Kunst

Konkrete Kunst – Grundideen, Geschichte und bedeutende Werke

Konkrete KunstMax Bill, Kontinuität, 1986 | Foto: Frank Behnsen / CC BY-SA 3.0

Konkrete Kunst ist abstrakte Kunst, die völlig frei von jeder Grundlage in der beobachteten Realität ist und keine symbolische Bedeutung hat.

Das Wort "konkret" selbst ist definiert als in einer materiellen oder physischen Form existierend, als fest, materiell, real und als Gegenbegriffe werden häufig "abstrakt" und "theoretisch" verwendet. Doch gerade abstrakt und theoretisch ist die konkrete Kunst, die diese beiden Begriffe oft bis zum Äußersten ausreizt.

Während die abstrakte Kunst im weitesten Sinne des Wortes Formen und Gestaltungsmittel verwendet, die oft der realen Welt entliehen sind, um ihre Aussage zu vermitteln, verzichtet die konkrete Kunst komplett darauf und konzentriert sich stattdessen ausschließlich auf Ideen, die direkt aus dem Geist des Künstlers stammen.

Kernideen der Konkreten Kunst

  • Eine der Ideen, die der Entwicklung der Konkreten Kunst zugrunde lagen, war, dass das Kunstwerk auf nichts anderes als auf sich selbst verweisen sollte: das heißt, dass es die äußere Realität in keiner Weise darstellen sollte. Wie van Doesburg es in seiner Theorie formulierte, sollte ein Bildelement keine andere Bedeutung als 'sich selbst' haben. Somit hätte auch das gesamte Bild keine andere Bedeutung als sich selbst.
  • In der Praxis bedeutete die Betonung der Ungegenständlichkeit, dass sich die Konkrete Kunst oft an immateriellen Gegenständen wie mathematischen und algebraischen Formeln und wissenschaftlichen Theorien inspirieren ließ. In der Allianz-Gruppe, die von Max Bill in der Schweiz der 1930er Jahre angeführt wurde, schufen die Künstler zum Beispiel Gemälde, in denen jede mögliche visuelle Kombination einer vorher festgelegten Anzahl von kompositorischen Elementen auf der Leinwand dargestellt wurde, um eine mathematische Formel zu erfüllen. 
  • Andere Künstler wie Bill selbst schufen Gemälde und Skulpturen, die moderne wissenschaftliche Theorien wie die Relativitätstheorie visualisierten. Obwohl sich ein Großteil der abstrakten Kunst seit den 1910er Jahren in diese Richtung bewegte, waren es die Konkreten Künstler, die die Idee, dass ein Gemälde z. B. eine algebraische Formel statt einer Person oder eines Objekts darstellen könnte, zur vollen Entfaltung brachten.
  • Wie ihre Vorläuferbewegungen Konstruktivismus und De Stijl überschritt die Konkrete Kunst die Grenzen der Medien. Ihr berühmtester Vertreter Max Bill war sowohl Industriedesigner und Architekt als auch Maler. Grundlegend für diesen interdisziplinären Ansatz war die Überzeugung, dass alle konkrete Kunst von  kompositorischen Prinzipien ausgehen sollte, die so elementar und universell sind, dass sie auf jedes Medium angewendet werden können.

Unterschiede zu verwandten Kunstströmungen

Zusammen mit dem Suprematismus, Konstruktivismus, De Stijl und Minimalismus ist die Konkrete Kunst eine der geometrisch-abstrakten Kunstbewegungen, die sich im 20. Jahrhundert entwickelte, etwa zwischen 1913 und 1970. 

Aber sie unterscheidet sich deutlich von allen anderen in dieser Liste. Um den Unterschied zu erkennen, ist ein Verständnis für die anderen Strömungen vonnöten. Äußerlich entstanden in den unterschiedlichen Kunstrichtungen ähnliche Werke. Das liegt daran, dass sie alle auf der gleichen Bildsprache basieren: Ein Ausdruck basierend auf gegenstandslosen, formalen Elementen wie Linien, Formen und Farben. 

Der wesentliche Unterschied zwischen ihnen war beinahe ausschließlich semantischer Natur, was bedeutet, dass die Intention und Bedeutung, die jeder dieser Kunstströmungen zugrunde lag, einzigartig war. 

