Théodore Géricault, Das Floß der Medusa, 1818-19
Gemälde

Analyse: “Das Floß der Medusa” von Théodore Géricault

Das Floß der Medusa ist das wohl bekannteste Gemälde von Théodore Géricault, das mit Maßen von 491 x 716 cm zu den monumentalsten Meisterwerken der Kunstgeschichte zählt.

In diesem Artikel erfährst du alles über das Schicksal des Floßes von Anfang bis Ende: Auf welcher gruseligen (wahren) Begebenheit das Gemälde basiert, welche Einflüsse in Géricaults Darstellung zu erkennen sind, wie die Abbildung analysiert werden kann und wie das Werk in der Kunstwelt empfangen wurde.

Starten wir zunächst mit einem Überblick auf die Fakten und sehen uns anschließend das tragische Schicksal der Medusé genauer an.

Überblick über das Gemälde

  • Titel: Das Floß der Medusa
  • Datum: 1819
  • Höhe x Breite: 491 x 716 cm
  • Farbart: Ölfarbe
  • Malgrund: Leinwand
  • Bewegung: Romantik
  • Maler: Théodore Géricault
  • Aktueller Standort: Paris, Frankreich - Louvre-Museum

Das Floß der Medusa-Geschichte

Im Alter von 27 Jahren malte Géricault sein Meisterwerk "Das Floß der Medusa". Das Werk stieg unmittelbar nach seiner Veröffentlichung zu einem der Klassiker der Romantik auf.

In seiner Brutalität, seinem Realismus und der reinen Emotion fängt er die Essenz eines historischen Ereignisses ein, das die französische Öffentlichkeit schockierte. Die Geschichte hinter dem Gemälde ist so verheerend wie die dargestellte Verzweiflung auf der Leinwand.

Die Medusé war eine französische Fregatte, die vor der Küste Westafrikas auf Kurs war, bevor sie am 2. Juli 1816 auf einer Sandbank bei Mauretanien auf Grund lief. Nach drei Tagen des vergeblichen Bemühens, das Schiff von der Blockade zu befreien, begab sich die 400 Mann starke Besatzung des Schiffes zu den sechs Rettungsbooten des Schiffes, um endlich Land zu erreichen.

Schnell bemerkte die Mannschaft, dass alle 400 Mann keinen Platz in den Booten finden würden. Sie waren lediglich für maximal 250 Mann konstruiert worden.

Daraufhin wurde für die restlichen 147 Personen ein notdürftiges Floß konstruiert. Die Mannschaft verwendete für das Floß die Holzplanken und -stämme der Medusé, widmeten dem Floß aufgrund der drohenden Hungersnot jedoch nicht viel Zeit beim Bau.

Die Entwürfe zum Bau des Floßes

Die Entwürfe zum Bau des Floßes

Geplant war, dass die Rettungsboote das Floß der Medusa mit Seilen verbunden ziehen sollten. Kurz nach der gestarteten Evakuierung des Floßes kappte ein Offizier die Verbindungsseile, sodass das Floß ohne Antrieb die kommenden Tage auf sich allein gestellt war, nur in der Hoffnung, dass der Wind es an Land treiben würde.

Mit minimalem Proviant, einem Beutel Kekse, zwei Fässern Wasser und ein paar Fässern Wein trieb das Floß mit fast 150 Personen auf dem Meer. Schon kurze Zeit nachdem es losgetrieben war, kam es zu Streitereien unter den Menschen auf dem Floß zu Streitereien. Einige Personen wurden über Bord geworfen, andere wurden getötet und von den verbleibenden Treibenden verspeist.

Durch den Kannbalismus und die anhaltenden Auseinandersetzungen um das Schicksal des Floßes konnten nur 15 Personen gerettet werden, als das Floß schließlich in Küstennähe trieb.

