Kunst

Die künstlerischen Gemeinsamkeiten und Unterschiede von Michelangelo und Leonardo da Vinci

Michelangelo und Leonardo da Vinci

Michelangelo, Raffael und Leonardo da Vinci bildeten den Mittelpunkt der florentinischen Kunst des fünfzehnten Jahrhunderts.

Um die Werdegänge von Michelangelo und Leonardo da Vinci zu verstehen, verleiht der Sammelband Le Vite des Malers und Historikers Giorgio Vasari Auskunft. In diesen ausführlichen Künstlerbiografien werden beide Künstler umfangreich beschrieben. Auch Rückschlüsse zur Beziehung zwischen den zwei Künstlern, deren Wege sich in Florenz mehrfach kreuzten, lassen sich aus den Biografien ableiten.

Auch Michelangelos enger Freund und Biografen Ascavio Condivi hat über das Leben Michelangelos - vornehmlich aus seiner eigenen Sichtweise - geschrieben.

Was auch immer die Schwächen dieser beiden Veröffentlichungen sein mögen, sie gewähren uns einen wertvollen Einblick in die florentinische Renaissance und zwei ihrer wichtigsten Künstler: Michelangelo und Leonardo da Vinci.

Hier vergleichen wir Unterschiede und Gemeinsamkeiten der beiden Renaissancemeister.

Michelangelo und Leonardo da Vincis Zusammentreffen

Michelangelo und Leonardo da Vinci hoben sich als starke und einflussreiche Persönlichkeiten mit zwei unvereinbar gegensätzlichen Einstellungen zur Kunst ab - und doch gibt es eine tiefe Verbundenheit zwischen ihnen.

Da Vinci war zwanzig Jahre älter als Michelangelo und beide hatten ihre eigene Vision der Kunst. Ihre große Unabhängigkeit führte zu Auseinandersetzungen, wenn Umstände wie gleichzeitige Aufträge für Werke im Palazzo Vecchio sie persönlich zusammenbrachten.

Die Maltechniken der beiden Genies

Von Donatello und Verrocchio wurde Da Vinci zu seinem Sfumato-Stil inspiriert, den er wie kein Zweiter perfektionierte. Diese Technik der Weichzeichnung ist an keinem Kunstwerk besser zu erkennen als an der Mona Lisa. Aber auch andere Porträts von da Vinci sind mit dieser Technik ausgeführt worden.

Mona Lisa Leonardo da Vinci Werke

Leonardo da Vinci, Mona Lisa, ca. 1502 - 1506

Michelangelos Maltechnik, die er in seinem Ölgemälde Tondo Doni anwandte, stand in starken Kontrast zur perfektionierten Technik Leonardos. Die Komposition wirkt kompakt und energiegeladen, wie man es von seinen Skulpturen kennt. Die starken farblichen Kontraste erinnern an die Bilder des Deckenfreskos der sixtinischen Kapelle, die aus der Ferne betrachtet noch Wirkung entfalten müssen.

Michelangelo und Leonardo da Vinci, Tondo Doni, ca. 1506

Michelangelo, Tondo Doni, ca. 1506

Auch wenn die malerische Ausarbeitung von seiner handwerklichen Meisterschaft zeugen, erinnert die Gestaltung der Figuren und ihrer Gewänder an seine bildhauerischen Arbeiten. Sie sind nicht so raffiniert weichgezeichnet wie die Figuren in den Ölgemälden von Leonardo.

Zusammengefasst: Da Vinci verbrachte Jahre unter seinem Lehrmeister Verrocchio, während Michelangelo nur ein einziges Jahr in der Werkstatt von Ghirlandaio blieb, bevor er sich unter Bertoldo di Giovanni der Bildhauerei widmete. 

Michelangelo sah sich in erster Linie als Bildhauer, was wiederum in seiner Maltechnik zum Ausdruck kommt.

Michelangelo und Leonardo da Vinci: Ihre Blickwinkel

Für Da Vinci war das wesentliche Anliegen die Suche nach der Wahrheit, während Michelangelo sein ganzes Leben lang von der Bedeutung der Kunst selbst getrieben wurde.

