Malerei

Edvard Munch – Biografie, bedeutende Werke und künstlerisches Vermächtnis

Edvard Munch, Selbstporträt, 1881-1882

Edvard Munch (geboren am 12. Dezember 1863, Löten, Norwegen - gestorben am 23. Januar 1944, Ekely in der Nähe von Oslo) war ein norwegischer Maler und Druckgrafiker.

Seine intensive Auseinandersetzung mit psychologischen Themen etablierte einige der wesentlichen Prinzipien des Symbolismus des späten 19. Jahrhunderts. Auch auf den deutschen Expressionismus zu Beginn des 20. Jahrhunderts hattwe Munchs Werk einen gravierenden Einfluss.

In dieser Edvard Munch Biografie erhältst du alle Informationen zu seinem Lebenslauf, seinen bedeutendsten Werken und seinem Einfluss auf die nach ihm folgenden Künstlergenerationen.


Biografie von Edvard Munch

Edvard Munch, Selbstportrait, 1886

Edvard Munch, Selbstportrait, 1886

Kindheit und Jugend

Edvard Munch wurde 1863 in einem Bauernhaus im Dorf Ådalsbruk im norwegischen Innlandet geboren. Sein Vater Christian war Arzt.

Die Familie, zu der neben Edvard auch zwei Schwestern und ein Bruder gehörten, zog 1864 nach Oslo, nachdem der Vater als medizinischer Offizier in die Festung Akershus berufen worden war, die damals als Landesgefängnis genutzt wurde. 

Edvards Mutter starb 1868 an Tuberkulose, im selben Jahr, in dem die jüngste Schwester geboren wurde. Innerhalb eines Jahrzehnts starb auch seine liebste Schwester Sophie an Tuberkulose, die nur ein Jahr älter als Edvard und eine begabte junge Künstlerin war. Munchs Vater, ein streng christlicher Mann, erlebte danach Depressionsschübe, Wutanfälle und Visionen, in denen er die Krankheiten und Todesfälle der Familie als Strafe göttlichen Ursprungs interpretierte.

Vor allem wegen der Position des Vaters als Militärarzt musste die Familie häufig umziehen und lebte in bescheidenen finanziellen Verhältnissen. Christian las seinen Kindern oft die Gruselgeschichten von Edgar Allan Poe vor und gab ihnen Lektionen in Geschichte und Religion, was dem jungen Edvard mit der Angst aber auch der Faszination des Todes vertraut machte. 

 
 

Wissenswert: Edvard Munchs schwaches Immunsystem hatte in dieser Zeit Schwierigkeiten, dem harten skandinavischen Winter standzuhalten, weshalb ihn Krankheiten oft monatelang von der Schule fernhielten.

Um sich die Zeit zu vertreiben, begann Munch sich mit der Zeichnung und der Aquarellmalerei zu beschäftigen.

Die Kunst wurde für Munch in seiner Jugend zu einer regelmäßigen Beschäftigung. Mit dreizehn Jahren lernte er die Werke des jungen norwegischen Kunstvereins kennen und ließ sich besonders von den Landschaftsbildern der Gruppe inspirieren. Beim Kopieren dieser Werke brachte er sich einige Techniken der Ölmalerei selbst bei.

Frühwerk 

Munch lernte in den 1880er Jahren die Schriften des anarchistischen Philosophen Hans Jæger kennen, Kopf der Gruppierung der Kristiania-Boheme, die für ein liberales Sexualverhalten und die Abschaffung der Ehe standen. Munch und Jæger führten eine enge Freundschaft, in dessen Verlauf Jæger den Künstler ermutigte, in seinem Werk mehr aus persönlichen Erfahrungen zu schöpfen. 

Das kranke Kind ist eine düstere Komposition, die in Erinnerung an Munchs verstorbene Schwester Sophie entstanden ist. In dieser Arbeit lässt sich Jægers tiefgreifender Einfluss auf Munch erkennen.

Edvard Munch, Das kranke Kind, 1885-1886

Edvard Munch, Das kranke Kind, 1885-1886

Als das Gemälde 1886 als Studie bei den Kristiania-Bohemen ausgestellt wurde, wurde es sowohl von der Presse als auch von Munchs Umfeld wegen seiner unkonventionellen Qualitäten kritisiert.

Im Jahr 1889 reiste Munch mit einem Stipendium nach Paris, um im Atelier von Leon Bonnat zu lernen. Sein Gemälde Morgen (1884) wurde in den norwegischen Pavillon der Exposition Universelle desselben Jahres aufgenommen. 

