Edvard Munchs Madonna Titelbild
Gemälde

Edvard Munchs expressionistische Darstellung der Madonna und ihre versteckte Symbolik

Der norwegische Maler Edvard Munch schuf zwischen 1895 und 1902 mehrere Lithografien der Madonna. Sie ist Teil einer Reihe expressionistischer Gemälde desselben Motivs, die der Künstler zuvor zwischen 1892 und 1895 schuf.

Die drei heute noch erhaltenen Gemälde befinden sich in Museumssammlungen in Oslo und Hamburg. Der Druck, von dem dieser Artikel handeln soll, befindet sich im Ōhara-Kunstmuseum in Japan.

Der Expressionismus formierte sich als künstlerische Stil- und Ausdrucksform zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Expressionistische Kunst drückt eine Realität aus, die durch die Subjektivität ihres Schöpfers beeinflusst wird. Die Verwendung von Symbolen, leuchtenden Farben und ausgeprägten Merkmalen verursacht eine Reaktion, eine Emotion im Zuschauer.

Edvard Munchs Madonna weicht von den traditionellen Darstellungen der Jungfrau Maria ab und stellt sie als mystische Frau dar. Die Mehrdeutigkeit der Darstellung zeigt diese Mystik und die Komplexität ihrer Figur.

Madonna: Keine biblische Gestalt, sondern eine sinnliche Frau

Edvard Munchs Madonna Druck

Edvard Munch, Madonna, 1895–1902

Wir können diese Frau als Madonna anhand einiger Details erkennen: der Fötus, der sie zur Mutter macht, und der blaue und rote Heiligenschein um ihren Kopf. Blau ist die Farbe, die traditionell mit Madonna in Verbindung gebracht wird. Breite und kurvenreiche schwarze Linien überlagern diesen blauen Hintergrund. Diese Linien lassen jedoch das Blau am Kopf der Frau hervorscheinne. Sie hat eine Verbindung mit dem Blau, es ist ein Teil von ihr.

Anschließend sieh dir ihren Bauch an. Er ist vollkommen rein weiß. Eine Stelle der Makellosigkeit ihres Körpers.

Munch stellt die Madonna mit bloßer Brust in einer lüsternen Haltung dar, mit einem angedeuteten Arm hinter ihrem Kopf und einem hinter ihrer Hüfte. Ihre Nacktheit erinnert an ihre Menschlichkeit.

Hinweis: In der christlichen Religion (wie auch in vielen anderen) und ihrer Kunst versteckten die Künstler, die oft im Auftrag der Kirche agierten, stets den weiblichen Körper.

Auf ihrem Gesicht mit geschlossenen Augen sehen wir, wie sie sich der Leidenschaft hingibt. Der Maler stellt in seinem Werk eine Frau im Liebesakt dar. Ihre Position gegenüber dem Betrachter vermittelt einen Einblick in die Kraft, die von ihr ausgeht. Durch ihre Haltung bekräftigt sie ihre Sexualität.

Edvard Munch, Madonna, Detail

Ihr Körper, ihre Arme und Haare verschmelzen zu gewundenen schwarzen Linien, die das jungfräuliche Blau umgeben und bedecken. Diese Linien scheinen jeden Teil der Frau zu durchdringen, außer ihren Magen, der so rein dargestellt wird.

Wenn man die Bewegung, die Dynamik der Linien und die Art und Weise, wie jene den Körper formen, betrachtet, wirkt Edvard Munchs Madonna wie ein Widerspruch zu der Vorstellung der Madonna im Christentum.

Es ist durchaus möglich, in diesem Werkkomplex eine Dualität zwischen göttlicher Reinheit und Sinnlichkeit zu sehen. Die Gegenüberstellung der beiden Aspekte im Porträt erzeugt allerdings auch eine Verschmelzung. Hier besteht Munch auf dem Polysem der Madonnenfigur, die sich durch die Zusammenkunft von Leben und Tod in ein und derselben Figur auszeichnet.

Wenn sich Leben und Tod treffen

Auf der einen Seite verkörpert die Jungfrau Maria als schwangere Frau das Leben. In dem Gemälde trägt sie das Kind Gottes. In dieser Darstellung hat der Fötus durch die Nabelschnur eine Verbindung zu seiner Mutter.

Jesus und Edvard Munchs Madonna

Auf der anderen Seite scheint sie sich von dem tiefen und gequälten Nichts zu lösen - dem Hintergrund des Bildes. Edvard Munchs Madonna gelingt dies mithilfe des Kontrasts zwischen der Weißheit ihres Magens und dem dunklen Hintergrund. Trotzdem verschwinden einige Teile ihres Körpers in eben dieser Dunkelheit, als ob sie von ihr aufgesogen werden.

Die Schatten auf ihrem Gesicht sind dunkler auf ihren geschlossenen Augen und ihren ausgehöhlten Wangen. Ihre Gesichtszüge erinnern an die mexikanischen Masken zum Tag der Toten (Calaveras).

Detail Madonna

Das Aussehen des Fötus unterstreicht die Anwesenheit des Todes. Gewöhnlich ist das Neugeborene mit dem Leben in seiner reinsten Form verbunden. Aber hier sieht das ungeborene Kind aus wie ein Geist. Mit den verschränkten Armen eines Toten erzeugt seine Gestik eine gruselige und düstere Stimmung.

Diese vielschichtigen Gegensätze erzeugen ein Mysterium, geben aber gleichzeitig eine bildliche Erklärung für eines der großen Rätsel der christlichen Religion: die Verwirklichung des Christus.

Edvard Munchs Madonna und sein Symbolismus

Der Symbolismus hatte einen wichtigen Einfluss auf Munchs Werk. Er nutzte seine Verschlüsselungen, um abstrakt zu malen und gleichzeitig erzählerische Aspekte auszudrücken. Die Symbolik spielt mit der Einladung, die Geheimnisse in der Malerei und ihren unbegreiflichen Themen zu entschlüsseln.

Wie wir an Edvard Munchs Madonna sehen, ist es ihm mit den Mitteln des Symbolismus gelungen, einer mystischen Szene eine erzählende Sichtweise zu geben. Diese Mystik, die auch Teil der Madonna ist, macht sie zu einem sehr vielschichtigen Charakter. Die Reinheit, die mit ihrem Namen verbunden ist, steht im Gegensatz zur offensichtlichen Bestärkung ihrer Sexualität und dem Ausdruck ihrer Lust. Sie ist menschlich und gleichzeitig göttlich.