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5 gute Gründe, wieso Manets “Das Frühstück im Grünen” einen Wendepunkt in der westlichen Kunst markierte

Édouard Manet, Das Frühstück im Grünen, 1863Édouard Manet, Das Frühstück im Grünen, 1863

Édouard Manet (23. Januar 1832 - 30. April 1883) wird oft mit der impressionistischen Bewegung in Paris während des 19. Jahrhunderts in Verbindung gebracht, obwohl er nie offiziell Mitglied war.

Sein Werk trug allerdings dazu bei, die Brücke zwischen Realismus und Impressionismus zu schlagen. Kein anderes Werk zeigt diesen Übergang so deutlich wie Das Frühstück im Grünen.

Zum ersten Mal wurden 1863 einige Werke, die den französischen Akademismus in der Malerei nicht respektierten, an einem neuen Ort ausgestellt: Dem Salon des Refusés. Édouard Manet stellte direkt im ersten Jahr dort drei Werke aus, darunter auch Das Frühstück im Grünen.

Das Gemälde sorgte regelrecht für einen Skandal in der westlichen Kunstwelt, da es mit sämtlichen Konventionen brach, die sich im Akadiemensystem Frankreichs über Jahrhunderte etabliert hatten (siehe auch: Salon des Refusés und Akademiensystem Frankreichs).

Könnte man den Einfluss einzelner Kunstwerke auf den weiteren Verlauf der Kunstgeschichte quantifizieren, so wäre Das Frühstück im Grünen ganz vorne mit dabei. Sehen wir uns fünf der eklatantesten Aspekte dieses Gemäldes an, bevor wir den Einfluss auf die moderne Kunst einzuschätzen versuchen. 

Édouard Manets Das Frühstück im Grünen und seine Besonderheiten

Édouard Manet, Das Frühstück im Grünen, 1863

Édouard Manet, Das Frühstück im Grünen, 1863

1. Die Bildthematik als größter Aufreger

Édouard Manet war durchaus gebildet in der klassischen Kunst. Schon früh besuchte er mit seinem Onkel den Louvre und war fasziniert von den Kunstwerken der italienischen Renaissance-Meister. In seiner Jugend begann er, die Techniken und die Motive der Renaissance bei seinen Besuchen im Louvre zu kopieren.

So ist es nicht verwunderlich, dass Manét in seinem Schaffen von den Alten Meistern der Renaissance inspiriert wurde. Auch Das Frühstück im Grünen weist eine überaus klassische Referenz auf. Die Komposition der voderen drei Figuren ist so im Urteil des Paris von Raffael zu sehen. 

Marcantonio Raimondi, Urteil des Paris (nach Raffael), um 1515/16

Marcantonio Raimondi, Urteil des Paris (nach Raffael), um 1515/16, Vorlage für Édouard Manet rot markiert

Die Idee von bekleideten und nackten Figuren in einer Szene taucht in anderen bedeutenden früheren Werken auf. Tizians Ländliches Konzert ist ein beliebtes Gemälde, das Vielfach als Inspirationsquelle von Manet angegeben wird. In Werken wie diesem sind die nackten Frauen jedoch entweder Göttinnen, Musen oder Allegorien. 

Tizian, Ländliches Konzert, c. 1509

Tizian, Ländliches Konzert, c. 1509

In Manets Fall ist das Aktmodell allerdings absolut zeitgenössisch, eine durch und durch moderne Pariserin. Auch die neben ihr gestapelte Kleidung wirkt modisch und zeitgemäß.

Im etwas beengten Bildausschnitt inmitten der Bäume blickt die Frau dem Betrachter direkt entgegen. Aufgrund ihrer Nacktheit in der Gegenwart der beiden bekleideten Männer wirkt sie in der Darstellung wie eine Prostituierte. 

Victorine Meurent, Das Frühstück im Grünen

Der kleine Frosch als Symbol in der linken unteren Ecke des Gemäldes könnte ihre Position als Prostituiete bekräftigen. Das französische Wort für Frosch "grenouille" war früher eine umgangssprachliche Bezeichnung für Prostituierte, wie das Van Gogh Museum in einem ihrer Tweets (zu einem Werk von van Gogh) mitteilte.

 

Gut zu wissen: Heute ist man sich einig, das es sich bei der nackt dargestellten Frau um Victorine Meurent handelt, die vielfach für Manet posierte. Sie ist auch die Frau, die in Manets Olympia großes Aufsehen erregte.

2. Abflachung des Bildraumes & Verzerrung der Perspektive

Alexandrine Zola, Ehefrau von Émile Zola, ist die Badende im Hintergrund. Sie trägt eine Tunika und badet im Fluss. So wie Manet die anderen lebensgroßen Figuren darstellt, müsste sie jedoch ein gutes Stück kleiner sein, um realistische Proportionen zu wahren. 