  • Der Suprematismus nutzte die geometrische Abstraktion, um die "Vorherrschaft des reinen Gefühls oder der Wahrnehmung" zu vermitteln. 
  • Der Konstruktivismus nutzte sie, um neue nützliche Symbole für eine moderne Welt zu konstruieren.
  • De Stijl benutzte geometrische Elemente, um die intrinsische Harmonie des Universums zu erforschen.
  • Die Konkrete Kunst war rein plastisch - jedes visuelle Element, das sie verwendete, wurde auf rein mechanische Weise geschaffen und war frei von jeder symbolischen, emotionalen und spirituellen Bedeutung.

Der Minimalismus ging damit konform, dass plastische Elemente selbstbezogen sein sollten. Gewissermaßen trieb diese Strömung diese Überzeugung aber auf die Spitze, indem sie ästhetische Komponenten mit Autonomie ausstattete. Dies gipfelte im Entfernen aller Hinweise auf die Urheberschaft (Handschrift) des Künstlers.

Von all diesen Bewegungen kann nur eine - die Konkrete Kunst - für sich in Anspruch nehmen, vollkommen abstrakt zu sein. Sie war die einzige, die aktiv danach strebte, jegliche äußere Bedeutung zu eliminieren. Künstler wurden davon befreit, irgendetwas jenseits dessen kommunizieren zu müssen, was im Werk klar erkennbar war.


Entstehung & Geschichte der konkreten Kunst

Art Concret: Bewegung, Magazin und Manifest

Theo van Doesburg, Art Concret, Poster

Theo van Doesburg, Art Concret, Poster

Neben der aufkeimenden abstrakten Kunstbewegung war Paris in den 1920er Jahren auch das Zentrum des Surrealismus, der teilweise aus dem antirationalen Geist des Dadaismus hervorgegangen war. Durch die Kombination der dadaistischen Begeisterung für das Unerklärliche und Jenseitige mit einer zunehmend realistischen Darstellungsweise, stand der Surrealismus für all das, was Künstler wie Mondrian und van Doesburg ablehnten.

Nicht zuletzt aus diesem Bewusstsein der kollektiven Ablehnung heraus entstanden in den späten 1920er Jahren verschiedene neue Strömungen, die sich der Sache einer rationalen, abstrakten Kunst verschrieben.

Im Jahr 1929 schlossen sich der uruguayische Künstler Joaquín Torres-García und der belgische Maler Michel Seuphor zu der Gruppe Cercle et Carré zusammen. Ihr Ziel war es, alle Künstler, die sich der rationalen geometrischen Abstraktion verschrieben hatten, unter einem allumfassenden Transparent zu vereinen.

Der dogmatische van Doesburg, der anfangs an den Diskussionen über die Gründung der Gruppe beteiligt war, war jedoch der Meinung, dass diese von strengeren Prinzipien geleitet werden sollte.

Zu diesem Zweck gründete er das rivalisierende Kollektiv Art Concret und veröffentlichte in der einzigen Ausgabe seiner Zeitschrift Art Concret (1930) das, was seither als das Gründungsdokument der Konkreten Kunst bekannt geworden ist. 

Art Concret Manifest, geschrieben von Theo von Doesburg

Art Concret Manifest, geschrieben von Theo von Doesburg

Eine Übersetzung ins Deutsche lautet:

Wir erklären:

  1. 1
    Kunst ist universell.
  2. 2
    Das Kunstwerk muss vor seiner Ausführung vollständig vom Geist entworfen und gestaltet werden. Es darf nichts von den von der Natur gegebenen Formen oder von Sinnlichkeit oder Sentimentalität erhalten. Wir wollen Lyrik, Dramatik, Symbolismus, etc. ausschließen.
  3. 3
    Das Bild muss vollständig aus rein plastischen Elementen aufgebaut sein, d.h. aus Flächen und Farben. Ein Bildelement hat keine andere Bedeutung als "sich selbst", und somit hat auch das Bild keine andere Bedeutung als "sich selbst".
  4. 4
    Der Aufbau des Bildes, wie auch seine Elemente, müssen einfach und visuell steuerbar sein.
  5. 5
    Die Technik muss mechanisch sein, d.h. exakt, anti-impressionistisch.
  6. 6
    Streben nach absoluter Klarheit.

