Malerei

Henri Rousseau – Biografie, bekannte Kunstwerke und künstlerischer Einfluss

Henri Rousseau, 1907

Henri Rousseau (geb. 21. Mai 1844; gest. 2. September 1910) war ein französischer Maler, der heute als Archetyp eines einflussreichen autodidaktischen Künstlers (siehe auch: Naive Kunst) gilt. 

Er ist bekannt für seine farbenreichen und detaillierten Darstellungen von dschungelreicher Vegetation, wilden Tieren und exotischen Personen. Seine traumhaften Gemälde hatten großen Einfluss auf verschiedene Kunstrichtungen. Primitivismus, Fauvismus und Surrealismus sind nur drei der Kunststile, auf die Rosseau unmittelbare Einwirkung hatte. Zu den Künstlern, die seine Werke als Inspiration nannten, gehören Größen der modernen Kunst wie Pablo Picasso, Wassily Kandinsky und André Breton.


Biografie von Henri Rousseau

Kindheit

Henri Julien Félix Rousseau wuchs in einfachen Verhältnissen in Laval im Nordwesten Frankreichs auf. Sein Vater arbeitete als Klempnermeister und Eisenwarenhändler, doch hatte er regelmäßig finanzielle Schwierigkeiten, bis 1851 sogar die Pfändung des Familienhauses angeordnet wurde.

In der Folge schrieb sich der junge Henri als Internatsschüler an der Oberschule von Laval ein, die er bis 1860 besuchte. Er war ein durchschnittlicher Schüler, der neben Auszeichnungen im Zeichnen auch in der Musik glänzte.

Frühe Ausbildung

Die Familie zog 1861 nach Angers, wo Rousseau eine Stelle als Angestellter des örtlichen Gerichtsvollziehers fand. Es gelang ihm, der Einberufung zum Militär durch Losentscheid zu entgehen, doch gelangte er trotzdem in das 51. Infanterieregiment, wo er als Klarinettist arbeitete. Es wird angenommen, dass er durch den Militärdienst einen persönlichen Eklat vermeiden wollte, nachdem sein Arbeitgeber ihn des Diebstahls bezichtigt hatte. 

Seine sieben Jahre aktiven Dienstes verliefen in Frankreich reibungslos, wobei Rousseau die Darstellung seiner militärischen Leistungen oft etwas ausschmückte. Eines seiner erfundenen Abenteuer bestand darin, den Aufstand gegen Kaiser Maximilian in Mexiko zu verhindern, wo er angeblich dem Leben im Dschungel ausgesetzt war, was wiederum seine späteren Gemälde inspirierte.

Im Jahr 1868 heiratete Rousseau seine erste Frau Clemence Boitard. Von ihren mehreren Kindern überlebte nur eine Tochter bis ins Erwachsenenalter.

Nach seinem Ausscheiden aus dem Militärregiment nahm er eine Stelle als Warenkontrolleur beim Zoll an, was ihm bis an sein Lebensende den Spitznamen "Le Douanier" (Der Zöllner) einbrachte.

Während seiner Anstellung bei der Mautbehörde vollendete Rousseau seine ersten Zeichnungen und Gemälde. Die Anfänge seiner Künstlerkarriere sind ungewiss, aber er behauptete, im Alter von vierzig Jahren mit dem Malen begonnen zu haben, was ungefähr dem Zeitpunkt entspricht, als er eine Genehmigung zur Anfertigung von Bildkopien von Werken des Louvre erhielt (1884).

Überraschenderweise bewunderte Rousseau einige Maler, die der traditionellen, akademischen Malweise folgten wie Jean-Léon Gérôme und William-Adolphe Bouguereau. Er strebte sogar nach Anerkennung durch die Académie des Beaux-Arts, indem er sich mit seinen Kunstwerken bei dem von der Institution veranstalteten Salon de Paris bewarb, allerdings abgelehnt wurde.

In der Folge stellte er im Jahr 1885 zum ersten Mal mit der Groupe des Indépendants seine Kunst aus. Die beiden für die Ausstellung ausgewählten Gemälde veranschaulichen sein Hin und Her zwischen Tradition und Moderne: Der Italienische Tanz (heute leider verschollen) stellte ein Thema dar, das von akademischen Malern häufiger dargestellt wurde. Sein Sonnenuntergang war ein Motiv, das zuvor bereits von mehreren Impressionisten interpretiert wurde.

