Kunst

Gedanken eines Genies – Alle Codices von Leonardo da Vinci im Überblick

Codices von Leonardo da VinciCodex Forster III im Originaleinband | Foto: Sailko / Wikipedia

Die Codices von Leonardo da Vinci sind Sammlungen von Anmerkungen, Notizen und Zeichnungen, die Leonardo da Vinci zu seinen Lebzeiten zu verschiedenen Themen angefertigt hat.

Mehr als 6.000 Blätter sind heute noch erhalten und befinden sich in Kunstsammlungen und Bibliotheken auf der ganzen Welt.

Anhand der Codices lassen sich Rückschlüsse zu Leonardos künstlerischer Genialität und Bildungsbreite ziehen, aber wichtiger noch gewähren sie tiefe Einblicke in das Verständnis von Wissenschaft, Architektur und Kunst im Italien des späten 15. und frühen 16. Jahrhunderts.

In diesem Artikel findest du eine Historie der Codices von Leonardo, bevor alle Exemplare samt Nennung ihrer inhaltlichen Höhepunkte vorgestellt werden.

Die Geschichte der Codices von Leonardo da Vinci

Die Manuskripte existieren heute meist nicht mehr in ihren ursprünglichen Fassungen, so wie sie Leonardo geführt hat.

Nach Leonardos Tod und dem Tod seines Schülers Francesco Melzi, der seine Aufzeichnungen geerbt hatte, fing dessen Sohn Orazio Melzi an, die Handschriften zu verkaufen. Teilweise veräußerte er sogar einzelne Blätter, wenn sie als besonders wertvoll galten.

Um 1590 konnte der Bildhauer und Kunstsammler Pompeo Leoni einen großen Teil der Aufzeichnungen Leonardos erwerben. Er fing an, einzelne Blätter zu beschneiden und sie zusammenzukleben, obwohl sie ursprünglich nicht zusammengehörten.

Nach dem Tod Leonis im Jahr 1608 gelang Graf Galeazzo Arconati in den Besitz von Leonardos Handschriften und vermachte sie schließlich 1637 der Mailänder Ambrosiana-Bibliothek.

Wie genau die Codices von Leonardo da Vinci an ihre heutigen Standorte gelangten, ist in den meisten Fällen ungeklärt. Ausschließlich im Falle der sogenannten Pariser Manuskripte ist es belegt, dass diese Exemplare als Kriegsbeute Napoleons nach Paris ausgeführt wurden.

Die Manuskripte in der britischen Royal Collection

In der Königlichen Sammlung von Großbritannien befinden sich mehr als 550 Zeichnungen von Leonardo da Vinci. Sie waren in ein einziges Album gebunden, das wahrscheinlich im 17. Jahrhundert von König Charles II. erworben wurde.

Heute befinden sich diese Zeichnungen von Leonardo in der Bibliothek des Windsor Castles, wo sie unter strengst überwachten Bedingungen gelagert werden.

Die Zeichnungen der Royal Collection sind sehr vielfältig und dürften in ihrem thematischen Spektrum und in ihrer zeichnerischen Qualität sogar die Sammlung der Mailänder Ambrosiana übersteigen.

Es lassen sich gleich mehrere dominierende Themen und Motivgruppen ausmachen. So gibt es viele anatomische Zeichnungen, Porträtstudien, Karikaturen, Pferdestudien, Landschaften und geografische Karten.

Zu den Höhepunkten der Sammlung gehören:

  • Leonardos Fötuszeichnungen
  • Zahlreiche anatomische Zeichnungen mit sehr hoher Genauigkeit 
  • Eine Studie der Leda für ein mittlerweile verschollenes Gemälde
  • Ein als gesichertes geltendes Bildnis von Leonardo aus der Feder seines Schülers Francesco Melzi
Leonardo da Vincis Fötuszeichnung
Leonardo da Vinci, Leda, 1504-06

Leonardo da Vinci, Leda, ca. 1504-06

Leonardo da Vinci, Royal Collection, Anatomiezeichnungen Fuß

Codex Arundel

Der Codex Arundel ist kein eigenständiges Notizbuch, sondern eine Zusammenstellung von Blättern aus verschiedenen fragmentierten Notizbüchern Leonardos, die insgesamt 283 Seiten umfasst.

In dieser Sammlung überwiegen Forschungen in Physik und Mathematik. Außerdem enthält sie architektonische und landschaftliche Studien.

Dieser Codex von Leonardo da Vinci wurde im frühen 17. Jahrhundert von Thomas Howard, 2nd Earl of Arundel erworben.

Sein Enkel Henry Howard, 6. Duke of Norfolk, schenkte es 1667 der kürzlich gegründeten Royal Society, die das Manuskript erstmals 1681 von William Perry katalogisieren ließ.