Edvard Munch, Morgen (Mädchen auf dem Bett sitzend), 1884

Munch begann in Paris sich von Impressionisten wie Manet und Post-Impressionisten wie Gauguin, van Gogh und Toulouse-Lautrec inspirieren zu lassen, deren zum Teil leichtgewichtige Kompositionen sich dramatisch von Munchs häufigen Themen des Todes und des persönlichen Verlusts unterschieden.

Im selben Jahr verstarb Munchs Vater, was sich im Schaffen des Künstlers in einem wiedergefundenen Interesse an Spiritualität und Symbolik abzeichnete. Davon zeugt das Bild eines leeren Raumes - Nacht in Saint-Cloud (1890) - das in Andacht an seinen Vater diente.

Edvard Munch, Nacht in St. Cloud, 1890

Edvard Munch, Nacht in St. Cloud, 1890

Mittleres Werk

1892 lud der Verein Berliner Künstler Munch zu einer Einzelausstellung ein. Die ausgestellten Werke sorgten aufgrund ihrer extremen Farbgebung und ihrer nachdenklichen Thematik für große Kontroversen, weshalb die Ausstellung vorzeitig geschlossen wurde. Munch nutzte die Aufregung um diese Ausstellung, um seine künstlerische Laufbahn weiter anzukurbeln.

Ein Jahr später (1893) stellte er in Berlin eine Reihe von sechs Liebesbildern aus, aus denen schließlich die umfangreichere Zusammenstellung einiger seiner wichtigsten Werke hervorging, die auch als Lebensfries bekannt ist.

Edvard Munch, Der Kuss, 1892

Edvard Munch, Der Kuss, 1892

Der Lebensfries und andere Werke Munchs aus den 1890er Jahren gehören zu den künstlerisch bedeutendsten und bekanntesten seiner gesamten Laufbahn. In dieser Zeit schuf er unter anderem mehrere Version seine wichtigsten wiederkehrenden Motive: Der Schrei, Der Kuss, Vampir und die Madonna.

In den späten 1890er Jahren begann Munch sich auch für die Fotografie zu interessieren, obwohl er das Medium nie als künstlerisch gleichwertig mit der Malerei oder der Druckgrafik empfand.

Spätwerk von Edvard Munch

Nach seinem Aufenthalt in Berlin und der anschließenden Rückkehr nach Paris erlitt Munch 1908 einen Nervenzusammenbruch. Das Leben als Bohème mit exzessivem Alkoholkonsum, sowie der Schmerz und die Angst, die der Verlust seiner Schwester und seines Vaters verursachten, holten Munch ein. Munch wurde in ein Krankenhaus in Kopenhagen eingeliefert, wo er acht Monate lang einer strengen Behandlung unterzogen wurde.

Munch wurde im folgenden Jahr aus dem Krankenhaus entlassen und kehrte auf Anraten seines Arztes sofort nach Norwegen zurück, um ein Leben in ruhiger Isolation zu führen. In der Folge ließ sich Munch von der norwegischen Landschaft und den täglichen Aktivitäten der Bauern und Arbeiter inspirieren.

 
 

Hinweis: Als Ausdruck seiner neuen optimistischen Sichtweise verwendete Munch in seinen Arbeiten aus dieser Zeit hellere Farbschemata, lockere Pinselstriche und Themen, die sich um das Leben, die Arbeit und die Erholung auf dem Bauernhof drehten.

Munch schöpfte weiterhin aus seinem täglichen Leben und seinen persönlichen Erfahrungen und mied in dieser Zeit Themen wie Verlust und Tod.

Eine Ausnahme bildete Munchs Fokus auf seine eigene Sterblichkeit, was sich in mehreren düsteren Selbstbildnissen aus den 1920er und 30er Jahren widerspiegelt. Darüber hinaus hat er viele Zeichnungen und Gemälde von Landschaften geschaffen.

Edvard Munch, Selbstbildnis, 1924

Edvard Munch, Selbstbildnis, 1924

1940 wurde Norwegen von den Nationalsozialisten besetzt, woraufhin viele von Munchs Gemälden als entartete Kunst eingestuft und aus deutschen Museen entfernt wurden. Von 82 Werken, die während des Krieges beschlagnahmt wurden, wurden 71 (darunter eine Version von Der Schrei) schließlich von norwegischen Kunstsammlern und Stiftern bewahrt und nach Norwegen zurückgebracht.

Im Alter von 80 Jahren starb Munch am 23. Januar 1944 in der Künstlerkolonie Ekely in Oslo, nachdem er bereits einige Jahre zuvor zeitweise sein Sehvermögen verloren hatte und an einer Reihe von Beschwerden litt, die vermutlich durch die Explosion einer Munitionsfabrik in der Nähe von Oslo ausgelöst worden waren.