Im folgenden Jahr veranstaltete die Groupe des Indépendants ihren eigenen Salon, an dem Rousseau bis zu seinem Tod fast jedes Jahr teilnahm. Sein Kunstwerk Ein Karnevalsabend hatte bereits die traumartige Wirkung und die kompositorische Anordnung seiner späteren Werke.

Henri Rousseau, Ein Karnevalsabend, 1886

Henri Rousseau, Ein Karnevalsabend, 1886

Tiger in einem tropischen Sturm war das erste seiner bekannten Dschungelszenen und wurde 1891 im Salon des Indépendants ausgestellt. Im Gegensatz zu Rousseaus eigenen Schilderungen zur Entstehung seiner Werke wurden sie höchstwahrscheinlich durch Besuche im bekannten Botanischen Garten von Paris (Jardin des Plantes) und das Museum d'Histoire Naturelle inspiriert.

Henri Rousseau, Tiger in einem tropischen Sturm (überrascht!), 1891

Henri Rousseau, Tiger in einem tropischen Sturm (überrascht!), 1891

Künstlerische Reife

Als Rousseau 1893 vorzeitig aus der Zollbehörde ausschied, widmete er sich hauptberuflich der Malerei. Der Krieg (1894), der im selben Jahr bei den Independants ausgestellt wurde, markierte einen Wendepunkt in seiner Karriere. Das großformatige allegorische Gemälde brachte ihm seine bis dato einzige positive Kritik in der Zeitschrift Mercure de France ein. Es erregte auch die Aufmerksamkeit des Dichters und Schriftstellers Alfred Jarry, der in seiner Zeitschrift eine Lithografie des Gemäldes veröffentlichte.

Henri Rousseau, Der Krieg, 1894

Henri Rousseau, Der Krieg, 1894

1898, zehn Jahre nach dem Tod seiner ersten Frau, heiratete Rousseau die Witwe Josephine Noury. Auch weiterhin um Anerkennung bemüht, nahm er zwischen 1898 und 1900 an zwei Ausschreibungen für die Bemalung der Rathäuser von Vincennes und Asnieres teil, die er beide nicht für sich entscheiden konnte.

Durch Pressestimmen stellte er jedoch fest, dass er mit seinen Dschungelbildern einen gewissen Bekanntheitsgrad erlangt hatte, woraufhin er 1904 mit "Éclaireurs attaqués par un tigre" zu diesem Thema zurückkehrte. Die Ausstellung dieser Arbeit im Salon des Indépendants löste zahlreiche Kritiken aus, die Rousseau wieder ins Blickfeld der Öffentlichkeit brachten.

Henri Rousseau, Éclaireurs attaqués par un tigre, 1904

Henri Rousseau, Éclaireurs attaqués par un tigre, 1904

Etwa zu dieser Zeit entdeckte die jüngere Künstlergeneration Rousseau, dessen Werk eng mit der "primitiven Kunst" verbunden schien, die bei vielen Akteuren der Avantgarde immer beliebter wurde. Er freundete sich schnell mit einer Reihe dieser Künstler an, darunter Pablo Picasso, Georges Braque und Robert Delaunay.

1906 lernte Rousseau Wilhelm Uhde kennen, einen deutschen Kunstsammler und -kritiker, der in seinen letzten Lebensjahren maßgeblich an der Förderung seines Werkes beteiligt war.

Rousseaus künstlerische Laufbahn erlitt jedoch einen Rückschlag, als er 1907 wegen Bankenbetrugs inhaftiert wurde. Die Notizen, die er an den Richter mit dem Antrag auf Freilassung schrieb und in denen er seinen Charakter und seine besonderen Leistungen überhöhte, stellen einige der genauesten Informationen über den Künstler dar, die heute schriftlich erhalten sind.

Späte Jahre und Tod

Uhde organisierte 1908 Rousseaus erste, wenn auch erfolglose, Einzelausstellung. Im selben Jahr erwarb Pablo Picasso Rousseaus Porträt einer Frau (1895), das er in einem Antiquitätenladen fand.

