Kunst

Gutai-Gruppe – Die Merkmale der japanischen Künstler-Avantgarde des 20. Jahrhunderts

Gutai GruppeFoto: Jack Szwergold / Flickr

Diese Gutai-Gruppe stellte einen radikalen und energiegeladenen Zugang zum Kunstschaffen dar, der die Performance, Malerei, Installation und das Theater umfasste und die Freiheiten ihrer neuen demokratischen Heimatregion in Japan nutzte.

Die Mitglieder der Strömung strebten und erreichten ein außergewöhnliches Maß an internationaler Anerkennung, arbeiteten mit den auf sie folgenden Konzept- und Performancekünstlern zusammen und gelten heute als einer der wichtigsten Aspekte der japanischen Nachkriegskultur.

Wichtige Ideen der Gutai-Gruppe

  • Individualismus war ein zentrales Anliegen der Gutai-Künstler. Während des Zweiten Weltkriegs hatte das totalitäre Regime Japans den Begriff einer nationalen Organisation gefördert und alle Anreize für individuelle Ausdrucksformen unterdrückt. Die Mitglieder der Gruppe rebellierten in ihren Schriften und Kunstwerken unverblümt gegen diese Haltung und ermutigten die Öffentlichkeit und andere Künstler, "das zu tun, was noch niemand zuvor getan hat"!
  • Das Wort "gutai" bedeutet "Konkretheit" und drückt eines der charakteristischsten Merkmale der Gutai-Gruppe aus - ihren Wunsch, körperlich mit einer außergewöhnlichen Vielfalt von Materialien in Kontakt zu treten. Der Name antizipierte auch ihre Untersuchungen zum wechselseitigen Zusammenhang zwischen Materie und dem physikalischen Einwirken auf diese Materie. Sie wollten eine neue Art von Kunst schaffen, die die Beziehung zwischen menschlichem Geist und Material untersucht.
  • Gutai-Künstler waren außergewöhnliche internationale Netzwerker, die die Medien nutzten, um ihre Ideen auf der ganzen Welt zu verbreiten. Sie arbeiteten auch mit anderen Künstlergruppen in Europa und Amerika zusammen. Dieser Antrieb war nicht nur für den langfristigen Erfolg der Bewegung entscheidend, sondern auch für ihre Ablehnung der japanischen Isolierung während des Zweiten Weltkriegs und ihren Wunsch, Teil eines neuen, weltoffenen Japan zu sein.
  • Gutai glaubte fest an Konzept anstelle der Form und lehnte die repräsentative Kunst entschieden ab. Sie wollten sich vom Kunstobjekt in Richtung der unsichtbaren Ideenwelt bewegen und dem Betrachter viel Raum lassen, um selbst potentielle Bedeutungen zu finden.

Ursprünge der Gutai-Gruppe

Japan befand sich in den 1950er Jahren nach der Verwüstung durch den Zweiten Weltkrieg in einem Erneuerungsprozess, und die diplomatischen Beziehungen zum Westen wurden rasch wiederhergestellt. Dieser neue Internationalismus hatte einen starken Einfluss auf die japanische Kultur.

Vor dem Hintergrund der jungen Demokratie und des wachsenden Glaubens an individuelle Freiheit war Jirõ Yoshihara 1954 dazu inspiriert, die Gutai Art Association in der wohlhabenden Stadt Ashiya zu gründen.

Yoshihara, eine Generation älter als die meisten anderen zukünftigen Mitglieder des Kollektivs, war der Sohn eines wohlhabenden Kaufmanns, der in der Lage war, viele von Gutais Aktivitäten zu finanzieren. Er war über zwanzig Jahre lang ein ziemlich erfolgreicher Maler gewesen, bevor er nach einer künstlerischen Revolution suchte. Er leitete die Gruppe bis zu seinem Tod 1972.

Die ersten, die sich der Bewegung anschlossen, waren junge Künstler. Viele waren Schüler und Bekannte von Yoshihara, die er in den Nachkriegsjahren im Raum Ashiya kennengelernt hatte.

Jirõ Yoshihara, Circle

Jirõ Yoshihara, Circle | Foto: Crispin Semmens / Flickr

Lokale Einflüsse

Eine Reihe kleiner künstlerischer Gruppen und Gesellschaften in der Region Ashiya trugen zum Erfolg von Gutai bei und unterstützten viele seiner Mitglieder und die Kernideen.

Im Jahr 1952 wurde die Bewegung mit rund fünfzehn Mitgliedern ins Leben gerufen. Die zukünftigen Gutai-Koryphäen Tanaka Atsuko und Saburõ Murakami waren am bekanntesten.

