In seinen sehr produktiven Pariser Jahren beschäftigte sich Vincent van Gogh intensiv mit japanischen Farbholzschnitten, den sogenannten Ukiyo-e. Er sammelte rund 600 dieser Grafiken und stellte sie 1887 im Café du Tambourin aus, einem bekannten Treffpunkt der Pariser Künstlerszene.
1888 verließ Van Gogh Paris und zog in die Provence im Süden Frankreichs. Dort hoffte er, ein Leben und Arbeiten näher an der Natur führen zu können. Diese Idee verband er stark mit seinem idealisierten Bild von Japan, das für ihn für künstlerische Freiheit und Einfachheit stand.
Geprägt wurde dieses Japanbild van Goghs durch französische Autoren wie Edmond de Goncourt und Félix Régamey, die Japan als ursprüngliche Gegenwelt zur modernen europäischen Großstadt beschrieben.
Wie sich diese Vorstellung Japans konkret in van Goghs Bildsprache, Farbwahl und Komposition niederschlug, zeigt ein Blick auf seine Werke, die wir im Verlauf dieses Artikels erkunden.
Japonaiserie: Die japanischen Einflüsse in van Goghs Kunst
Japonaiserie war der Begriff, mit dem Vincent van Gogh den Einfluss japanischer Kunst auf sein eigenes Schaffen beschrieb.
Um zu verstehen, wie japanische Kunst nach Europa und schließlich in sein Atelier gelangte, ist ein Blick auf die historischen Hintergründe notwendig:
- Japan war über mehr als zwei Jahrhunderte hinweg nahezu vollständig vom Westen abgeschottet.
- Erst 1853, als der amerikanische Commodore Matthew Perry mit seinen Kriegsschiffen die Öffnung Japans erzwang, begann ein intensiver kultureller Austausch zwischen Japan und Europa.
- In den folgenden Jahrzehnten kamen zahlreiche japanische Waren nach Europa, darunter auch Farbholzschnitte. Diese wurden anfangs oft nur als Verpackungsmaterial für Porzellan oder Tee genutzt, fanden jedoch schnell die Aufmerksamkeit von Künstlern und Sammlern.
- Besonders die Weltausstellungen in Paris 1867 und 1878 trugen dazu bei, japanische Kunst einem breiten Publikum bekannt zu machen.
Japanische Gemälde von Vincent van Gogh
Van Gogh beschäftigte sich ab 1887 intensiv mit den Holzschnitten, die er zunächst abzeichnete und anschließend teilweise sehr genau kopierte, bevor er eher lose Stilelemente der japanischen Kunst in Werke mit seiner eigenen Bildsprache integrierte.
Drei bekannte Werke sind frühe Auseinandersetzungen mit der Kunstform:
- Pflaumengarten in Kameido (nach Hiroshige), 1887
- Brücke im Regen (nach Hiroshige), 1887
- Die Kurtisane (nach Kesai Eisen), 1887
Du findest die Gemälde nachfolgend aufgelistet, jeweils mit van Goghs Vorlagen der japanischen Künstlern.

Vincent van Gogh, Pflaumengarten in Kameido (nach Hiroshige), 1887
Hiroshige, Pflaumengarten in Kameido, 1857
Vincent van Gogh, Brücke im Regen nach Hiroshige, 1887
Utagawa Hiroshige, Abendschauer über der großen Brücke in Atake, 1857
Vincent van Gogh, Kurtisane (Oiran), 1887
Kesai Eisen, Kurtisane, 1830er
1887 integrierte er auch mehrere der Holzschnittmotive als malerische Kulissen in das Porträt des Père Tanguy, den er in einer Pose ähnlich einem sitzenden Buddha darstellte.
Das Bild des Berg Fuji über Tanguys Kopf wurde höchstwahrscheinlich von einer von Hiroshiges Druckgrafiken aus den 36 Ansichten des Berges Fuji inspiriert.
Die anderen Drucke im Hintergrund wurden von van Gogh ausgewählt, um die Vielfalt der verschiedenen Genres japanischer Druckgrafiken zu zeigen, darunter Landschaften, Blumenstudien und Geishas.
Hokusai, Ausschnitt "Die Felder von Umezawa in der Provinz Sagami", 1830
Vincent van Gogh, Portrait des Père Tanguy, 1887 - 1888
Im folgenden Jahr arbeitete van Gogh zunehmend freier mit japanischen Bildvorlagen. Mehrere seiner Gemälde mit blühenden Mandelbäumen zeigen deutliche kompositorische Parallelen zu Landschaftsdarstellungen Hiroshiges, insbesondere zu dessen Ansichten des Flusses Sumida.
Die intensive Auseinandersetzung mit der japanischen Kunst half van Gogh, sich von europäischen Traditionen zu lösen und einen eigenständigen künstlerischen Ausdruck zu entwickeln.
Wie nachhaltig dieser Einfluss war, zeigt sich besonders eindrucksvoll im Vergleich zwischen Hiroshiges Darstellung der Großen Welle und van Goghs Sternennacht.
In beiden Werken begegnen sich dynamische Naturkräfte, rhythmische Linienführungen und eine stark emotionale Bildwirkung: Elemente, die van Gogh aus der japanischen Kunst aufgriff und in seine eigene, unverwechselbare Bildsprache überführte.
Hokusai, Die große Welle vor Kanagawa, 1829-1832
Vincent van Gogh, Sternennacht, 1889
Diese Bedeutung der japanischen Kunst für van Goghs Werk lässt sich kaum prägnanter zusammenfassen als in seinen eigenen Worten:
Alle meine Arbeiten basieren zum Teil auf japanischer Kunst
- Vincent van Gogh, Sonntag, 15 Juli 1888





