Leonardo da Vinci und Andrea del Verrocchio, Die Verkündigung, ca. 1472–1475
Gemälde

“Die Verkündigung des Herrn” in der Kunst – 10 Gemälde aus 5 Jahrhunderten

Leonardo da Vinci und Andrea del Verrocchio, Die Verkündigung, ca. 1472–1475

Die Verkündigung des Herrn ist ein Fest im Kirchenjahr, das dem Ereignis aus dem Lukasevangelium gewidmet ist, zu dem der Erzengel Gabriel der Jungfrau Maria verkündet, dass sie den Sohn Gottes empfangen und ihn gebären wird. Die Verkündigung ist eines der beliebtesten Motive der europäischen Kunst und wurde sogar schon Leonardo da Vinci dargestellt. 

Die Verkündigung in der Kunst

Die überwiegende Mehrheit der Gemälde zu dem Motiv folgt einer Standardformel, die sich eher wiederholt:

Der Erzengel Gabriel wird mit einer verwunderten Jungfrau Maria gezeigt, begleitet von Reinheitssymbolen wie weißen Lilienblüten und manchmal einer weißen Taube, die den Heiligen Geist verkörpert.

Hin und wieder gibt es aber auch Abweichungen von der Norm. Hier sind 9 Gemälde verschiedener Künstler aus dem 15. bis ins 20. Jahrhundert, die allesamt Die Verkündigung auf ihre ganz eigene Art und Weise interpretiert haben.

Jan van Eyck, Die Verkündigung, 1433-35

Jan van Eyck, Die Verkündigung, ca. 1433-35

So schuf Jan van Eyck etwa um 1433-35 eine Grisaille, die als Trompe l'oeil Kunstwerk eine dreidimensionale Wirkung entfaltet. Die Arbeit sieht so täuschend echt aus, dass man beim Betrachten denken könnte, es handele es sich dabei tatsächlich um zwei Steinskulpturen, die auf einem Sockel in einem hölzernen Rahmen stehen.

In Wirklichkeit ist das Kunstwerk in Öl auf Holz gemalt. Erzeugt wird die Illusion der Dreidimensionalität nur durch van Eycks meisterhafte Malweise.

Domenico Beccafumi, Die Verkündigung, ca. 1545

Domenico Beccafumi, Die Verkündigung, ca. 1545

Etwas mehr als ein Jahrhundert später nutzte Beccafumi den extremen Kontrast des Chiaroscuro, um die Wirkung seiner Malerei zu verstärken, und nahm den Trend vorweg, der etwa fünfzig Jahre später in den Werken von Caravaggio und seinen Anhängern ihren Höhepunkt finden sollte.

Jacopo Tintoretto, Die Verkündigung, c. 1582

Jacopo Tintoretto, Die Verkündigung, ca. 1582

Jacopo Tintoretto wurde in diesem Gemälde von 1582 mit seiner ungewöhnlich natürlichen Wiedergabe des zeitgenössischen Mauerwerks, einem Flechtstuhl und einem prächtig detaillierten Schreinerhof auf der linken Seite plötzlich zu einem Vorreiter des Realismus. Dies veranschaulicht die Ursprünge Christi als sehr real, greifbar und gegenwärtig - ein Konzept, das danach über zwei Jahrhunderte hinweg nicht mehr auftauchte.

El Greco, Die Verkündigung, 1609

El Greco, Die Verkündigung, 1609

Im Jahr 1614 benutzte El Greco diese unkonventionelle Komposition, indem er die Figuren in ausdrucksstärkere Posen setzte, mit einer ausdrucksstarken Körpersprache. Die weiße Taube fliegt aus einem klaffenden Licht am Himmel, mit einer Vielzahl von Müttern und Säuglingen darüber. Seine Pinselführung ist so anmutig, dass man es auch für ein viel späteres Werk halten könnte.

Bartolomé Esteban Murillo, Die Verkündigung, 1660-80

Bartolomé Esteban Murillo, Die Verkündigung, 1660-80

Murillos unkonventioneller Ansatz an das Motiv aus den Jahren um 1660 bis 1680 zeichnet sich durch die Aufnahme von alltäglichen Requisiten aus, wie beispielsweise dem Wäschekorb unter dem Tisch in der linken unteren Ecke.

Dante Gabriel Rossetti, Ecce Ancilla Domini!, 1849-50 http://www.tate.org.uk/art/artworks/rossetti-ecce-ancilla-domini-the-annunciation-n01210

Dante Gabriel Rossetti, Ecce Ancilla Domini!, 1849-50 via Tate.org.uk

Ein überraschender Künstler eines so traditionellen Motiv ist der präraffaelitische Maler Dante Gabriel Rossetti. Er weicht durchweg von der Konvention ab und verwendet einen Auszug aus der lateinischen Textstelle der Bibel als Titel - Ecce Ancilla Domini! (dt: "Siehe ich bin des Herrn Magd").

In Übereinstimmung mit seinem frühen präraffaelitische Stil kombiniert er einen großen Naturalismus in seinen Figuren mit zutiefst traditionellen vergoldeten Heiligenscheinen. Rossetti ergänzt seine Symbolsammlung um weiße Gewänder als Zeichen der Reinheit, rote Stickereien für die Kreuzigung Christi, einen blauen Vorhang für den Himmel und Flammen an den Füßen des Gabriel anstelle von Engelsflügeln.

Henry Ossawa Tanner, Die Verkündigung, 1898

Henry Ossawa Tanner, Die Verkündigung, 1898

Später im 19. Jahrhundert legte der amerikanische Künstler Henry Ossawa Tanner fast jede Konvention in seiner Darstellung des Motivs nieder. Die Szene spielt in den privaten Räumlichkeiten von Marias Schlafzimmer, die Bettwäsche zerknittert, und die Jungfrau noch in sehr legerer Nachtkleidung.

Es gibt auch keinen Erzengel Gabriel, sondern ein grelles Feuer des Heiligen Geistes, das ein unauffälliges Kreuz mit einem dahinter befindlichen Regal bildet. Dieses Gemälde wurde im Salon von 1898 angenommen und wurde zu einer beliebten Reproduktion in Zeitschriften.

Vittorio Matteo Corcos, Verkündigung, 1904

Vittorio Matteo Corcos, Verkündigung, 1904

1904 fertigte Vittorio Matteo Corcos dieses bemerkenswerte Gemälde für das Convento di San Francesco in Fiesole, Italien. Maria hat einen sehr modernen Look mit ihrem angewinkelten Bein, während sie ihre Hände in Gebetsposition zusammenlegt. Gabriel nähert sich aus der Ferne und schreitet durch den von Bäumen geformten Tunnel.

Jacek Malczewski, Verkündigung, 1923

Jacek Malczewski, Verkündigung, 1923

Die radikalste Darstellung der Verkündigung stammt von Jacek Malczewski aus dem Jahr 1923. Maria (rechts) ist eine moderne junge Frau, deren Fingerhut und Schere auf einem blanken Holztisch hinter ihr liegen. Gabriel ist gerade dabei, ihr die Nachricht zu überbringen, seine Hände zuusammenhaltend, während er spricht. Die Fenster und Vorhänge machen deutlich, dass es sich um das Polen des 20. Jahrhunderts handelt und nicht um das Heilige Land vor zwei Jahrtausenden.

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