Malerei

Die faszinierenden Details von Michelangelos Jüngstem Gericht in der Sixtinischen Kapelle

Michelangelo, Das jüngste Gericht, 1536 bis 1541Michelangelo, Das jüngste Gericht, 1536 bis 1541

Michelangelos Jüngstes Gericht gehört zu den eindrucksvollsten Darstellungen dieses Motivs der christlichen Kunstgeschichte. Über 300 muskulöse Figuren in einer unendlichen Vielfalt dynamischer Posen füllen die Wand bis an die Ränder.

Hier sehen wir uns die Entstehungsgeschichte von Michelangelos Jüngstem Gericht an, bevor eine ausführliche Bildbeschreibung die wichtigsten Details des beeindruckenden Freskos darlegt.

Planung und Vorgeschichte des Freskos

Die Verwirklichung und der Ort des Jüngsten Gerichts entsprechen den konkreten Wünschen des ersten Auftraggebers Papst Clemens VII. Leider sah er nur die gestalterische Vorlage: Die eigentliche Ausarbeitung des Freskos erfolgte unter seinem Nachfolger, Papst Paul III., ab 1536 nach einer langen und beschwerlichen Vorbereitungsphase.

Diese Vorbereitung umfasste die Errichtung der Kapellenmauer, bei der oben eine stärkere Ziegelschicht und unten eine dünne Ziegelschicht angebracht wurde, um eine abgeschrägte Fläche zu schaffen. Die Neigung der Mauer wurde als notwendig erachtet, um die Sichtbarkeit zu verbessern und die Ablagerung von Schmutz zu vermeiden.

In dieser Phase wurden drei Fresken, die der italienische Maler Perugino an der Oberseite der Mauer gemalt hatte, zerstört, ebenso wie zwei Lünetten, die Michelangelo über zwanzig Jahre zuvor selbst gemalt hatte. Das Ergebnis war die Schaffung einer Fläche, auf der ein einzigartiges Stück Kunstgeschichte geschaffen werden konnte.

Michelangelo arbeitete während der gesamten Dauer des Projekts allein, mit Ausnahme einer kleinen Unterstützung bei der handwerklichen Farbvorbereitung.

Motiv und Besonderheiten in Michelangelos Werk

Die faszinierenden Details von Michelangelos Jüngstem Gericht in der Sixtinischen Kapelle

Die Sixtinische Kapelle mit dem jüngsten Gericht als Altarbild | Foto: Antoine Taveneaux / Wikipedia

Während das Jüngste Gericht ein traditionelles Thema für große Kirchenfresken war, war es ungewöhnlich, ein Fresko am Ostende über dem Altar anzubringen.

Die traditionelle Positionierung erfolgte an der Westwand über den Hauptportalen an der Rückseite der Kirche, so dass jedes Gemeindemitglied beim Verlassen der Kirche an das mögliche Schicksal erinnert wurde.

Eine Reihe von spätmittelalterlichen Tafelbildern basierten jedoch mit ähnlichen Kompositionen auf dem Thema, wenn auch angepasst an einen horizontalen Bildraum. Dazu gehören der Beaune-Altar von Rogier van der Weyden und Werke von Künstlern wie Fra Angelico und Hieronymus Bosch.

Rogier van der Weyden, Das Jüngste Gericht, zwischen 1448 und 1451

Rogier van der Weyden, Das Jüngste Gericht, zwischen 1448 und 1451

Viele Aspekte von Michelangelos Komposition spiegeln die gut etablierte traditionelle westliche Darstellung wider, jedoch mit einem neuartigen Ansatz aufbereitet.

In den meisten traditionellen Fassungen wurde eine Christusfigur in Erhabenheit in etwa der gleichen Position dargestellt wie von Michelangelo, wenn auch noch größer als seine und mit einem größeren Größenunterschied zu den anderen Figuren.