Höhepunkte der Sammlung sind u.a.:

Leonardo da Vinci Schwerkraft
Leonardo da Vinci, Kampfwagen mit Sicheln

Codex Atlanticus

Der Codex Atlanticus ist die umfangreichste Zusammenstellung von Leonardos Aufzeichnungen. 

Ende des sechzehnten Jahrhundert wurde sie vom Bildhauer Pompeo Leoni angelegt, der dafür viele der ursprünglichen Notizbücher zerlegte.

Nach den restauratorischen Maßnahmen in den 1960er Jahren besteht der Codex Atlanticus aus 1119 Blättern. 

Der Codex Atlanticus enthält Studien, die sich auf die gesamte Bandbreite von Leonardos Interessen an Wissenschaft, Technik und Architektur beziehen. Daneben finden sich auch persönliche Aufzeichnungen und Notizen aus dem Leben Leonardos im Codex Atlanticus.

Höhepunkte aus der Sammlung sind:

  • Frühester Entwurf eines funktionsfähigen Fallschirms
  • Skizzen zur Funktionsweise von Wassermühlen
  • Kriegsmaschinen
  • Darstellungen der Blume des Lebens und ihrer mathematischen Konstruktion
Leonardo da Vincis Fallschirm
Gedanken eines Genies – Alle Codices von Leonardo da Vinci im Überblick
Leonardo da Vinci, Blume des Lebens

Leonardo da Vinci, Blume des Lebens


Codex Leicester

Dieses 72-seitige Manuskript wurde im Jahr 1980 von Armand Hammer aus dem Nachlass von Lord Leicester ersteigert. 1994 wurde es dann wiederum von Bill Gates in einer Auktion erworben. Es befindet sich daher heute im Stiftungsmuseum der Eheleute Gates in Seattle.

Die Bewegung des Wassers ist das zentrale Thema des Codex Leicester. Leonardo schrieb unter anderem über das Fließverhalten von Wasser in Flüssen und wie es durch verschiedene Hindernisse beeinflusst wird. Aus seinen Beobachtungen leitete er under anderem Empfehlungen zum Brückenbau ab.

Im Codex Leicester lieferte Leonardo auch eine Erklärung dafür, warum Fossilien von Meereslebewesen an Berghängen gefunden werden können. Hunderte von Jahren bevor die Plattentektonik zur anerkannten wissenschaftlichen Theorie wurde, glaubte Leonardo, dass Berge zuvor teilweise Meeresgrund waren, der nach und nach erhöht wurde, bis sie Berge formten.

Leonardo erklärte zudem, dass das Leuchten auf dem dunklen Teil der Mondsichel durch das von der Erde reflektierte Sonnenlicht verursacht wird. Damit beschrieb er das Phänomen des Erdscheins einhundert Jahre bevor der Astronom Johannes Kepler es nachwies.

Codex Leicester 1
Codex Leicester 2

Codices von Madrid

Zwei Codices von Leonardo da Vinci sorgten bei ihrer Wiederentdeckung im Jahr 1965 für immenses Aufsehen.

Heute sind sie komplett digitalisiert auf der Website der Spanischen Nationalbibliothek einsehbar.

Codex I

Das aus 384 Seiten bestehende erste Manuskript ist in zwei Teile gegliedert. 

Der erste Teil Teil enthält Zeichnungen und Notizen zu einer Reihe von grundlegenden Mechanismen der Physik.

Der zweite Teil enthält Überlegungen zur theoretischen Mechanik.

Codex I

Das zweite Manuskript mit 314 Seiten enthält Studien, die im Rahmen von Leonardos Tätigkeit in Florenz nach dem Ende seines ersten Aufenthalts in Mailand entstanden sind. 

Es enthält Pläne für Militärbauten, die er für den Seigneur von Piombino gestaltete, geografische Karten der Toskana, Notizen zur Malerei und Studien zur Optik.

Das letzte Heft, das dem Manuskript beigefügt wurde, enthält Leonardos Studien, die er zwischen 1491 und 1493 für den Entwurf des Reiterdenkmals für Francesco Sforza erstellte.

Höhepunkte aus der Sammlung der Codices von Madrid sind:

  • Planungsentwürfe für das Sforza-Denkmal
  • Dutzende Maschinenentwürfe für verschiedene Zwecke
Codex Madrid, Manuskript-Seite für das Sforza Denkmal
Leonardo, Entwurf eines Kranhakens

Codex Trivulzianus

Der Codex Trivulzianus erhält seinen Namen von seinem Aufbewahrungsort der Biblioteca Trivulziana in Mailand.

Das Manuskript enthält 55 Blätter im Format 14 x 20,5 cm. Ursprünglich umfasste das Werk 62 Seiten.

Das Manuskript belegt Leonardos Versuche, seine literarische Bildung zu verbessern, indem er lange Listen mit Vokabeln aus wichtigen lexikalischen und grammatikalischen Quellen kopierte.

Das Manuskript enthält auch Überlegungen zur militärischen und religiösen Architektur, wie dem Mailänder Dom.

