Gemälde

Wieso Franz Marcs “Tiger” einen markanten stilistischen Umbruch in seinem Œuvre darstellt

Franz Marc, Tiger, 1912Franz Marc, Tiger, 1912

Die aufgewühlte Zeit des späten 1911 und frühen 1912 hatte einen erheblichen Einfluss auf Franz Marcs Arbeit. Seine Bilder von 1912 zeigen stilistisch deutlich den Einfluss der beiden Ausstellungen des Blauen Reiters sowie der futuristischen Ausstellung, die der Künstler im April in der Sturm-Galerie in Berlin sah.

Inhaltlich vermitteln diese Werke ein neues und beunruhigendes Gefühl der Unruhe, von Spannung, Unmittelbarkeit und Vorfreude. Diese Merkmale sind in Franz Marcs Tiger - einem im März 1912 entstandenen Gemälde - deutlich zu erkennen.

Bildbeschreibung von Franz Marcs Tiger

Inmitten einer Landschaft, die fast ausschließlich aus würfelförmigen Elementen in leuchtenden Rot-, Grün-, Violett- und Orangetönen besteht, sieht man denn Tiger auf einem Felsen thronend. Das ist keineswegs diese Art von verträumter Darstellung, wie wir es beispielsweise in "Die großen blauen Pferde" kennen.

Franz Marcs Tiger und Pferde

In seinem Schlaf gestört, den Kopf erhoben, die leuchtend gelben Augen auf sein Opfer gerichtet, ist dieser Tiger bereit, die Kräfte seines muskulösen Körpers zu entfesseln. Diese Vorstellungen des Tieres werden durch die sperrige Konstruktion der Formen seines Körpers noch kraftvoller dargestellt.

Das gesamte Werk ist von Spannung, von einem Gefühl der Besorgnis, von einer Vorahnung des schnellen und plötzlichen Todes durchdrungen. Das Gefühl von Geborgenheit, von Harmonie und Trost, das Marc in seinen früheren Arbeiten vermittelte, fehlt in diesem Bild. 

Der Tiger ist keineswegs ein isoliertes Bild. Selbst in einem scheinbar unschuldigen Werk wie "Zwei Katzen, Blau und Gelb", das später in 1912 Jahr gemalt wurde, wiederholt sich das gleiche Gefühl der Aggression, der drohenden Gefahr, wenn auch in einem etwas subtileren Ausmaß.

Franz Marc, Zwei Katzen, Blau und Gelb, 1912

Franz Marc, Zwei Katzen, Blau und Gelb, 1912

Franz Marcs Tiger zeigt eine klare Beziehung zu Picassos aufkeimendem Kubismus und den Werken von Paul Cézanne. Vor allem die Teilung des Bildes in kubische Formen sowie die Verwendung von komplementären Farben zur Erzeugung von Kontrasten sticht in Marcs Gemälde hervor.