Das Manifest ist ein typisch prägnantes, polemisches Traktat, das im Grunde eine Synthese aller bisherigen Bewegungen zum rationalen Ausdruck nicht-naturalistischer Sujets fordert. Mit der Forderung nach einer universellen kompositorischen Sprache, die von emotionalen, spirituellen und subjektiven Impulsen befreit ist, legte van Doesburg den Grundstein für eine Bewegung, die sich völlig vom Ausdruck der wahrnehmbaren Realität oder der symbolischen Bedeutung lösen würde.

Die Konkrete Kunst sollte eine Sprache der reinen Form sein, die nichts mehr als sich selbst bedeutet und nach universell intuitiven und logischen Prinzipien definiert ist. 

Dieses Ideal beruhte sowohl auf dem rationalen und politischen Idealismus des russischen Konstruktivismus als auch auf der Esoterik von De Stijl.

Im Jahr 1931 starb van Doesburg im Alter von nur 47 Jahren an einem Herzinfarkt. Sein Manifest bleibt somit eine unrealisierte Absichtserklärung, und es lag an einer jüngeren Generation von Künstlern, seine Vision der Konkreten Kunst zu verwirklichen.

Eine von van Doesburgs letzten Handlungen war die Gründung der Gruppe Abstraction-Création, die Cercle et Carré und Art Concret vereinte und damit die zerstrittenen Fraktionen in der Pariser Gemeinschaft der abstrakten Künstler zusammenführte.

Max Bill und die Allianz-Gruppe

Nach dem Tod von Theo van Doesburg wurde eine Leitfigur benötigt, um die aufkommende Bewegung der Konkreten Kunst anzuführen. Obwohl sowohl Wassily Kandinsky als auch Hans Arp ihre eigenen Manifeste für die Konkrete Kunst verfassten (1938 bzw. 1942), war es notwendig, dass diese Persönlichkeit aus der jüngeren Generation der abstrakten Künstler hervorging. 

Eine solche Figur tauchte in der Schweiz in Form des Künstlers und Universalgenies Max Bill auf. Der 1908 geborene Bill hatte von 1927 bis 1929 am Bauhaus studiert und dabei von Künstlern wie Wassily Kandinsky, Paul Klee und Josef Albers gelernt. 1929 zog Bill nach Zürich, um sich ein Atelier einzurichten und sich auf die Malerei, Bildhauerei und Architektur zu konzentrieren, während er sein Geld als Gestalter verdiente.

Beeinflusst von seinen Bauhaus-Lehrern, versuchte Bill durch seine Arbeit wissenschaftliche und mathematische Formeln in intuitiven und greifbaren Formen auszudrücken, wobei er so wenig wie möglich von seiner eigenen Handschrift an seiner Arbeit zum Ausdruck brachte und das "Subjektive" vermied. In diesem Sinne war seine Arbeit durch und durch Konkret. Nichtsdestotrotz war Bill fünfundzwanzig Jahre jünger als van Doesburg und hatte keine starke persönliche Verbindung zu ihm.

Seine Aneignung des Begriffs "Konkrete Kunst" war eine Hommage an van Doesburg. Dennoch war es vor allem Bills Bemühungen in den nächsten zwei Jahrzehnten zu verdanken, dass die Konkrete Kunst breite Anerkennung und Akzeptanz fand.

Im Jahr 1937 gründete Bill zusammen mit den Künstlern Richard Paul Lohse und Leo Leuppi die Allianz Gruppe, um die Konkrete Kunst zu fördern. Die erste Ausstellung der Gruppe fand im selben Jahr in Basel statt. Die Neutralität der Schweiz während des Zweiten Weltkriegs sicherte die anhaltende Aktivität der Gruppe, während Künstler und Schriftsteller der Nachbarländer vor der Verfolgung flohen.