Die tief konzeptuelle und radikale Gruppe, die sich auf die Idee konzentrierte, dass "jedes Kunstwerk aus dem Nichts entsteht", war außergewöhnlich experimentell und zählte Ton, Zufall und Zeit zu Bestandteilen ihrer Kunst. Als sie 1955 Teil von Gutai wurden, ermutigten sie den Rest der Bewegung, ihren Kunstbegriff neu zu definieren und zu erweitern.

Die Ashiya City Exhibition wurde auch zu einem einflusssreichen Rekrutierungsort neuer Gutai-Mitglieder, insbesondere Toshio Yoshida und Shuji Mukai. Mitbegründet von Yoshihara, war die Ausstellung eine  Salonshow, die vor dem Krieg extrem konservativ war, aber seit dem Ende des Krieges zu einem Hort künstlerischer Innovation in der Region Ashiya geworden war.

Eine weitere Gruppe, die für ihren Beitrag zur Entwicklung der Bewegung bekannt ist, war Genbi, eine multidisziplinäre Gesellschaft, die ebenfalls von Yoshihara gemeinsam mit dem Kunstjournalisten Kan Muramatsu begründet wurde. Es ging dieser Gruppe vor allem darum, wie man die traditionellen japanischen Kunstformen auf den neuesten Stand bringen und die Kunstszene des Landes auch international relevanter machen kann. Dreizehn zukünftige Gutai-Mitglieder waren Genbi-Rekruten.

Internationale Einflüsse

Gutai-Künstler wurden stark von europäischen und amerikanischen Künstlern der Gegenwart beeinflusst, insbesondere von Jackson Pollock und der europäischen Art Informel. Viele frühe Mitglieder der Gutai reagierten direkt auf Pollocks Ablehnung der Darstellung der Realität und der reinen Energie seiner Drip Paintings.

Jirõ Yoshihara lobte Pollock in seinem Gutai-Manifest von 1956 und beschrieb, dass sein Werk "den Schrei der Materie selbst, die Schreie der Farbe und der Emaille offenbart".

Gutais Begründer nutzte auch sein Manifest, um seine Begeisterung für die Art Informel zu verkünden: "Ihre Kunst ist frei von konventionellem Formalismus und verlangt etwas Frisches und Neues." Während Pollock nie auf Yoshiharas Versuch, kurz vor seinem Tod 1956 mit ihm in Kontakt zu treten, reagierte, erwiderte Michel Tapie seine Aufmerksamkeit mit viel mehr Interesse, woraufhin eine langfristige Zusammenarbeit entstand.

Kaiga und "e"

Selbst in ihren ausgefallensten Momenten pflegten die Gutai-Künstler immer eine formale und theoretische Beziehung zur Malerei, im Gegensatz zu anderen Bewegungen der Performancekunst der 1950er und 1960er Jahre wie Allan Kaprows Happenings.

Die Gutai-Künstler mussten ihr eigenes Vokabular erst erfinden, um ihre Werke zu erklären. Sie fassten ihre künstlerischen Ziele in einem einzigen Wort zusammen - "e", das lose als "Bild" oder "Bildnis" übersetzt werden kann. Damit bezeichnen sie ihre gesamte Bandbreite an Aktivitäten - von der Malerei und Installation über Performance- und Klangstücke.

E hatte viele verschiedene Ausdrucksformen:

  • Kazuo Shiraga malte mit seinen Füßen
  • Akira Kanayama malte mit einem ferngesteuerten Auto
  • Yasuo Sumi malte mit einem Abakus. 

Zu den noch loseren Ausdrücken von e gehörte Shiraga Kazuo Ultramodern Sanbaso, die er in einem roten Outfit mit geschwungenen Ärmeln aufführte.

Veröffentlichungen

Gedruckte Publikationen waren ein wichtiger Bestandteil von Gutais Leistung. Sie trugen zu den umfassenderen Bemühungen der Gruppe bei, ein internationales Netzwerk von gleichgesinnten Künstlern aufzubauen und zu erhalten.

Das Gutai Journal wurde 1954 ins Leben gerufen, ein Jahr vor der ersten Gruppenausstellung der Bewegung. Es wurde stark von der surrealistischen Zeitschrift Minotaure inspiriert und enthielt Fotos von Gutai-Kunstwerken, Artikel von Mitgliedern der Gruppe und Bilder von Werken ihrer internationalen Zeitgenossen.

Die Zeitschrift war in Design und Layout bahnbrechend und wurde zu einer Art gedrucktem Ausstellungsraum. Das Magazin wurde auch ins Englische und Französische übersetzt und international an einflussreiche Künstler und Kritiker verteilt.

Interaktivität

Gutai-Gruppe

Foto: Latitudes-flickr / Flickr

Gutai war eine der ersten modernen Bewegungen, die Werke schuf, die den Betrachter aktiv einbezog und die berühmtere, technologiebasierte interaktive Kunst ab den 1960er Jahren vorwegnahm.

