Gemälde

Van Goghs zerstörtes Selbstbildnis im Detail: Der Maler auf dem Weg nach Tarascon

Vincent van Gogh, Der Maler auf dem Weg nach Tarascon, 1888

Wenn man bedenkt, dass Vincent van Gogh einen erstaunlichen Werkkomplex geschaffen hat, der Tausende Werke umfasst, ist es erstaunlich, dass nur sechs als zerstört oder verschollen ausgewiesen sind.  Eines der sechs war ein ungewöhnliches Selbstbildnis van Goghs, bekannt als Der Maler auf dem Weg nach Tarascon.

Vor seiner Zerstörung war Der Maler auf dem Weg nach Tarascon ein Ölgemälde auf Leinwand im Maß von 48 x 44 cm.  Es befand sich im Kaiser-Friedrich-Museum in Magdeburg, das heute als Kulturhistorisches Museum bekannt ist.  Es wird vermutet, dass es bei den alliierten Bombenangriffen auf Magdeburg im Zweiten Weltkrieg im Feuer verloren gegangen ist.  

Allerdings hat die Monuments Men Foundation for the Preservation of Art  das Werk noch immer auf ihrer "Most Wanted"-Liste.  Die Stiftung basiert auf der Abteilung für Denkmäler, Bildende Kunst und Archive der alliierten Armeen, die im Zweiten Weltkrieg zur Erhaltung und Wiedererlangung von Kunst- und Kulturgütern organisiert wurde. Die Stiftung führt das Gemälde als am 12. April 1945 im Kunstdepot der Salzbergwerke des Staßfurter Sattels als vermisst auf.

Zeitliche Einordnung und besonderheiten des Gemäldes

Van Gogh malte es 1888 während seiner Zeit im südfranzösischen Arles. Es ist Teil mehrerer Farbstudien, die er im August an seinen jüngeren Bruder Theo schickte. Dieses Selbstporträt unterscheidet sich stark von seinen anderen, in denen er sich typischerweise sitzend mit einem schlichteren Hintergrund darstellte, wobei er nur seinen Torso und sein Gesicht zeigte. 

Vincent van Gogh, Der Maler auf dem Weg nach Tarascon, 1888

In Der Maler auf dem Weg nach Tarascon malte er eine Ganzkörperansicht, während er sich mit seinem Stock und seinen Kunstgegenständen auf dem Weg zur Arbeit befindet.

Die Figur ist in der Mitte eines Schrittes dargestellt, was darauf hindeutet, dass er sein fleißiges Tempo unterbrach, um zu sehen, ob dies ein Ort war, an dem er malen sollte.  Ein Großteil seiner Malerei fand unter freiem Himmel statt, wobei er für neue Motive in unterschiedliche Regionen reiste. 

Sein Gesicht ist verdunkelt, wodurch der Eindruck entsteht, er sei Teil der umgebenden Landschaft.  Die roten Haare, die unter dem Strohhut hervorschauen, lassen darauf schließen, dass es sich um Van Gogh handelt.

Die Straße nach Tarascon war eine beliebte Szene für van Gogh

Bemerkenswert ist, dass Van Gogh das Gelände, das er als die Straße nach Tarascon bezeichnete, in mehreren Werken abgebildet hat, wie z.B. in "Wiese mit Blumen unter Gewitterhimmel" und "Bauernhaus in einem Weizenfeld ".  

Vincent van Gogh, Wiese mit Blumen unter Gewitterhimmel, 1888

Vincent van Gogh, Wiese mit Blumen unter Gewitterhimmel, 1888

Vincent van Gogh, Bauernhaus im Weizenfeld, 1888

Vincent van Gogh, Bauernhaus im Weizenfeld, 1888

Er verwendete es auch in einer Reihe von Skizzen, die er an seinen Weggefährten John Peter Russell schickte.  Russell war ein australischer Künstler, den Van Gogh in Paris getroffen hatte und mit dem er eine Freundschaft pflegte und Werke untereinander tauschte.

Die Skizze, die sich heute im Guggenheim-Museum in New York befindet, wurde mit Bleistift und Tusche angefertigt und konzentrierte sich auf denselben Straßenabschnitt, der in Der Maler auf dem Weg nach Tarascon zu sehen ist.

Vincent van Gogh, Die Straße nach Tarascon, 1888

Vincent van Gogh, Die Straße nach Tarascon (Skizze), 1888

Im Gegensatz zum Gemälde gibt es keine gehende Figur, sondern es handelt sich um eine reine Landschaftsskizze. Die Sonne scheint hell am Himmel, während Van Gogh den Schatten und den strahlend blauen Himmel nutzt, um das sonnige Wetter darzustellen. Auch die Pflanzen wirken in der Skizze lebendiger. Die Bäume sind weniger starr als im Ölgemälde, während das Weizenfeld aus kurzen Linien besteht, die in unterschiedlich gewinkelte Linien geritzt sind. Insgesamt hat die Skizze mehr Bewegung.  

Eine weitere Skizze zeigt die Szene aus einem anderen Blickwinkel mit weiterem Bildausschnitt. Anstatt die Bäume starr von der Seite zu zeigen, wird die Straße und die Flucht in den Bildmittelpunkt betont. Anhand der Kleidung und des Hutes ist anzunehmen, dass die gezeigte Person, ebenfalls van Gogh darstellt.

In gewisser Weise ist das Ölgemälde also eine Kombination dieser beiden schnell gezeichneten Skizzen.

Vincent van Gogh, Die Straße nach Tarascon, 1888

Vincent van Gogh, Die Straße nach Tarascon (Skizze), 1888

Der ungewöhnlich große Einfluss des Gemäldes

Ein weiterer interessanter Punkt an diesem Gemälde ist, dass viele andere Künstler ihre eigene Neuinterpretation der Szene geschaffen haben, obwohl das Gemälde als verschollen gilt.

Eine der berühmtesten davon war eine Serie von Francis Bacon aus den 1950er Jahren, die Van Gogh als eine gequälte Form präsentiert, die die Straße entlang geht.  Es handelt sich um eine dunkle und zugleich faszinierende Serie, die dem ursprünglichen Werk eine weitere Dimension hinzufügt.