Gemälde

Erfahre, wieso Vincent van Goghs Krähen über Weizenfeld in seinem Œuvre so hervorsticht

... und wieso es höchstwahrscheinlich nicht van Goghs letztes Gemälde war.

Vincent van Gogh, Krähen über Weizenfeld, 1890Vincent van Gogh, Krähen über Weizenfeld, 1890

Krähen über Weizenfeld sticht als eines der eindringlichsten und am heftigsten umstrittenen Gemälde Vincent van Goghs hervor.

Die vielen Interpretationen dieses besonderen Werkes sind wahrscheinlich vielfältiger als die aller anderen Gemälde von van Gogh. Einige betrachten es als Van Goghs visuellen "Abschiedsbrief", während sich andere über in die Thematik hineinversetzen und eine positivere Bedeutung bevorzugen.

Wiederum andere Kunstinteressierte gehen sogar noch einen Schritt weiter und wollen die einzelnen Bildelemente in eine völlig neue Sprache des Unterschwelligen übersetzen.

Die künstlerische Analyse ist ihrem Wesen naturgemäß ein subjektives Unterfangen. Dennoch sind die vernünftigsten Interpretationen am besten von einer auf Fakten basierenden Grundlage vorzunehmen.

Die Entstehung von Krähen über Weizenfeld

Im Gegensatz zum weit verbreiteten Mythos ist Krähen über Weizenfeld wahrscheinlich nicht das letzte Werk von Vincent van Gogh. Trotzdem ist das Gemälde überaus turbulent und vermittelt ein Gefühl der Einsamkeit auf den Feldern - ein kraftvolles Bild von van Gogh als einsamer Künstler, das zu seinen letzten Lebensjahren passt.

 
 

Eine genaue Datierung von Krähen über Weizenfeld ist schwierig, da es anderen Werken ähnelt, die Van Gogh zu derselben Zeit malte und über die er schrieb.

In Brief 898, geschrieben am 10. Juli 1890, beschreibt Van Gogh drei Gemälde auf Leinwand:

Es handelt sich um riesige Weizenfelder unter einem unruhigem Himmel, und ich brauchte mir keine Mühe zu geben, um die Traurigkeit und die extreme Einsamkeit auszudrücken. Ich hoffe, dass du sie bald sehen wirst - denn ich hoffe, sie dir so bald wie möglich nach Paris bringen zu können, denn ich glaube fast, dass diese Leinwände dir sagen werden, was ich nicht in Worte fassen kann: die Gesundheit und die stärkenden Kräfte, die ich auf dem Land sehe.

(Übersetzt nach englischer Vorlage : "They’re immense stretches of wheatfields under turbulent skies, and I made a point of trying to express sadness, extreme loneliness. You’ll see this soon, I hope – for I hope to bring them to you in Paris as soon as possible, since I’d almost believe that these canvases will tell you what I can’t say in words, what I consider healthy and fortifying about the countryside.)

Diese Passage bereitet Schwierigkeiten.

Erstens, weil Van Gogh selbst in Widersprüchen schreibt, wenn er die Werke so beschreibt, dass sie einerseits "Traurigkeit und extreme Einsamkeit", andererseits aber auch "Gesundheit und stärkende Kräfte" vermitteln. 

Noch wichtiger ist, dass einer der weltweit führenden Experten für die Briefe Van Goghs - Dr. Jan Hulsker - bekräftigte, dass Krähen über Weizenfeld nicht einmal eines der drei Werke ist, die Van Gogh in diesem Brief erwähnt. Hulsker behauptet, dass die beiden von Van Gogh im obigen Zitat erwähnten früheren Werke Die Weizenfelder in Auvers unter bewölktem Himmel und Die Felder sind.

Vincent van Gogh, Die Weizenfelder in Auvers unter bewölktem Himmel, 1890

Vincent van Gogh, Die Weizenfelder in Auvers unter bewölktem Himmel, 1890

Vincent van Gogh, Die Felder, 1890

Vincent van Gogh, Die Felder, 1890

Eine Reihe anderer Quellen stattdessen glauben, dass es sich bei den beiden Werken tatsächlich um Krähen über Weizenfeld und Weizenfeld unter einem Gewitterhimmel handelt.

