Malerei

Jean-Auguste-Dominique Ingres – Biografie, Werke und künstlerisches Vermächtnis

Jean-Auguste-Dominique Ingres, Selbstporträt, 1804

Jean-Auguste-Dominique Ingres war ein akribischer und revolutionärer Porträtmaler. Er verfügte über eine ausgezeichnete malerische Fertigkeit, die in seinem Vermächtnis als angesehener Meister der klassizistischen Malerei gipfelte. Sein Oeuvre ist ein Vorläufer der modernen Kunst und hatte einen maßgeblichen Einfluss auf Künstler der Moderne wie Pablo Picasso oder Barnett Newman.


Jean-Auguste-Dominique Ingres Biografie

Kindheit

Als ältestes Kind des Bildhauers, Malers und Musikers Jean-Marie-Joseph Ingres wurde Jean-Auguste-Dominique am 29. August 1780 in Montauban in Südfrankreich geboren.

Unter der väterlichen Führung zeigte er bereits in jungen Jahren ein Talent für die Geige und eine Vorliebe für das Zeichnen. Seine Ausbildung am Pariser Collège des Frères des Écoles Chrétiennes wurde abgebrochen, als die Schule während der Französischen Revolution geschlossen wurde.

Ingres' Vater schickte ihn 1791 ins nahegelegene Toulouse und schrieb sich an der Académie Royale ein. Er setzte auch sein Interesse an der Musik fort, indem er von 1794 bis 1796 mit beim Orchestre du Capitole de Toulouse die zweite Violine spielte.

Frühe Ausbildung

Dem typischen Werdegang ehrgeiziger junger Künstler seiner Zeit folgend, verließ Ingres im August 1797 Toulouse und zog nach Paris. Sein Vater hatte ihm eine Lehrstelle im Atelier von Jacques-Louis David sichern können. Dort würde er nicht nur von der Ausbildung Davids, sondern auch von der lebendigen Pariser Kunstwelt profitieren.

Die jüngsten militärischen Siege Frankreichs in Holland, Belgien und Italien hatten Trophäen aus historischen Kunstsammlungen nach Paris gebracht und Ingres einen noch nie zuvor möglichen Zugang zu Meisterwerken der Renaissancekunst verschafft. Seine Begeisterung für die Werke von Raffael wurde ebenfalls in dieser Zeit geschürt.

Als Schüler Davids baute er enge Beziehungen zu seinen Mitschülern auf, insbesondere zu Étienne Delécluze, später einer der führenden Anhänger des Klassizismus. Er freundete sich auch mit prominenten ehemaligen Schülern wie Anne-Louis Girodet und Antoine-Jean Gros an. Diese nächste Generation übernahm viele Regeln ihres Meisters, brach aber auch mit seinem Vorbild. Sie begannen, emotionalere Themen zu bevorzugen, was einen weniger starren Malstil förderte.

Ingres' frühe Arbeiten zeigen seine Beherrschung der akademischen Konventionen, aber auch seinen experimentellen Bruch mit dieser Tradition. Politische Unsicherheiten und finanzielle Engpässe verzögerten seine Abreise nach Rom um fünf Jahre.

Mittleres Werk

Als Gewinner des Prix de Rome wurde von Ingres erwartet, dass er Arbeiten nach Paris schickt, um seine Fortschritte zu demonstrieren. Anstatt nur einen akademischen Akt zurückzuschicken, verwandelte er sein Ödipus löst das Rätsel der Sphinx (1808) in ein Historiengemälde, was der akademischen Traditionen entsprach.

Ödipus löst das Rätsel der Sphinx, 1808

Jean-Auguste-Dominique Ingres, Ödipus löst das Rätsel der Sphinx, 1808

Ingres pflegte auch bewusst Beziehungen zu wohlhabenden Mäzenen und nutzte seine Kontakte zur Akademie, um Aufträge für Historienbilder und Porträts zu erhalten.

Er empfand die Porträtmalerei zwar als einen unwichtigen Einsatz seines Talents, aber sie war gewinnbringend und durch seine Heirat im Jahr 1813 notwendig geworden. Wahrscheinlich überlebte Ingres nur dank seines Rufs als herausragender Porträtmaler die finanziellen Auswirkungen der Koalitionskriege, die 1815 mit dem Zusammenbruch des Imperiums endeten.

Nur wenige Wochen nach seiner Ankunft in Florenz erhielt Ingres den wichtigsten Auftrag seiner Karriere. Das französische Innenministerium bat um ein großformatiges religiöses Gemälde für die Kathedrale von Montauban, der Heimatstadt des Künstlers. Das Resultat war "Das Gelübde Ludwigs XIII", welches 1824 fertiggestellt und auf dem Salon als uneingeschränkter Erfolg empfangen wurde.

