Gemälde

Jean-Léon Gérôme, Die Wahrheit kommt aus dem Brunnen, 1896

Jean-Léon Gérôme, Die Wahrheit kommt aus dem Brunnen, 1896Jean-Léon Gérôme, Die Wahrheit kommt aus dem Brunnen, 1896

Ab Mitte der 1890er Jahre schuf Jean-Léon Gérôme mindestens vier Gemälde, die die Wahrheit als nackte Frau personifizieren, entweder in einen Brunnen geworfen, auf dem Grund eines Brunnens oder aus einem Brunnen hervorsteigend. In dieser Beschreibung und Analyse findest du detaillierte Informationen zum Motiv der Wahrheit von Gérôme. Der Schwerpunkt soll auf dem Gemälde "Die Wahrheit kommt aus dem Brunnen" liegen, das wohl auch die bekannteste Fassung des Wahrheitsmotivs des Künstlers ist.

Die literarische Vorlage liefert Demokrit 

Das Motiv entstammt der Übersetzung eines Aphorismus des Philosophen Demokrit: "Von der Wahrheit wissen wir nichts, denn die Wahrheit steckt tief im Brunnen" (wörtliche Übersetzung: "In Wahrheit wissen wir nichts, denn die Wahrheit liegt in unerreichlicher Tiefe").

Die Nacktheit des Modells kann sich aus dem Ausdruck der nackten Wahrheit ergeben, wie wir ihn heute noch gebrauchen (im Französischen: "la vérité nue").

Auf dem Salon des Champs-Elysees von 1895 zeigte Gérôme ein Gemälde mit dem Titel Mendacibus et histrionibus occisa in puteo jacet alma Veritas (wörtliche Übersetzung ins Deutsche: "Die nährende Wahrheit liegt in einem Brunnen, nachdem sie von Lügnern und Schauspielern getötet wurde"). 

Jean-Léon Gérôme, Die Wahrheit am Grund des Brunnens, Studie für das Gemälde von 1895

Jean-Léon Gérôme, Die Wahrheit am Grund des Brunnens, Studie für das Gemälde von 1895

Jean-Léon Gérôme, Mendacibus et histrionibus occisa in puteo jacet alma Veritas, 1895

Jean-Léon Gérôme, Mendacibus et histrionibus occisa in puteo jacet alma Veritas, 1895

Auf dem nächsten Salon 1896 zeigte Gérôme sein Gemälde Die Wahrheit kommt aus dem Brunnen.

Jean-Léon Gérôme, Die Wahrheit kommt aus dem Brunnen, 1896

Jean-Léon Gérôme, Die Wahrheit kommt aus dem Brunnen, 1896

Es wurde angenommen, dass beide Gemälde Anmerkungen zur Dreyfus-Affäre waren, doch sind nicht alle Kunsthistoriker dieser Meinung.

Es gibt Stimmen, die die späten Gemälde Gérômes (darunter auch die der Wahrheit) als anhaltenden Kommentar zum Aufstieg des Impressionismus verstehen. Es ist belegt, dass Gérôme die Kunst der Impressionisten verachtete und ihren Aufstieg in Preisregionen seiner eigenen makellos ausgearbeiteten Werke verschmähte.

Der Biograf Moreau-Vauthier berichtete, dass Gérôme mindestens eines dieser Gemälde mit dem Motiv der Wahrheit behielt. Als er 1904 starb soll ihn das Dienstmädchen in dem kleinen Zimmer neben seinem Atelier gefunden haben, wo er er vor einem Rembrandt und einem seiner eigenen Gemälde der Wahrheit zusammengesackt war. Um welches Gemälde es sich genau handelte, ist nicht bekannt.

Jean-Léon Gérôme, Die Wahrheit liegt auf dem Grund des Brunnens, Datum unbekannt - ca. 1896

Jean-Léon Gérôme, Die Wahrheit liegt auf dem Grund des Brunnens, Datum unbekannt - ca. 1896

Jean-Léon Gérômes Die Wahrheit kommt aus dem Brunnen, 1896, heute

Seit 1978 ist die Wahrheit, die aus ihrem Brunnen kommt, Teil der ständigen Ausstellung im Musée Anne de Beaujeu in Moulins, Frankreich, wobei das Gemälde im vergangenen Jahrzehnt auch als Leihgabe in Ausstellungen anderer Museen zur Verfügung gestellt wurde.