Das Vermächtnis von Edvard Munch

Munch hatte einen tiefgreifenden Einfluss auf die nachfolgenden Maler in Europa und den USA, auch wenn sein spezieller Stil nach dem Ersten Weltkrieg schnell an Bedeutung verlor.

Pioniere des deutschen Expressionismus wie Kandinsky und Beckmann, die sich mit dem Ausdruck der Psychologie durch intensive Farbabstraktionen beschäftigten, fanden in Munchs melancholischen, aber dennoch kraftvollen Gemälden erhebliche Inspiration.

Munchs düstere Farbgebung sowie seine halb-abstrakte Interpretation der menschlichen Figur würden sich als dauerhafte expressive und stilistische Merkmale des Symbolismus, Expressionismus, Fauvismus und sogar des Surrealismus erweisen.

Man sieht Munchs weitreichenden Einfluss sogar im Werk späterer Maler wie Francis Bacon, dessen Porträts die psychische Zerrissenheit des Dargestellten widerspiegeln, die sich in schiefen Gesichts- und Körperzügen offenbart.


Bedeutende Werke von Edvard Munch

Das kranke Kind, 1885 - 1886

Edvard Munch, Das kranke Kind, 1885-1886

Edvard Munch, Das kranke Kind, 1885-1886

Das kranke Kind ist eines der frühesten Werke Munchs, das seinen künstlerischen Durchbruch darstellt. Thematisch lässt es bereits die Motive seines Frühwerks erahnen, in dem Tod, Verlust, Angst, Wahnsinn und Sorge im Mittelpunkt seines Schaffens standen.

Das seiner verstorbenen Schwester Johanne Sophie gewidmete Gemälde zeigt die bettlägerige Fünfzehnjährige mit einer trauernden Frau neben ihr, die wahrscheinlich die Mutter darstellt. Elf Jahre zuvor war sie selbst an Tuberkulose erkrankt und starb an der Krankheit.

Die groben Pinselstriche, die raue Oberfläche und die schwermütigen Töne dieses Gemäldes lassen eine sehr persönliche Darstellung vermuten.

Das Werk wurde bei seiner ersten Ausstellung wegen seines unfertigen Aussehens kritisiert, aber von Edvard Munchs Weggefährten Hans Jæger als meisterhafte Darstellung verteidigt.

Der Schrei

Edvard Munch Der Schrei

Edvard Munch, Der Schrei, 1893

Die Bedeutung von Munchs Der Schrei im Verlauf der modernen Kunst kann nicht überbewertet werden. Es kann als eines der entscheidenden Kunstwerke angesehen werden, die den Entwicklung der Kunstgeschichte maßgeblich beeinflusst haben.

Die Szene ist auf eine Eingebung des Künstlers während eines Spaziergang entlang einer Straße mit Blick auf die Stadt Oslo zurückzuführen. Später erinnerte sich Munch an den Tag folgendermaßen:

"Ich ging mit zwei Freunden die Straße entlang - die Sonne ging unter - und fühlte eine Böe der Melancholie - plötzlich wurde der Himmel blutig rot. Ich blieb stehen, lehnte mich an das Geländer, müde bis zum Tod, als der brennende Himmel wie Blut und Schwert über dem blauschwarzen Fjord und der Stadt hin. Meine Freunde gingen weiter und das stand ich und zitterte vor Angst - und ich fühlte einen riesigen unendlichen Schrei durch die Natur." 

Der Schrei ist ein Motiv, das Edvard Munch in vier Versionen gemalt hat. Zwei davon als Gemälde, zwei davon als Zeichnungen mit Pastellkreide.

Madonna

Edvard Munch, Madonna, 1894

Edvard Munch, Madonna, 1894

Die Madonna von Munch wurde in dieser der insgesamt fünf Versionen mit weicheren Pinselstrichen und vergleichsweise gedämpften Farben wiedergegeben. 

Munch stellt die Jungfrau Maria in einer Weise dar, die sich allen vorangegangenen Darstellungen - vom Naturalismus der Renaissance bis zum Realismus des 19. Jahrhunderts - der keuschen Mutter Jesu Christi entgegensetzt. 

Mit einem Gefühl der Bescheidenheit, das nur durch ihre geschlossenen Augen vermittelt wird, scheint sich der nackte Körper in einem Liebesakt zu befinden und sich subtil zu einem unscheinbaren Licht zu verdrehen und zu neigen. Munchs Madonna könnte daher doch eine moderne, wenn auch rücksichtslose Darstellung der Unbefleckten Empfängnis sein.

Der rote Heiligenschein auf dem Kopf der Madonna deutet im Gegensatz zum üblichen weißen oder goldenen Ring auf eine dominierende Leidenschaft hin, die der barocken Darstellung des Themas entspricht.