Vincent van Gogh, Krähen über Weizenfeld, 1890

Vincent van Gogh, Krähen über Weizenfeld, 1890

Vincent van Gogh, Weizenfeld unter einem Gewitterhimmel, 1890

Vincent van Gogh, Weizenfeld unter einem Gewitterhimmel, 1890

Alle vier Werke stimmen in etwa mit Van Goghs eigener Beschreibung des "unruhigen Himmels" überein, aber da Van Gogh keine genauen Angaben über die Größe der Werke gemacht hat, geht die Spekulation weiter, ohne dass eine Auflösung in Sicht ist.

Auch Van-Gogh-Forscher Ronald Pickvance nimmt an, dass eine Version von Der Garten von Daubigny oder Strohgedeckte Sandsteinhütten in Chaponval viel wahrscheinlich das letzte Gemälde des Künstlers darstellen. Eine Skizze zu Strohgedeckte Sandsteinhütten in Chaponval beschrieb Vincent am 23. Juli 1890 in einem Brief an seinen Bruder. Die meisten Experten gehen davon aus, dass das Gemälde in denselben Tagen entstanden ist.

Vincent van Gogh, Skizze Sandsteinhütten, 1890, Brief 902

Vincent van Gogh, Skizze Sandsteinhütten, 1890, Brief 902

Vincent van Gogh, Strohgedeckte Sandsteinhütten in Chaponval, Juli 1890

Vincent van Gogh, Strohgedeckte Sandsteinhütten in Chaponval, Juli 1890

Angesichts der Tatsache, dass Krähen über Weizenfeld mit ziemlicher Sicherheit nicht das letzte Werk Van Goghs ist, sollte die Interpretation eines bildlichen Abschiedsbriefs beiseite gelegt werden. Dennoch gibt es viele Argumente, die dafür sprechen, dass das Gemälde Van Goghs innere Qualen und Verzweiflung darstellt.

Und für jedes dieser Argumente gibt es ebenso überzeugende Gegenargumente, die nahelegen, dass eine gegensätzliche Interpretation ebenso gültig ist.

Interpretationsmöglichkeiten des Gemäldes

Aus einer symbolischen Perspektive gesehen ist es angebracht, die Grundelemente des Gemäldes zu überprüfen und sie dann von ganz unterschiedlichen interpretatorischen Enden des Spektrums aus zu erkunden.

Die Wege

Es ist nicht abwegig, die einzelnen Pfade in Krähen über Weizenfeld symbolisch mit den Pfaden von Van Goghs eigenem Leben in Vergangenheit und Zukunft gleichzustellen.

Die Pfade bestehen im Wesentlichen aus drei Gruppen: Zwei in jeder Ecke im Vordergrund und eine dritte in der Mitte, die sich zum Horizont hin erstreckt.

Der linke und der rechte Weg im Vordergrund entziehen sich der Logik, da sie aus dem Nichts zu kommen und ins Nichts zu führen scheinen. Einige haben dies als Van Goghs eigene Verwirrung darüber interpretiert, welche Richtung sein eigenes Leben genommen hatte.

 Der dritte, mittlere Weg ist der geeignetste für die symbolische Interpretation. Führt der Weg nirgendwohin? Führt er quer durch das Weizenfeld und sucht dabei erfolgreich nach neuen Horizonten? Oder endet er tatsächlich in einer unvermeidlichen Sackgasse?

Van Gogh überlässt es dem Betrachter, darüber zu entscheiden.

Der Himmel

Schon in seinen frühesten Jahren als Künstler liebte Van Gogh Szenen mit stürmischem Himmel. Van Gogh hatte großen Respekt vor den Naturgewalten und bezieht den stürmischen Himmel in eine Reihe seiner Werke ein, weil das Thema angesichts einer leeren Leinwand so kraftvoll und voller Potenzial ist.