Dieser Skandal der Kameradschaftlosigkeit sorgte in Frankfreich für einen öffentlichen Eklat. Ein französischer Chirurg schilderte die Vorfälle auf dem Floß und veröffentlichte sie in einem Artikel in der anti-bourbonischen Zeitschrift Journal des débats. Der Vorfall kratzte erheblich am Ruf der erst kürzlich wiedereingesetzten Bourbonenherrschaft.

Inspirationen für das Gemälde

Die größte Inspiration für das energiegeladene, theatralische Meisterwerk Géricaults war der Vorfall selbst. Die Situation wurde vom Chirurg Henri Savigny publik gemacht und der Bericht schockierte ganz Frankreich. Géricault erkannt den Moment und ergriff die Möglichkeit, eine Darstellung des Vorfalls zu malen, ohne dafür beauftragt worden zu sein.

Das fertiggestellte Werk „Das Floß der Medusa“ markiert einen entscheidenden Wendepunkt auf dem Weg in die französische Romantik und zeigt, wie das Medium der Malerei auch als politisches Instrument eingesetzt werden kann.

Darüber hinaus lassen sich einige Einflüsse aus dem Frühwerk des Künstlers als kreative Inspiration auf der Leinwand identifizieren. Sehen wir uns die wichtigsten einmal an:

Barocke Hell-Dunkel-Malerei

In Das Floß der Medusa setzt Géricault auf ein intensives Chiaroscuro, die stellenweise schon dem Tenebrismus gleicht, wie er von Caravaggio meisterhaft eingesetzt wurde.

Durch das gerichtete Licht erstehen starke Hell-Dunkel-Kontraste, die einzelne Figuren in den Fokus des Betrachters bringen und den Blick durch das Bild führen.

Anatomische Darstellung der Muskulatur

Muskulatur Das Floß der Medusa

Auch der Idealismus eines Michelangelo Buonarotti lässt sich in der Darstellung der Figuren von Géricault erkennen. Die muskelbepackte Anatomie der Seefahrer erinnert an die Figuren in Michelangelos Jüngstem Gericht, das Géricault nach eigenen Aussagen „einen Schauer über den Rücken jagte“.

Obwohl die Schiffbrüchigen eigentlich abgemagert und karg aussehen müssten, malte Géricault sie mit einer ausgeprägten Muskulatur.

Analyse des Gemäldes

Das Floß der Medusa war in vielerlei Hinsicht eine höchst bedeutende Arbeit ihrer Zeit. Zum einen war es eines der wenigen Gemälde, das ohne Auftraggeber vom Künstler selbst ausgeführt wurde. Zum anderen war es auch eins der frühesten Werke der Romantik.

Diese beiden Eigenschaften müssen wir im Hinterkopf behalten, wenn wir uns Komposition, Farbgebung und Helligkeit ansehen.

Komposition

Das Geschehen auf dem Floß lässt sich in zwei voneinander separierte Pyramiden unterteilen. Die Spitzen der beiden Kompositionspyramiden laufen im Mast des Floßes und in der wedelnden Flagge eines Seemanns zusammen.

Floß der Medusa Komposition

Die Linien der Kompositionspyramide im Vordergrund lenkt den Blick des Betrachters auf die furchteinflößende Welle zur Linken des Floßes. Die Pyramide im Hintergrund richtet den Blick auf die Flagge, die sich eine der Figuren um die Hand gebunden hat und damit dem Schiff im Hintergrund anzeigt, dass sie in Not sind.

Diese Zwiegespaltenheit der Hoffnung und der Verzweiflung kommt daher schon in der Komposition zum Ausdruck: Es könnte sein, dass die Seeleute im nächsten Moment von der Welle begraben werden und sie alle ertrinken. Es könnte aber auch sein, dass das Schiff in der Ferne auf sie aufmerksam geworden ist und sie nach dem Moment in dem Gemälde endlich gerettet wurden.

Farbpalette

Géricault nutzte eine düstere, dramatische Farbpalette, die charakteristisch für die romantische Malerei war. Da der Schwerpunkt des Bildes auf der Masse der Körper liegt, sind Hauttöne in Hülle und Fülle vorhanden.

