamten Ballettgeschichte.

Der junge, klassisch ausgebildete Tänzer floh 1924 aus Sowjetrussland und schloss sich den Ballets Russes in Paris als deren Choreograph an. In Paris wurde 1928 sein Werk Apollo uraufgeführt, das heute als das erste neoklassische Ballett gilt. Seine reduzierte Ästhetik und die Choreographie, die von der Musik und nicht von der Geschichte angetrieben wird, waren äußerst innovativ.

Im Jahr 1933 zog Balanchine in die Vereinigten Staaten. Er gründete die School of American Ballet im Jahr 1934 und das New York City Ballet im Jahr 1948. Die moderne amerikanische Balletttradition wurde stark von Balanchine und seinen modernen, avantgardistischen Choreographien beeinflusst, die die früher vernachlässigten männlichen Tänzer wertschätzten. Legendäre männliche Tänzer aus der Mitte des Jahrhunderts werden noch heute verehrt, wie Rudolf Nureyev und Mikhail Baryshnikov. 

Zeitgenössisches Ballett

Heute sind viele klassische Ballette immer noch enorme Publikumslieblinge. Jedoch geht das zeitgenössische Ballett über die Arbeit der Choreographen des 19. und 20. Jahrhunderts hinaus. Aufbauend auf den narrativ-losen, emotionalen Kompositionen von Balanchine und anderen neoklassischen Künstlern, stößt das zeitgenössische Ballett an Grenzen.

Beispielsweise in der Kostümgestaltung werden moderne Trends umgesetzt, es fehlen Ballettschuhe, oder es werden ausgeklügelte Spezialeffekte mit den Bewegungen der Tänzer synchronisiert.

Junge Choreographen tauchen ebenfalls auf und bringen klassisches Training und Athletik in den modernen Tanz. Das Ballett wächst und entwickelt sich weiter. Es gibt sogar eine Form, die als Hiplet bekannt ist und Elemente des Balletts mit dem Hip Hop verbindet.

Die Ballettgeschichte befindet sich in einem stetigen Wandel, der durch die Kreativität und Athletik der zeitgenössischen Tänzerinnen und Tänzer angetrieben wird.

Edgar Degas, Kleine vierzehnjährige Tänzerin

Edgar Degas, Kleine vierzehnjährige Tänzerin, 1880