Einige der Arbeiten der Gruppe - wie Bills Unendliche Schleifen - zielten darauf ab, die neuen wissenschaftlichen Theorien auszudrücken, die die Moderne definierten, wie die Relativtätstheorie. Andere Künstler nutzten methodische Arrangements, um alle möglichen visuellen Ausdrücke einer mathematischen Formel herauszuarbeiten. Stets war die kompositorische Ästhetik akribisch rein gehalten und das Werk völlig losgelöst von der "Realität" als solcher.

 

Hinweis: Im Kontext des Zweiten Weltkriegs hatte die Konkrete Kunst auch einen impliziten politischen Antrieb: Indem sie versuchten, eine universell intuitiv erfassbare visuelle Sprache zu definieren, wollten sie den Grundstein für den  Austausch mit anderen Kulturen legen.

Ab den 1940er Jahren richtete Bill seine Aufmerksamkeit zunehmend auf kommerzielles und industrielles Design und trat damit in die Fußstapfen der Konstruktivisten, die versucht hatten, künstlerischen Ausdruck mit funktionalem Handwerk zu verbinden.

Im Jahr 1944 festigte Bill seinen eigenen Ruf und den der Bewegung, indem er die erste internationale Ausstellung der Konkreten Kunst in Basel veranstaltete. Zu dieser Zeit verbreitete sich der Stil bereits in ganz Europa und darüber hinaus.

Mitte der 1940er Jahre entstanden überall auf der Welt Gruppierungen, die von der Konkreten Kunst beeinflusst waren. Diese Gruppen entstanden organisch, aus einer Reihe von regionalen und nationalen Kontexten und brachten eine große Bandbreite an kreativen Impulsen zum Ausdruck. Aber sie alle wurden durch den Internationalismus der Nachkriegsjahre beflügelt und waren in ihrem grundlegenden Interesse an nicht-gegenständlichem Ausdruck geeint.

Einige bekannte Beispiele innerhalb Europas waren die folgenden Gruppierungen:

  • Linien 2, Kopenhagen
  • Movimento Arte Concreta, Mailand
  • Exat 51, Zagreb
  • Espace, Paris

In gewissem Sinne besetzte die Konkrete Kunst im Nachkriegseuropa einen Grenzbereich zwischen einer Reihe von bekannteren zeitgenössischen Genres wie der kinetischen und der Op Art und den letzten Zeugnissen der geometrischen Abstraktion der Vorkriegszeit.

Als solche hat sie nie den kohärenten Charakter entwickelt, den sie anderswo hatte, insbesondere in den wiederauflebenden Nachkriegskulturen Lateinamerikas.


Bedeutende Werke der konkreten Kunst

Piet Mondrian, Komposition mit Rot, Blau und Gelb

Piet Mondrian, Komposition mit Rot, Blau und Gelb, 1930

Piet Mondrian, Komposition mit Rot, Blau und Gelb, 1930

Obwohl dieses Gemälde nicht als Werk der Konkreten Kunst konzipiert wurde, fasst Mondrians Vision einer universellen Kompositionssprache, die in einem Minimum an Elementen verankert ist - horizontale und vertikale schwarze Linien, die Quadrate in Weiß, Rot, Gelb und Blau umrahmen - den Gedanken der Konkreten Kunst zusammen.

Darüber hinaus waren die frühesten Werke der Konkreten Kunst vom Charakter des Neoplastizismus durchdrungen und nahmen ihre Impulse aus einem Manifest, das Mondrians Landsmann Theo van Doesburg 1930 verfasste.

Max Bill: Unendliche Schleife, 1935

Max Bill war nicht nur Maler, sondern auch Bildhauer, Architekt und Designer. Seine kreative Karriere, wie auch die seines argentinischen Kollegen Tomás Maldonado, markierte eine allmähliche Bewegung weg von der Leinwand hin zu immer großformatigeren Umsetzungen seiner Prinzipien. Eine frühe Station auf dieser Reise war die Schaffung seiner ersten Unendlichen Schleifenskulptur im Jahr 1935.

Basierend auf dem Prinzip des Möbiusbandes widmete sich Bill bis zu seinem Tod 1994 kontinuierlich dem Motiv. Er stellte das Thema in Stein, in Metall und auf Papier dar.