Skulptur

Die Besonderheiten und die Wirkung von Michelangelos Mosesskulptur in Rom

Michelangelos Moses TitelbildFoto: Jörg Bittner Unna / Wikipedia

In der malerischen Kirche San Pietro in Vincoli al Colle Oppio in Rom ist eines der größten Meisterwerke der italienischen Kunst versteckt. Hier befindet sich Michelangelos Moses: Eine kompositorische Meisterleistung samt hervorragender technischer Umsetzung von unvergleichlicher Schönheit.

In diesem Artikel sehen wir uns die Entsehungsgeschichte der Mosesskulptur an und gehen sowohl auf die biblische Motivvorlage als auch auf die einzigartige Gestaltung von Michelangelo ein.

Das Grab von Papst Julius II.

Als Michelangelo mit der Skulptur des David fertig war, war klar, dass es sich um die wahrscheinlich schönste Figur handelte, die je geschaffen wurde. Sie übertraf sogar die Schönheit der griechischen und römischen Skulpturen der Antike. 

Die Kunde von David erreichte Papst Julius II. in Rom, woraufhin er Michelangelo bat, nach Rom zu kommen, um für ihn zu arbeiten. Das erste Werk, das Papst Julius II. bei Michelangelo in Auftrag gab, war sein eigenes Grabmal, das später als Juliusgrabmal bekannt wurde.

Entwurf eines Wandgrabs für Julius II., Michelangelo. - Met Museum NYC

Entwurf eines Wandgrabs für Julius II., Michelangelo. - Met Museum NYC

Heute mag uns das vielleicht etwas seltsam vorkommen, aber bedeutende Machthaber haben in der Vergangenheit häufig ihre Gräber lange im Voraus geplant. Sie wollten damit sicherstellen, dass man sich für immer an sie erinnern würde. Als Michelangelo das Grabmal von Papst Julius II. in Angriff nahm, waren seine Ideen sehr ehrgeizig. Er plante ein mehrstöckiges Bauwerk, das mit vielen aufwendig gearbeiteten Skulpturen geschmückt werden sollte.

Michelangelo war allerdings nie in der Lage, das Grabmal in der ursprünglichen Fassung fertigzustellen. Nicht zuletzt wegen Papst Julius selbst, der Michelangelo bat, die Arbeiten daran zu pausieren und die Decke der Sixtinischen Kapelle stattdessen zu malen.

Nach Schwierigkeiten mit den Nachfolgern von Papst Julius II. stellte Michelangelo nach mehr als 40 Jahren eine angepasste Version fertig, die um ein Vielfaches kleiner war, als ursprünglich geplant.

Die Struktur beinhaltet 7 menschliche Skulpturen auf zwei verschiedenen Ebenen. Auf der oberen Ebene befinden sich die Madonna mit dem Kind in der Mitte und eine Statue zu beiden Seiten sowie eine weitere zu ihren Füßen. Auf der unteren Ebene befindet sich in der Mitte der gehörten Moses und zwei andere Figuren, die jeweils in einer Nische stehen. 

Juliusgrabmal | Foto: Jörg Bittner Unna / Wikipedia

Juliusgrabmal | Foto: Jörg Bittner Unna / Wikipedia

Michelangelos Moses als Highlight des Grabmals

Der sitzende Moses ist mit Sicherheit die beeindruckendste Skulpturen des gesamten Ensembles. Sitzend ist er fast zwei Meter hoch! Er besitzt muskulöse Arme und blickt mit einem wütenden, intensiven Ausdruck in die Ferne. Unter seinen Armen trägt er die Tafeln, auf denen er die Zehn Gebote niedergeschrieben hatte, die er zuvor von Gott auf dem Berg Sinai empfangen hatte.

Der Moses ist die einzige Skulptur des Juliusgrabmals, die Michelangelo alleine angefertigt haben soll. Die technische Meisterschaft und die Dimension der Arbeit sprechen dafür. Die übrigen Figuren wurden wahrscheinlich zu einem großen Teil von Michelangelos Schülern und Assistenten ausgeführt.