Wie im Jüngsten Gericht von Michelangelo zeigten die Kompositionen eine große Anzahl von Figuren, die im oberen Bildteil als Engel und Heilige um Christus herum angeordnet waren, während die Seelen unten gerichtet wurden. 

Typischerweise gibt es einen starken Kontrast zwischen den geordneten Figurengruppen im oberen Teil und dem chaotischen Treiben darunter, besonders auf der rechten Seite, die zur Hölle hinführt.

Der Seelenfluss begann gewöhnlich links unten (beim Betrachter) mit auferstandenen Seelen, die aus ihren Gräbern steigen und sich auf das Urteil zubewegen. Einige Figuren wird der Einlass in den Himmel auf der linken Bildhälfte gewährt, während andere in der rechten unteren Ecke in die Hölle verdammt werden.

Die verdammten Seelen wurden als Zeichen ihrer Erniedrigung häufig nackt gezeigt, als der Teufel sie fortträgt. Engel und die in den Himmel aufgestiegenen Seelen sind gekleidet, wobei ihre Kleidung wichtige Hinweise auf die Identität von Gruppen oder Einzelpersonen liefern kann.

Bildbeschreibung: Michelangelos jüngstes Gericht

Michelangelo, Das jüngste Gericht, 1536 bis 1541

Michelangelo, Das jüngste Gericht, 1536 bis 1541

Michelangelos Jüngstes Gericht zeichnet sich durch seine radikale Abkehr von traditionellen Darstellungen des Motivs aus.

Auffällig ist zunächst eine Änderung der grundlegenden Bildkomposition. 

Michelangelo ersetzte die losen Schichten, die Himmel, Erde und Hölle darstellen, durch einen einzigen großen Raum. Die Figuren sind in einzelne Formationen gruppiert und stehen in der für die schreckliche Leere der Ewigkeit charakteristischen Isolation zueinander.

Im Zentrum des Werkes steht eine Darstellung Christi, die in dem Augenblick vor der Verkündigung des Jüngsten Gerichts abgebildet wurde. Zu Christi Rechten befindet sich seine Mutter, die ihr Haupt in einer Geste der Resignation windet. Sie hat keinen Einfluss mehr auf das Urteil, sondern kann nur auf die Verkündung der Entscheidung warten.

Michelangelo, Das jüngste Gericht, 1536 bis 1541, Detail Jesus Christus

In einer langsamen Umlaufbewegung umgeben Christus Figuren, die als die Heiligen und Auserwählten Gottes bezeichnet werden können. Am bemerkenswertesten sind Simon Petrus, der die Schlüssel des Himmels hält, Bartholomäus, der seine eigene Haut in seiner Linken hält, die wiederum von vielen Kunsthistorikern als Selbstbildnis Michelangelos wahrgenommen wird, die Heilige Katharina von Alexandrien mit dem Rad und der Heilige Sebastian, der kniend neben ihr die Pfeile hält.

Michelangelo, Das jüngste Gericht, 1536 bis 1541, Detail 2

Mehrere der wichtigsten Heiligen im jüngsten Gericht scheinen Christus ihre charakteristischen Eigenschaften als Beweis für ihren Märtyrertod zu zeigen. Früher wurde dies so interpretiert, dass die Heiligen zur Verdammnis derer aufriefen, die nicht der Sache Christi gedient hatten.

Man könnte es allerdings auch so interpretieren, dass die Heiligen sich selbst nicht ihres Schicksals sicher sind und im allerletzten Akt versuchen, Christus an ihre Leiden zu erinnern.

In der Mitte des unteren Abschnitts sind die Engel der Apokalypse zu sehen, die mit dem Klang langer Trompeten die Toten erwecken. Auf der linken Seite erheben die Auferstandenen ihre Körper, während sie zum Himmel aufsteigen. Auf der rechten Seite kämpfen Engel und Dämonen darum, die Verdammten in die Hölle zu stürzen.