Henri Rousseau, Porträt einer Frau, 1895

Henri Rousseau, Porträt einer Frau, 1895

Um seinen Erwerb zu feiern, veranstaltete Picasso eine heute beinahe legendäre Feier, die viele der Gäste, darunter auch Gertrude Stein, zu spannenden Berichten inspirierte.

Als Ehrengast saß Rousseau auf einem improvisierten Thron und trug sogar zur Unterhaltung bei, indem er einen Walzer aufführte, den er geschrieben und nach seiner ersten Frau benannt hatte. Trotz seiner Beliebtheit bei seinen Künstlerkollegen lebte für den Rest seines Lebens in Armut. Er starb am 2. September 1910 an den Folgen einer infizierten Beinwunde.


Künstlerisches Vermächtnis von Henri Rousseau

Rousseaus Freunde und Künstlerkollegen spielten eine wichtige Rolle bei der Förderung seines künstlerischen Einflusses unmittelbar nach seinem Tod. 

Der Künstler Max Weber führte Rousseaus Werk 1910 mit einer New Yorker Ausstellung dem amerikanischen Publikum vor, gefolgt von einer von Robert Delaunay organisierten Gedenkausstellung im Salon des Indépendants im folgenden Jahr. Uhde veröffentlichte auch die erste Biografie über Rousseau, die Wassily Kandinsky tief beeindruckte und daraufhin zwei Gemälde Rousseaus erwarb und Reproduktionen seines Werkes in seinen 1912 herausgegeben Almanach aufnahm.

Ausgestattet mit einer seltsam anziehenden Fremdheit hinterließ Rousseaus Oeuvre einen bleibenden Eindruck bei Künstlern der nächsten Generation und darüber hinaus. Die autodidaktischen Techniken und der Sinn für kindliche Einfachheit in seinem Werk fanden ihren Widerhall im "Primitivismus" der modernen Künstler des frühen 20. Jahrhunderts wie Picasso und Kandinsky.

Rousseau wurde auch von André Breton als "Proto-Surrealist" bezeichnet, weil seine Kunst eine traumartige, absurde und metaphysische Note hatte. Gemäß der Aussagen Bretons nahm die Verwendung leuchtender Farben und klarer Umrisse die Werke von Surrealisten wie René Magritte vorweg.


Bedeutende Werke von Rousseau

Tiger in einem tropischen Sturm, 1891

Henri Rousseau, Tiger in einem tropischen Sturm (überrascht!), 1891

Henri Rousseau, Tiger in einem tropischen Sturm (überrascht!), 1891

In diesem ersten Dschungelbild von Rousseau taucht ein zähnefletschender Tiger aus dem Gras auf. Die schrägen Zweige, Regen und der dunkle Himmel zeigen den im Titel angekündigten Sturm.

Diese im Salon des Indépendants ausgestellte Dschungelszene wurde von vielen Kritikern aufgrund ihrer offensichtlich autodidaktischen, beinahe laienhaften Qualität ins Lächerliche gezogen.

Doch für den Maler und Kritiker Felix Vallotton war das Werk ein absoluter Höhepunkt der Ausstellung. Seiner Meinung nach stellte die kindliche Naivität, mit der Rousseau das Bild malte, die gängigen Traditionen und die Prinzipien der akademischen Malweise in Frage.

Der Traum, 1910

Der Traum, 1910, Museum of Modern Art, New York

Henri Rousseau, Der Traum, 1910

Der Traum ist ein passender Titel für das vorliegende Werk mit der surrealen Darstellung einer nackten Frau, die auf einem Sofa in einem Wald liegt. Die Frau ist umgeben von farbenfroher, sorgfältig dargestellter Natur. Auch mehrere Löwen sind Teil der Komposition, die teilweise den Betrachter des Bildes entgegenstarren.

Dieses Bild eines beinahe humorvoll deplazierten Aktes im akademischen Stil, der an einige der bekannten Odalisken erinnert, in einer exotischen Umgebung fernab Frankreichs kann als Rousseaus Reaktion auf die Expansion der Franzosen im späten 19. Jahrhundert angesehen werden. Diese Orte hatte Rousseau nur in Kunstwerken in Museen oder in Zeitschriften gesehen.

Mit seiner unglaublichen Liebe zum Detail, seinem kräftigen Farbschema und seiner absurden Kombination einzelner Bilder verrät Der Traum, warum Rousseaus Kunst von den Surrealisten so bewundert wurde.