Die korrespondierende Bibelstelle

In einer Geschichte aus dem alttestamentlichen Buch Exodus verlässt Moses die Israeliten, die er gerade aus der Sklaverei in Ägypten befreit hat, um auf den Gipfel des Sinai zu gehen. Als er zurückkehrt, stellt er fest, dass sie ein goldenes Kalb gebaut haben, um es anzubeten und Opfer zu bringen. Sie verhielten sich wie die Ägypter und beteten ein heidnisches Götzenbild an.

Eines der Gebote lautet: "Du sollst keine Götzenbilder machen". Wenn Moses also sieht, wie die Israeliten dieses Götzenbild anbeten und den einen und einzigen Gott verraten, der sie schließlich gerade aus der Sklaverei befreit hat, wirft er die Tafeln herunter und zerbricht sie.

 

Hier ist die Stelle aus dem Alten Testament (Exodus 32:15 bis 32:20 nach transcripture.com):

Mose wandte sich und stieg vom Berge und hatte zwei Tafeln des Zeugnisses in seiner Hand, die waren beschrieben auf beiden Seiten.

Und Gott hatte sie selbst gemacht und selber die Schrift eingegraben.

Da nun Josua hörte des Volks Geschrei, daß sie jauchzten, sprach er zu Mose: Es ist ein Geschrei im Lager wie im Streit.

Er antwortete: Es ist nicht ein Geschrei gegeneinander derer, die obliegen und unterliegen, sondern ich höre ein Geschrei eines Singetanzes.

Als er aber nahe zum Lager kam und das Kalb und den Reigen sah, ergrimmte er mit Zorn und warf die Tafeln aus seiner Hand und zerbrach sie unten am Berge

und nahm das Kalb, das sie gemacht hatten, und zerschmelzte es mit Feuer und zermalmte es zu Pulver und stäubte es aufs Wasser und gab's den Kindern Israel zu trinken

Michelangelo verleiht einer sitzenden Figur unheimlich viel Energie

Michelangelos Moses

Foto: Jörg Bittner Unna / Wikipedia

Wir können die aufgestaute Energie der Figur sehen. Die ganze Figur ist mit Gedanken und Energie aufgeladen. Es ist nicht ganz klar, in welchem Moment der Erzählung sich Michelangelos Moses befindet. Wird er sich im nächsten "Moment" voller Zorn aus seiner sitzenden Haltung erheben, nachdem er gesehen hat, dass die Israeliten ein goldenes Kalb anbeten? Man weiß es nicht genau.

Man kann allerdings in der Darstellung einige Anhaltspunkte erkennen, die Michelangelos Moses so energiereich aussehen lassen, als wolle er sich im nächsten von seinem Stuhl erheben. Sein linkes Bein ist zur Seite seines Stuhls zurückgezogen. Da dieses Bein nach hinten gezogen ist, ist auch seine Hüfte nach links eingedreht.

Spannung erzeugt Michelangelo dadurch, dass er den Torso von Michelangelo in entgegengesetzter Richtung positioniert. So zeigt sein Oberkörper nach rechts.

Mit einem nach rechts gewundenen Oberkörper dreht Moses seinen Kopf nach links, während sein Bart von der rechten Hand zu seiner rechten Seite gehalten wird.

Daher besteht die Faszination für Michelangelos Moses neben seiner handwerklichen Meisterschaft bei der Umsetzung der naturalistischen Darstellung vor allem in der einzigartigen Komposition. Einer sitzenden Figur so subtil so viel Energie zu verleihen, ist ein Meisterwerk an sich. Sitzende Skulpturen waren in der Vergangenheit stets statischer als stehende Körper.  

Michelangelo ist es durch geschickte Modellierung gelungen, der Figur die notwendige Dynamik zu verleihen, die perfekt zu Moses in der oben genannten Bibelstelle passt.

 
 

Wissenswert: Michelangelos Moses wird vielfach als "gehörnter Moses" beschrieben und tituliert. Nicht zu Unrecht, da Michelangelo seinen Moses tatsächlich mit Hörnern darstellte. Diese Eigenschaft der Skulptur entstammt einer fehlerhaften Übersetzung eines hebräischen Wortes, das Mose so beschrieb, als würden seinem Kopf Lichtstrahlen ausgehen.

Michelangelos Moses Hörner

Foto: Jörg Bittner Unna / Wikipedia