Chiaroscuro Tenebrismus Beispiel

Warme Farbtöne wie Ocker, gebranntes Siena und tiefes Braun wurden im Gegensatz zum tiefen Blau des stürmischen Meeres verwendet.

Beleuchtung und Ton

Der Bildton ist so dunkel wie das Motiv. Géricault schöpft aus dem Barock mit seiner Lichtgestaltung, die als ausgeprägtes Chiaroscuro und Tenebrismus klassifiziert werden können.

Das Licht des Himmels steht in einem starken Kontrast zur Dunkelheit des Meeres und dem Gesamtton des drohenden Untergangs.

Figurenstudien

Für die erstaunlich lebensechte und unheimliche Qualität der Körper arbeitete Géricault Figur für Figur, vervollständigte die Skizzen und Bemalungen der einzelnen Körper, bevor er zur nächsten Figur überging. Er hatte die Leichen in der örtlichen Leichenhalle genau studiert und der Überlieferung nach sogar abgetrennte Gliedmaßen und Köpfe in sein Atelier gebracht, um die Anatomie noch genauer studieren zu können.

Darüber hinaus hat Géricault wohl auch seine Assistenten und Bekannten in seinem Atelier posieren gelassen, um die menschlichen Darstellungen möglichst genau wiedergeben zu können. Es ist anzunehmen, dass er die Figuren in seinem Gemälde nicht von Vorbereitungsskizzen abmalte, sondern sie gleich in den vor Ort verwendeten Posen darstellte.

Reaktionen in Paris und London

Als er Das Floß der Medusa malte, war Théodore Géricault in seiner Botschaft sehr bewusst. Dies war keine Kunst um der Kunst willen, sondern dies war Kunst mit bewusst diskutablen Mitteln.

Géricault war ein politischer Mann, der sich sogar aus seinem Idealismus heraus den französischen Musketieren angeschlossen hatte, und war nicht einer, der sich vor dem scheute, woran er glaubte. Dies wurde von Kritikern und der französischen Öffentlichkeit mit gemischten Reaktionen aufgenommen. Auch heute kommt das Gemälde in seiner Gewalt nicht umhin, das moderne Publikum mit seiner kraftvollen Erscheinung im Louvre zum Schaudern zu bringen.

Zeitgenössische Rezeption in Paris

Erstmals 1819 unter dem allgemeineren Titel Szene des Schiffbruchs im Pariser Salon ausgestellt, gab es keine Unklarheiten in den Köpfen der damaligen Betrachter darüber, um welchen Vorfall es sich bei der Darstellung handeln musste. Die Geschichte der Medusa hatte sich frisch in das Pariser Gemeinschaftsbewusstsein eingefräst.

Nicolas-Sébastien Maillot Vue du Salon Carré du Louvre en 1831

Nicolas Sebastien Maillot: Das Floß der Medusa, ausgestellt im Louvre 1931 - Foto:  RMN-Grand Palais (musée du Louvre) / Franck Raux

Obwohl es klassisch idealisiert wurde, war das Gemälde in Bezug auf das Thema der Zeit ziemlich explizit. Besonders nach dem kalten Rationalismus und den klaren Linien des Klassizismus sollte die Arbeit schockieren. Die Kunstwelt fraß den Köder und reagierte entweder mit großer Ablehnung oder umfangreichem Lob.

Londoner Empfang

Géricault, ein hochsensibler Mann, war nach der ersten Vorstellung seines Meisterwerks und dem kritischen Empfang so erschöpft, dass er sich aus der künstlerischen Öffentlichkeit zurückzog. Irgendwann jedoch würde er wieder auftauchen, um seine Aussage an einem neuen Publikum zu probieren.

Das Stück war ein großer Erfolg in den Salons von London, als Géricault es 1822 dort ausstellte, nachdem er sich von den gemischten Rückmeldungen in Paris erholt hatte. Es hallte mit anderen romantischen Künstlern wie J. M. W. Turner und den Kritikern der damaligen Zeit zusammen.

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