Édouard Manet, Frühstück im Grünen, Perspektive

Die sich weiter im Hintergrund befindlichen Elemente des Motivs sind in einer realistischen Malweise schließlich weiter von der Bildebene entfernt.

An dieser Figur allein erkennt man, wie Manet die Perspektive verzerrte und den Bildraum bewusst abflachte.

3. Die Figuren als Fremdkörper in der Natur

Dieser Eindruck wird bestärkt, wenn man sich die Farbgebung der Figuren genauer ansieht. Sie wirken wie Fremdkörper in der Natur, die nicht mit der Helligkeit und den Kontrasten harmonisieren.

Sie wirken so, als hätte Manet die vier Protagonisten in seinem Atelier gemalt und erst anschließend in die Szene eingefügt. Heute kann man davon ausgehen, das er genau dies getan hat. 

4. Die Größe des Gemäldes

Das Frühstück im Grünen Dimensionen

Foto: Joan / Flickr / CC BY-NC 2.0

Zusätzlich zu seiner revolutionären Thematik, der flachen Komposition und der Verzerrung der Perspektive ist Das Frühstück im Grünen für seine enormen Dimensionen bekannt: Es misst stolze 208 × 264,5 cm.

Bis zur Zeit Manets hatten Künstler Leinwände dieser Größe in der Regel akademischen Gemälden vorbehalten, die von Allegorie, Geschichte und Mythologie geprägt waren. Indem er eine gewöhnliche Szene in einem so großen Maßstab darstellte, bekräftigte Manet die scheinbar alltäglichen Themen und inspirierte Impressionisten wie Claude Monet dazu, dieser Alltäglichkeit mit Hafenszenen oder der Darstellung gewöhnlicher Bürger zu folgen.

5. Variabilität der Pinselführung

Detail Vogel Frosch

Wir sehen einen Unterschied in der Darstellung zwischen dem Vogel, der mit großer Sorgfalt gemalt wurde, und dem Frosch, an dem wir Pinselstriche erkennen können.

Eine Möglichkeit für den Maler, seine Fähigkeit zu demonstrieren, virtuos den Vogelflug festzuhalten, wohingegen der Frosch mit loser Pinselführung gemalt wurde.

Handelt es sich beim Frosch wie vermutet um ein symbolträchtiges Bildelement würde dies Manets Willkürlichkeit in der Mal- und Ausdrucksweise nur noch weiter untermauern. Das Bildelement, das sich näher am Betrachter befindet und gleichzeitig die Thematik des Bildes stützt, wird mit weniger Sorgfalt gemalt, als der Vogel im Wald.

Die Variabilität der Maltechnik lässt sich in weiteren Stellen der Szene beobachten. All dies widerspricht der akademischen Tradition von Stringenz und Korrektheit.

 

Merke: In gewisser Weise wirft Manet in Das Frühstück im Grünen viele Prinzipien über Bord, mit denen er sich früher ausgiebig auseinandergesetzt hatte. Er bewies, dass Regeln dazu da sind, um gebrochen zu werden.

Einfluss des Gemäldes auf die moderne Kunst

Zuschauer und Kritiker waren schlichtweg bestürzt über Manets Mangel an Anstand: Wie konnte nur ein solches Thema malen, in diesem Maßstab und mit dieser groben Perspektive?

Tatsächlich hatte sich Manet in dieser modernen Szene ausdrücklich auf historische Quellen gestützt, um die Unzulänglichkeit der offiziellen, akademischen Kunst zu betonen, die seiner Meinung nach in die Vergangenheit gehörte. 

Manet erklärte, die Künstler sollten die Welt so darstellen, wie sie ist, und nicht, wie sie sein sollte. Da Manet die Szenerie nicht mit einem allegorischen Titel umhüllte, war es den Zuschauern unangenehm, den klassischen Akt als das zu betrachten, was er war - nämlich erotisch. Weibliche Akte, die sich freudig räkelten und den Titel Venus trugen, waren durchaus akzeptabel, aber Manets weibliche Picknickteilnehmerin war schlicht und einfach nackt - wie schockierend!

Was die Zuschauer jedoch am meisten störte, war Manets Stil. Er sei künstlich, sagten sie, zweidimensional, schlecht ausgeführt, unfertig. Die Figuren scheinen zu schweben, unzusammenhängend und unharmonisch im Raum.

Aber Manet hatte das alles mit Absicht gemacht. Er ließ den akademischen Fokus auf die Perspektive, den illusionistischen Raum und die Formgebung hinter sich und ging dazu über, die abstrakten Qualitäten der Kunst mit kühner Pinselführung, neuartigen Kontrasten und individuellen Eindrücken zu erforschen. Es waren die Grundfeste der modernen Kunst, die Manet erstmals im Jahr 1863 präsentierte. Und diese waren schockierend innovativ und kühn. Kurz gesagt läutete er den Beginn eines neuen Zeitalters der Kunst ein.