Isleworth Mona Lisa, Ausschnitt
Gemälde

Ist die Isleworth Mona Lisa ein originaler Leonardo da Vinci oder eine Kopie?

Isleworth Mona Lisa, Ausschnitt

Vier Jahrzehnten wurde das Porträt einer Frau, die dem Motiv der berühmten Mona Lisa von Leonardo da Vinci sehr ähnlich ist, in einem Schweizer Tresor unter Verschluss gehalten. 

Während ihre überaus berühmte Schwester ihr rätselhaftes Lächeln dem endlosen Besucherstrom im Louvre präsentiert, hat die Figur der sogenannten Isleworth Mona Lisa ihr noch breiteres Grinsen vor der Öffentlichkeit verborgen gehalten.

Das änderte sich Ende 2012, als das Konsortium, dem das Bild gehört, es in Genf enthüllte, um zu beweisen, dass die Isleworth Mona Lisa nicht nur authentisch, sondern auch ein Original von Leonardo da Vinci sei.

Die Mona Lisa Foundation wurde zur Erforschung des Porträts gegründet und lieferte Hinweise darauf, dass da Vinci die Isleworth Mona Lisa chronologisch vor seinem sich heute im Louvre befindlichen ikonischen Meisterwerk geschaffen hat.

In diesem Artikel sehen wir uns das Gemälde einmal genauer an und vergleichen die Darstellung mit der Mona Lisa aus dem Louvre. Anschließend gehen wir auf die Ursprünge des Gemäldes ein. Abschließend werfen wir einen Blick auf die allzu konträren Expertenmeinungen, die das Werk Leonardo zuschreiben oder eine Zuschreibung verweigern. 

Beschreibung der Isleworth Mona Lisa

Isleworth Mona Lisa, ca. 1503 - 1516

Isleworth Mona Lisa, ca. 1503 - 1516

Die Isleworth Mona Lisa ist ein wenig größer als die Mona Lisa im Louvre. Sie misst 84.5 cm × 64.5 cm, wohingegen letztere 77 cm × 53 cm misst. Auch der Bildausschnitt ist wenig weiter gefasst als beim Exemplar im Louvre. Auf beiden Seiten befinden sich Säulen, die auch in anderen Versionen vorkommen. Das Louvre-Gemälde hat lediglich die vorstehenden Säulensockel auf beiden Seiten, was darauf hindeutet, dass das Bild ursprünglich von Säulen eingerahmt war, aber beschnitten wurde. 

Experten, die die Mona Lisa in den Jahren 2004-2005 untersuchten, waren sich allerdings sicher, dass das Originalbild nicht beschnitten wurde.

Die Figur der Isleworth Mona Lisa ähnelt der der Mona Lisa aus dem Louvre. Sie posieren identisch und werden identisch beleuchtet. Das Gesicht der Isleworth Mona Lisa erscheint jedoch jünger, was zu Spekulationen geführt hat, dass es sich um eine frühere Version des Künstlers handelt. 

Außerdem ist der Hintergrund im Isleworth-Gemälde wesentlich ungenauer als der Hintergrund im Louvre-Gemälde. Aus diesen Gründen glaubten mehrere Fachleute, dass Leonardo die Hände und das Gesicht des Porträts in seiner unverwechselbaren Sfumato-Technik gemalt hatte, wohingegen der Rest des Bildes von einem Schüler oder einem Assistenten ausgeführt worden sei.

Bildvergleich

Mona Lisa Leonardo da Vinci Werke

Leonardo da Vinci, Mona Lisa, ca. 1502 - 1506

Isleworth Mona Lisa, ca. 1503 - 1516

Isleworth Mona Lisa, ca. 1503 - 1516

Ursprünge des Gemäldes

Laut Leonardos frühem Biografen Giorgio Vasari hatte Leonardo 1503 begonnen, die Mona Lisa zu malen, aber er ließ sie unvollendet. Ein vollendetes Gemälde einer gewissen florentinischen Dame tauchte jedoch 1517 - kurz vor Leonardos Tod - in seinem Privatbesitz wieder auf.

Ausgehend von dieser Beschreibung argumentieren die Befürworter der Leonardo-Zuschreibungen, dass die Isleworth Mona Lisa die unvollendete Mona Lisa sei, die zumindest teilweise von Leonardo geschaffen wurde. Die Mona Lisa aus dem Louvre sei die spätere Version davon, die von Leonardo für seinen eigenen Gebrauch geschaffen wurde.

Die Isleworth Mona Lisa wurde erstmals 1914 vom Kunstsammler Hugh Blaker entdeckt, der sie im Haus eines englischen Adligen fand. Das Gemälde wurde in der englischen Kleinstadt Isleworth im westlichen Bereich des Großraums London gefunden.

1962 verkaufte Blaker es an den amerikanischen Sammler Henry Pulitzer, der es seinem Begleiter überließ. Ein Konsortium von anonymen Personen kaufte es nach ihrem Tod und legte es in den Schweizer Tresor.

Untersuchungen der Authentizität seit 2012

Seither haben eine Reihe von Experten die Arbeit untersucht und durchleuchtet.