Gedanken eines Genies – Alle Codices von Leonardo da Vinci im Überblick
Codex Trivulzianus, Studien für den Mailänder Dom

Codex über den Vogelflug

Der Codex über den Vogelflug ist ein verhältnismäßig kurz gehaltener Kodex aus der Zeit um 1505. 

Er umfasst 18 Blätter und misst 21 × 15 cm. Der Kodex wird heute in der Königlichen Bibliothek von Turin aufbewahrt, weshalb ihm auch der Beiname Codex Turin verliehen wird.

Die Analyse des Vogelflugs umfasst hier die Anwendung von strengen mechanischen Prinzipien. Die Funktion des Flügels wird mit der Rolle eines Keilelementes verglichen, die des Schwanzes mit der eines Ruders, während die Gesetze des Gleichgewichts erklären, wie die Vogelmaschine in der Luft in Balance bleibt.

Leonardo untersuchte auch den Luftwiderstand, die Luftströmungen und den Wind.

Gedanken eines Genies – Alle Codices von Leonardo da Vinci im Überblick

Codex Forster

Der Codex Forster besteht aus insgesamt fünf Manuskripten, die in drei Bände (Forster I - III) aufgeteilt sind.

Die drei Bände befinden sich heute im Victoria and Albert Museum in London. Sie lassen sich heute online auf der Website des Museums komplett einsehen.

Forster I

Der erste Band besteht aus zwei verschiedenen Manuskripten, die insgesamt 101 Blätter umfassen.

Im ersten Manuskript finden sich Studien zur Stereometrie, d.h. die Verwandlung von Körpern in verschiedene Formen mit gleichem Volumen. Diese Studien zeigen Leonardos intensive Kenntnisse der euklidischen Geometrie unter der Lehre von Luca Pacioli.

Im zweiten Manuskript überwiegen die Studien der Hydraulik.

Leonardo da Vinci, Codex Forster I

Forster II

Dieser Band besteht aus zwei Manuskripten mit insgesamt 159 Blättern.

Das erste Manuskript enthält Abhandlungen über Mechanik, Knoten und Architektur.

Das zweite dokumentiert Leonardos Untersuchungen zur Physik und Mechanik.

Codex Forster II

Forster III

Dieses Einzelmanuskript besteht aus 94 Blättern und vermittelt den Eindruck eines Notizbuchs für Bleistiftskizzen und sporadische Bemerkungen.

Es gibt eine bemerkenswerte Vielfalt an Themen: Fabeln und Gleichnisse, Technikstudien, Entwürfe für das Sforza-Denkmal und Stadtpläne.

Auffällig in diesem Codex von Leonardo da Vinci ist sein Einsatz eines Rötelstiftes.

Gedanken eines Genies – Alle Codices von Leonardo da Vinci im Überblick

Pariser Manuskripte von Leonardo da Vinci

Als Pariser Manuskripte werden zwölf Einzelmanuskripte von Leonardo da Vinci bezeichnet, die im Institut de France in Paris aufbewahrt werden. Sie wurden 1796 von Napoleón Bonaparte aus der Biblioteca Ambrosiana als Kriegsbeute entwendet. 

Nach dem Sturz Napoleons im Jahr 1815 kehrte ausschließlich der Codex Atlanticus nach Mailand zurück, die übrigen zwölf Manuskripte befinden sich bis heute in Paris.

Eine umfangreiche Übersicht der einzelnen Manuskripte und ihrer Inhalte findet sich auf Wikipedia.

Höhepunkte der Pariser Manuskripte von Leonardo sind:

  • Entwurf einer Flugmaschine und einer Luftschraube
  • Anatomische Zeichnungen von Pferden
Gedanken eines Genies – Alle Codices von Leonardo da Vinci im Überblick
Leonardo Helikopter
Leonardo da Vinci Pferdeanatomie

Codex Ashburnham

Um 1840 entwendete der Mathematiker Guglielmo Libri verschiedene Materialien aus Bibliotheken in Florenz und Paris. Aus dem Institut de France entnahm er mehrere Blätter der Manuskripte A, B und E. 

Er fügte mehrere Blätter aus den Manuskripten A und B zu zwei Teilen zusammen, die später an Graf Bertrand Ashburnham verkauft wurden.

Das Institut de France erhielt die beiden Codices von Graf Ashburnhams Sohn zurück, doch einige Teile fehlten noch. Die so genannten Ashburnham-Codices werden heute als Ergänzungen zu den jeweiligen Manuskripten in Paris betrachtet.

Dieser Codex besteht aus 44 Blättern, die in zwei Teile untergliedert sind, weshalb sie auch Ashburnham I und Ashburnham II genannt werden.

Leonardo da Vinci, Codex Ashburnham, Entwurf einer Kirche

Leonardo da Vinci, Codex Ashburnham, Entwurf einer Kirche