Es kann durchaus sein, dass sich im Laufe der Jahre, als Van Goghs eigener geistiger Zustand des Wohlbefindens immer schlechter wurde, seine Wahrnehmung der Natur verdüstert hat. Dennoch kann man argumentieren, dass Van Gogh Stürme als positiven Teil der Natur wahrnahm.

Die Krähen

Das vielleicht stärkste Bild in der Szene ist das der Krähen selbst. Auch hier hat die Darstellung des Krähenschwarmes viel symbolische Interpretation hervorgebracht. Ein Großteil der Spekulationen bezieht sich darauf, ob die Krähen auf den Betrachter zufliegen oder von ihm wegfliegen.

Entscheidet sich der Betrachter dafür, die Krähen wahrzunehmen, die auf den Vordergrund zufliegen, dann wird das Werk eher bedrohlich. Wenn er sich entfernt, dann verspürt man eher ein Gefühl der Erleichterung.

Das Argument ist an zwei Fronten problematisch.

Erstens: So lebhaft und unterhaltsam die Diskussion über das "Hinfliegen / Wegfliegen" auch sein mag, es ist ein Punkt, der nie gelöst werden wird. Die Wahrheit lautet, dass es keine sichere Antwort darauf gibt, in welche Richtung - wenn überhaupt zutreffend - die Krähen fliegen.

Zweitens: Die Interpretation von Krähen als Vorboten des Todes ist ein völlig konstruiertes Deutungsgebilde. Und darüber hinaus eines, das Van Gogh in seinen eigenen Schriften nie zu akzeptieren schien, ganz im Gegenteil. Vincent van Gogh hatte eine Leidenschaft und einen Blick für alle Dinge in der Natur.

Infolgedessen spiegeln seine Schriften eher eine Wertschätzung als eine Verachtung der Krähen wider:

Letzte Woche war ich in Hampton Court, um die schönen Gärten und langen Alleen mit Rosskastanien und Linden zu sehen, in deren Wipfeln eine Vielzahl von Raben und Saatkrähen ihre Nester gebaut haben, und auch um den Palast und die Gemälde zu sehen.

(Übersetzt nach englischer Vorlage, Brief 70: Last week I was at Hampton Court to see the splendid gardens and long avenues of chestnut and lime trees where masses of crows and rooks have their nests, and also to see the palace and the paintings.)

Darüber hinaus war sich van Gogh der effektiven Verwendung von Krähen in den Werken anderer Maler, die er sehr bewunderte, wohl bewusst. Neben einem "großartigen" Werk von Giacomelli, das ein Krähenmotiv verwendete, bewunderte Van Gogh auch die Tiere in den Werken Daubignys und Jean-François Millets (siehe Brief 158).

Es wäre beschränkt, die unbestreitbar ahnungsvolle Natur der Krähen gänzlich abzutun, aber die traditionelle Interpretation der Krähen als Todessymbole ist zu vereinfachend und konventionell, um auf Van Goghs Ansatz in dem Gemälde angewendet werden zu können.

Fazit zu Krähen über Weizenfeld von van Gogh

Die verschiedenen Interpretationen von Krähen über Weizenfeld reichen von einfach bis absurd. Die symbolische Interpretation kann ein oft interessantes, gelegentlich aufschlussreiches Unterfangen sein. 

Aber das Potenzial der Überinterpretation eines Kunstwerks bringt den Betrachter in die Gefahr, den Wald vor lauter Bäumen nicht mehr zu sehen.

Die Werke von Vincent van Gogh bieten dem Betrachter eine unglaublich komplexe und schöne Auswahl von Themen, die es zu erforschen und bewundern gilt.

Anstatt im Weizenfeld mit Krähen nach Antworten zu suchen, wäre die eigene Zeit am besten genutzt, wenn man das Thema dieses außergewöhnlichen Gemäldes bewundert: Die Farbe, die Lebendigkeit und die turbulente Harmonie jedes einzelnen Pinselstrichs.