Michelangelo, Das jüngste Gericht, Detail Engel

Detail: Untere linke Bildhälfte

Michelangelo, Das jüngste Gericht, Detail Dämonen

Detail: Untere linke Bildhälfte

Daneben befindet sich eine schemenhafte Darstellung der Hölle, die als in Flammen stehender Bildausgang gemalt wurde. Der Fährmann Charon fährt die Verdammten über den Totenfluss, wo der verstorbene König Minos (von einer Schlange umwunden und gebissen) als Richter der Unterwelt auf sie wartet. Dieser Teil bezieht sich eindeutig auf das Inferno in Dantes Göttlicher Komödie.

Michelangelo, König Minos

In der Mitte über Charon befindet sich eine Gruppe von Engeln auf Wolken, von denen sieben Trompeten blasen (wie im Buch der Offenbarung), während andere Bücher halten, in denen die Namen der Geretteten und Verdammten festgehalten sind.

Zu ihrer Rechten ist eine größere Gestalt zu sehen, die in der Haltung dem Denker von Auguste Rodin ähnelt. Es scheint, als habe er gerade erkannt, dass er verdammt ist und daher vor Entsetzen gelähmt wirkt. Zwei Teufel ziehen ihn nach unten.

Das jüngste Gericht

Michelangelo ist in der Lage, die volle Kraft des Entsetzens in dem Moment zu vermitteln, in der keine Gelegenheit mehr bleibt, die eigenen Fehler zu korrigieren.

Das ganze Bild wird von der menschlichen Gestalt beherrscht, die fast immer völlig nackt dargestellt wird. Die Körper sind mit großer farblicher Expressivität gemalt, die unverkennbar die Emotionen und Gedanken der Abgebildeten ausdrücken.

Reaktionen auf Michelangelos Werk

Michelangelos Jüngstes Gericht erhielt viel Lob, aber auch Kritik aus religiösen und künstlerischen Gründen. Sowohl die Ausprägung der Nacktheit als auch die muskelbepackten Körper waren ein Streitpunkt, die Gesamtkomposition noch mal ein anderer.

Das Jüngste Gericht führte zu Streitigkeiten zwischen Kritikern der katholischen Gegenreformation und Anhängern des Künstlers. Michelangelo wurde beschuldigt, in Bezug auf die Nacktheit übertrieben zu haben und nicht exakt die in der Bibel beschriebene Handlung beachtet zu haben.

Die Vermischung von Figuren aus der heidnischen Mythologie mit Darstellungen christlicher Themen wurde genauso kritisiert wie die Figuren von Charon und Minos, flügellose Engel, und die sehr stilisierte Darstellung von Christus.

Die posaunenden Engel gehören alle zu einer Gruppe, während sie im Buch der Offenbarung an "die vier Ecken der Erde" geschickt werden. Im Gegensatz zur Bibel sitzt Christus nicht auf einem Thron. Die auferstandenen Seelen wurden auf zwei Arten dargestellt: Einige sind als Skelette erschienen, wobei andere als Personen mit Haut und Haaren erkennbar sind.

Die Kontroversen dauerten jahrelang an, bis 1564, nach dem Tod Michelangelos, im Konzil von Trient beschlossen wird, einige der als "obszön" geltenden Figuren des Jüngsten Gerichts verschleiern zu lassen. Daniele da Volterra war der erste Künstler, der einige der Figuren im Nachhinein in Gewänder hüllte, um ihre Nacktheit zu verbergen. In den folgenden Jahrhunderten kamen weitere Übermalungen hinzu.

Trotz dieser Zensur hat das Gemälde seine Expressivität nicht verloren. Auch nach den zahlreichen Anpassungen, Änderungen und Restaurierungen gehört es zu einem der eindrucksvollsten Gemälden der Kunstgeschichte. Selbstverständlich gehört es neben dem Deckenfresko der Sixtinischen Kapelle und der Davidskulptur zu Michelangelos Meisterwerken.