Jean-Auguste-Dominique Ingres, Das Gelübde Ludwigs XIII, 1824

Jean-Auguste-Dominique Ingres, Das Gelübde Ludwigs XIII, 1824

Ingres' Erfolg in der Ausstellung und seine Einberufung in die Académie des Beaux-Arts erlaubten es ihm, nach 18 Jahren im Ausland 1824 als gefeierter Künstler nach Paris zurückzukehren. Im folgenden Jahr erhielt er von Karl X. das Kreuz der Ehrenlegion und einen weiteren Auftrag für ein großes Historienbild an der Decke des Louvre, die Apotheose von Homer (1827).

Jean-Auguste-Dominique Ingres, Apotheose von Homer, 1827

Jean-Auguste-Dominique Ingres, Apotheose von Homer, 1827

Trotz dieser offiziellen Anerkennung geriet Ingres gelegentlich ins Straucheln. Das 1834 für die Kathedrale von Autun fertiggestellte Martyrium des heiligen Symphorianus wurde auf dem Salon äußerst schlecht aufgenommen.

Jean-Auguste-Dominique Ingres, Martyrium des heiligen Symphorianus, 1824-34

Jean-Auguste-Dominique Ingres, Martyrium des heiligen Symphorianus, 1824-34

Die Juroren lehnten die dunkle Farbwahl, die ungeordnete Komposition und die perspektivische Verzerrung seiner Figuren ab. Daraufhin schwor Ingres, dass er nicht mehr im Salon ausstellen würde und auch keine Regierungsaufträge mehr annehmen würde. Nachdem er die Pforten seines Pariser Ateliers schloss, erlangte er die Leitung der Académie de France in Rom, weshalb er noch im Dezember desselben Jahres zurück nach Rom zog.

Spätwerk

Trotz seines dramatischen Abgangs aus Paris stand der immer noch ehrgeizige Ingres nicht ganz zu seinem Wort. Im Auftrag des Prinzen Ferdinand-Philippe, eines geschätzten Sammlers und Sohnes von König Ludwig-Philippe, schuf Ingres Antiochus und Stratonike (1840) für die private Residenz des Mäzens. Nach diesem Erfolg kehrte Ingres nach seiner sechsjährigen Amtszeit in der Führung der Académie in Rom 1841 nach Paris zurück.

Jean-Auguste-Dominique Ingres, Antiochus und Stratonike, 1840

Jean-Auguste-Dominique Ingres, Antiochus und Stratonike, 1840

Obwohl er geschworen hatte, seine Werke nie wieder öffentlich auszustellen, willigte Ingres ein, an der Retrospektive von 1846 teilzunehmen, die Jacques-Louis David und seine beeindruckendsten Schüler zeigte.

Dann wurde er 1855 mit einer Retrospektive und einer ganz ihm gewidmeten Ausstellung auf der Exposition Universelle geehrt. Trotz dieses Zeichens des Respekts war der immer sehr leidenschaftliche Ingres empört darüber, dass er in jenem Jahr die große Ehrenmedaille mit neun anderen Künstlern teilen musste, darunter sein Rivale Eugène Delacroix.

In den letzten zehn Jahren seines Lebens wurde Ingres' Praxis immer privater, da er sich darauf konzentrierte, Werke für Freunde und Familie zu schaffen. Seine letzten Arbeitsjahre verbrachte er damit, alte Motive und längst vergessene Gemälde erneut anzugehen.

Sein letztes Werk, das in einem Notizbuch als "große Jungfrau mit der Hostie und zwei Engeln" erwähnt ist, wird auf den 31. Dezember 1866 datiert.

Am 14. Januar 1867 starb Ingres an einer Lungenentzündung.


Das Vermächtnis von Jean-Auguste-Dominique Ingres

Obwohl er eng mit der Académie und ihrem Ruf als konservativem Institut verbunden war, haben Ingres' Interesse an linearer Schönheit und seine Bereitschaft, seine Sujets zu verzerren, die künstlerische Avantgarde nachfolgender Generationen beeinflusst.

Seine Gemälde mit Harems und Odalisken inspirierten andere Künstler wie Manet und Matisse dazu, das Thema aufzugreifen. Auch Edgar Degas blickte auf Ingres als Meister der Zeichnung, der mit seinem impressionistischen Pinselstrich Ingres' Linearität nachahmt. Pablo Picasso trieb Ingres' figurative Verzerrungen zu neuen Ausmaßen, sah aber auch seine Porträts als Vorbild für seinen Stil der Zwischenkriegszeit.

Da Ingres den Illusionismus bereitwillig zugunsten ästhetischer und kompositorischer Effekte opferte, identifizierte Barnett Newman ihn sogar als einen Vorreiter des Abstrakten Expressionismus.