Beide hatten Leichname seziert, um die Anatomie zu erlernen, aber aus verschiedenen Gründen: Da Vinci war bestrebt, die Wahrheit einer Geste zu vermitteln, um Handlungen und Emotion besser darzustellen, während Michelangelo ein gesteigertes Interesse daran hatte, Akte möglichst ideal, ästhetisch und gleichzeitig anatomisch korrekt darzustellen. Da Vinci malte keine Akte.

Michelangelos Davidskulptur in einem meisterhaft ausgeführten Kontrapost ist das direkte Ergebnis seiner anatomischen Studien. 

Zusammengefasst: Auch wenn beide sich mit ähnlichen Themen beschäftigten und auf ihre Weise zu grandiosen gelangten, so betrachteten sie dasselbe Material aus anderen Blickwinkeln und mit unterschiedlichen Zielsetzungen.

Die Liebe für das Unfertige

Beide Künstler hatten eine Vorliebe für das Non-Finito, das zurückgelassene Kunstwerk, das Unvollendet bleibt.

Da Vinci ließ mehrfach Zeichnungen und Gemälde zurück, während Michelangelo vielerlei Aufträge niemals fertigstellte, da er meist ohne Assistenten arbeitete, um seine Handschrift nicht zu verwässern.

La Scapigliata

Leonardo da Vinci, La Scapigliata, c.1508 | Da Vinci Ausstellung, Louvre 2019

Michelangelo und Leonardo da Vinci, Der Heilige Hieronymus

Leonardo da Vinci, Der Heilige Hieronymus, ca. 1480 | Da Vinci Ausstellung, Louvre 2019

Da Vinci vermischte machte die Unvollständigkeit zu einem Teil seiner Malweise. Er integrierte die Unvollständigkeit in sein Sfumato, bis nur noch schwer zu unterscheiden ist, welche Bereiche bewusst verschwommen nebelig gehalten und welche ohne intensive Ausarbeitung zurückgelassen wurden.

Michelangelo hat entweder aufgrund anderer Aufträge ein Werk aufgegeben oder er hat bewusst mit einer neuen Form besonders dynamischer Kunst experimentiert. Nachdem er das anfängliche Modell unvollendet angetestet hatte, wandte er sich der eigentlichen Statue zu. Mit der Rage, mit der sich Michelangelo dem Werkstoff widmete, befreite die Seele des Steins und sorgte für viele seiner bedeutendsten Kunstwerke. Mit derselben Hast widmete er sich aber auch anderen Aufträgen zu, sodass einige der angefangenen Skulpturen unvollendet blieben.

Michelangelo, Pietà Rondanini, 1552 - 1564, unvollendet

Michelangelo, Pietà Rondanini, 1552 - 1564, unvollendet

Als Papst Julius II. ihm den Auftrag für das Deckenfresko der sixtinischen Kapelle erteilte, hofften Raffael und andere Künstler, dass er den Auftrag früher oder später doch zurückweisen würde. Doch er hat die Arbeit zu einem Erfolg gemacht, was den Grundstein für sein Spätwerk legte.

Zusammengefasst: Als wahrheitssuchender Universalgelehrter war Leonardo darum bemüht, den Dingen auf den Grund zu kommen. Eine Vollkommenheit lässt sich nur in wenigen seiner Gemälde erkennen, die umso beeindruckender sind. Den Großteil seiner Zeit verbrachte Leonardo mit der Forschung in vielen Wissenschaften.

Michelangelo war der vollkommenen Kunst mit ihren idealisierte Formen stärker zugeneigt. Das zeigt sich vor allem darin, dass er nur selten Assistenten mit der Gestaltung seines Werks betraute. Da er immer aufregendere Aufträge angeboten bekam, die er nicht Ablehnen konnte, führte dies unweigerlich zu einigen unvollendeten Kunstwerken und Zuarbeiten bedeutenderer Hauptwerke.