  • Zwischen 2012 und 2013 wurden eine Reihe von zusätzlichen Prüfungen und Tests durchgeführt und am 13. Februar 2013 wurde von Reuters eine Zusammenfassung vorgelegt.
  • Alfonso Rubino stellte fest, dass die Arbeit mit der Geometrie Leonardos übereinstimmte und bekräftigte die Hypothese, dass das Gemälde von Leonardo gemalt wurde.
  • Im Jahr 2013 untersuchte Professor Atila Soares das Gemälde im Detail und veröffentlichte ein Buch, in dem er die Echtheit als originaler Leonardo bejahte.
  • Im Oktober 2013 veröffentlichte Jean Pierre Isbouts ein Buch mit dem Titel The Mona Lisa Myth, das sich mit der Geschichte und den Ereignissen hinter dem sich im Louvre befindlichen und dem in Isleworth gefundenen Gemälde beschäftigt. In dem Buch wird die Zuschreibung der Isleworth Mona Lisa zu Leonardo ebenfalls bejaht.
  • Im April 2014 untersuchte Albert Sauteur die Perspektive, mit der die beiden Mona Lisas gemalt wurden. Er kam zu dem Schluss, dass Leonardo beide Werke gemalt hat.
  • Im Jahr 2015 dokumentierte eine wissenschaftliche Publikation der Professoren Lorusso und Natali eine umfassende Analyse der Gemälde und Kopien von Mona Lisa und kam zu dem Schluss, dass es sich sowohl bei Mona Lisa im Louvre als auch bei der Isleworth Mona Lisa um Originalwerke von Leonardo handelt.
  • Im Jahr 2016 veröffentlichten die Professoren Parfenov, Asmus und Elford in einer wissenschaftlichen Publikation die Ergebnisse wissenschaftlicher Untersuchungen, die feststellten, dass derselbe Künstler sowohl das Gesicht der Mona Lisa im Louvre als auch das der Isleworth Mona Lisa malte.
  • Im Jahr 2017 veröffentlichte Gérard Boudin de l'Arche einen umfassenden historischen Bericht und erklärte, dass Leonardo die Isleworth Mona Lisa vor der Mona Lisa gemalt habe, die sich heute im Louvre befindet.

Zweifel an der Zuschreibung zu Leonardo

Mehrere Kunsthistoriker bezweifeln die Zuschreibung der Isleworth Mona Lisa zu Leonardos Werk.

Unter ihnen Martin Kemp, emeritierter Professor für Kunstgeschichte in Oxford und ausgesprochener Leonardo da Vinci Experte. Er bestreitet die Zuschreibung an Leonardo da Vinci. Zwei Argumente stehen im Vordergrund seiner These:

  • Dass das auf Geometrie basierende Argument irrelevant sei, da keinerlei Abhandlung solche Regeln hervorgehoben hat, die von Leonardo da Vinci oder seinen Zeitgenossen befolgt werden sollten.
  • Dass Isleworth-Porträt ist auf Leinwand gemalt, während kein anderes bekanntes Gemälde von Leonardo da Vinci auf Leinwand gemalt wurde und keine italienischen Werke dieser Zeit auf Leinwand gemalt wurden, mit Ausnahme der Arbeiten an beweglichen Platten.

Es sei darauf hingewiesen, dass viele Experten wie Alessandro Vezzosi, Salvatore Lorusso, Andrea Natalie oder Jean-Pierre Isbouts die Tatsache, dass das Gemälde auf Leinwand ausgeführt wurde in keiner Weise als Widerlegung der Zuschreibung Leonardos ansehen.

Sie argumentieren, dass der Künstler sein ganzes Leben lang mit neuen Materialien experimentiert hat.

Zu Beginn des 16. Jahrhunderts besuchte Leonardo Venedig und Mantua, wo viele Künstler wie Andrea Mantegna oder Vittore Carpaccio fast ausschließlich auf Leinwand malten. Darüber hinaus malte Sandro Botticelli in Florenz zwischen 1482 und 1485 auch auf Leinwand.

In einer Abhandlung von Leonardo, die sich heute ebenfalls in der Sammlung des Louvres befindet, beschreibt er sogar selbst recht detailliert, wie man auf Leinwand malen kann. Es scheint, dass zumindest das Argument der Leinwand damit zumindest teilweise entkräftet werden kann.

Ist die Isleworth Mona Lisa ein originaler Leonardo?

Auf beiden Seiten gibt es Befürworter und Widersacher für die Zuschreibung zu Leonardo da Vinci. Eine Metaanalyse ergab, dass 22 Experten die Zuschreibung der essenziellen Teile des Bildes (Gesicht, Hände) zum Renaissancemeister bejaht haben. 

Nur vier Experten bestehen darauf, dass Leonardo nicht an der Entstehung des Gemäldes beteiligt sei. Selbst die im Sfumato gemalten Hautpartien sollen ihrer Meinung nach Leonardos Genie entspringen.

Sollte sich das Eigentümerkonsortium irgendwann dafür entscheiden, das Werk zu verkaufen, dürfte das Aufsehen um das Gemälde neue Höhen erreichen. Dann würden viele Experten zu Wort melden, die sich bislang nicht geäußert haben. Auch das versteigernde Auktionshaus dürfte die umfangreichsten Analysen an dem Bild durchführen, um zu bestimmen, ob es für einen Verkauf Leonardo zugeschrieben werden kann.

Eine eindeutige Authentifizierung ist nach heutigem Stand nicht möglich, auch wenn viele Hinweise darauf hindeuten.