Der Wunsch der Gruppe, die Öffentlichkeit in die Gestaltung ihrer Kunstwerke einzubeziehen oder die Interaktion mit ihnen zu fördern, hatte seine Wurzeln in der Betonung von individuellem Ausdruck, Demokratie und Freiheit.


Die Entwicklungen nach der Gutai-Gruppe

Die Bewegung löste sich nach Yoshiharas plötzlichem Tod im Jahr 1972 auf. Viele Gutai-Künstler, die das Gefühl hatten, dass sie nun Teil des Establishments waren, gegen das sie ursprünglich so vehement rebellierten, gründeten neue Bewegungen und schufen neue Werke, die ihre kulturelle Relevanz sicherstellten.

Gutai gilt heute als eine der einflussreichsten Bewegungen in der Kunst und hat einen enormen Einfluss auf das zeitgenössische Kunstschaffen in Japan und der ganzen Welt. 

Die Auswirkungen auf bekannte Performancekunst-Bewegungen des 20. Jahrhunderts wie Happenings, Fluxus und den Wiener Aktionismus sowie auf die Konzeptkunst der 1970er Jahre sind inzwischen allgemein anerkannt. 

Das politische Engagement der Gruppe, ihre liberale Einstellung zur Kunstvermittlung und vor allem ihre Befürwortung einer ungezügelten kreativen Freiheit für alle sind nach wie vor relevante Themen. Auch die Bemühungen, die Malerei von ihren historischen Zwängen zu befreien, zeugen von ihren demokratischen Vorstellungen, wie Kunst gemacht und gezeigt werden soll.

Angesichts dieser anhaltenden künstlerischen Bedeutung hat das Interesse an der Bewegung in den letzten Jahren an wichtigen internationalen Institutionen wieder zugenommen. Das Guggenheim in New York hat in den 2010ern eine umfangreiche Retrospektive präsentiert und auch auf der Biennale in Venedig 2009 wurden mehrere Werke der westlichen Öffentlichkeit vorgestellt.


Kunstwerke der Gutai-Gruppe

Kazuo Shiraga, Challenge To The Mud, 1955

Kazuo Shiragas bahnbrechende Performance-Malerei" zeigte den Künstler, wie er sich halbnackt in einen Schlammhaufen stürzte, wo er sich um sich selbst wand und und so ein Bild mit seinem ganzen Körper schuf.

Challenge To The Mud erkundete den Ort, an dem körperliche Aktivität und Materie aufeinander treffen. Der Schlammhaufen wurde nach der Vorstellung für die Dauer der Show vor Ort belassen und als eigenständiges Kunstwerk präsentiert. Shiraga verstand das Werk zunächst als ein erweitertes Gemälde.

Jirõ Yoshihara, Please Draw Freely, 1956

In Please Draw Freely lud der Gutai-Pionier Jirõ Yoshihara die Besucher ein, ein gemeinsames Kunstwerk auf einem großen, leeren Brett zu schaffen. Ein Hinweis auf das Werk ermutigte die Öffentlichkeit, sich hemmungslos auszudrücken, wobei Marker und Stifte zur Verfügung gestellt wurden.

Die Ausstellung fand im Hauptpark der japanischen Stadt Ashiya statt und war als eine völlig frei zugängliche Kunstveranstaltung konzipiert, die ein breites Publikum ansprechen sollte. 

Mit Please Draw Freely wollte Yoshihara die passive Zuschauerschaft und die stille Betrachtung von Kunstwerken ablehnen und stattdessen Menschen jeden Alters einladen, sich direkt mit Kunst auseinanderzusetzen und selbst Teil des kreativen Prozesses zu sein.

Akira Kanayama, Work, 1957

Dies ist eine von Akira Kanayamas Arbeiten, in denen er aus Farbtuben und Filzstiften, die an einem ferngesteuerten Spielzeugauto befestigt waren, seine eigene Version des Action Painting kreiert.

Das resultierende Stück hat einen kraftvollen, hektischen Rhythmus und eine bewusste, wenn gleich lockere Pinselführung, die auffallend an Werke erinnert, die Pollock weniger als ein Jahrzehnt zuvor produziert hatte. Kanayama suggerierte jedoch eine verspielte Kritik an Pollock, indem er solche bewusst ähnlichen Werke mit mechanischen Mitteln produzierte und damit die psychologischen und persönlichen Faktoren, die Pollock betont hatte, zurückwies.

Kanayama benutzte den einfachen Titel Work für das Gemälde, wie viele andere Gutai-Künstler auch, ein Zeichen ihrer völligen Ablehnung der gegenständlichen Kunst und ihrer Weigerung, dem Betrachter zu sagen, was er davon zu erwarten hat.