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Malerei

Odilon Redon – Biografie, Werke und künstlerischer Einfluss

Odilon Redon, Selbstporträt, 1867Odilon Redon, Selbstporträt, 1867

Bertrand-Jean Redon, besser bekannt als Odilon Redon, war ein bedeutender Künstler in der französischen Malerei des 19. Jahrhundert. Als hoch angesehener Schöpfer symbolistischer Kunst nimmt er eine Schlüsselrolle in der nach ihm folgenden Entstehung des Fauvismus, des Surrealismus und der Abstraktion als Ganzes ein.

Der in Bordeaux geborene Künstler hat sich zunächst tiefgehend mit der Kunst von Camillle Corot und Eugene Delacroix beschäftigt, aber seine künstlerische Laufbahn wurde durch seine Freundschaft mit Rodolphe Bresdin und Henri Fantin-Latour geprägt.

Bresdin lehrte Redon die Radierung und Fantin-Latour führte ihn in die Lithographie ein. Zwischen 1879 und 1899 schuf Redon 166 Lithographien und 17 verschiedene Buchillustrationen, meist in Schwarz-Weiß.

Seine späteren Werke aus den späten 1890er Jahren sind farbiger, da er mit Mischtechniken und Staffeleibildern experimentierte. Redons nicht naturalistische Farbgebung inspirierte die Fauvisten. Seine Verwendung von irrealen Bildern und seine Methode, Objekte auf unwirkliche Weise anzuordnen, nehmen den Surrealismus vorweg. 

Kernideen zu und über Odilon Redon

  • Redon arbeitete in der ersten Hälfte seiner künstlerischen Laufbahn fast ausschließlich in Schwarz-Weiß. Sowohl in Kohlezeichnungen als auch in lithographischen Drucken verließ sich der Künstler auf seine Hell-Dunkel-Kompositionen - den so genannten Noirs. Dies sind einige seiner berühmtesten Werke, die den Symbolismus mit seinen mysteriösen Themen und bizarren, traumhaften Erfindungen verkörpern.
  • Redons Verwendung nicht-naturalistischer Farbgebung in seinen späten Pastell- und Ölbildern kündigt die spätere Entwicklung des Expressionismus und der Abstraktion an. In Porträts, Stillleben und dekorativen Kombinationen erforschte Redon die expressiven und suggestiven Kräfte der Farbe. Viele dieser Werke beinhalten Stellen, die völlig gegenstandslos sind, die er mit figurativen Subjekten im Vordergrund verband.
  • Eines der Hauptthemen in Redons Werk ist der enthauptete oder körperlose Kopf. Der abgetrennte Kopf, der oft frei schwebend dargestellt und manchmal sogar auf das Auge reduziert wird, verkörpert den sinnbildlichen Wunsch, sich von den Fesseln der gewöhnlichen, alltäglichen Welt zu befreien und durch die Erforschung von Träumen und Subjektivität einen höheren Bewusstseinszustand zu erreichen.
  • Als Redon in einem Gespräch nach seinen bevorzugten künstlerischen Themen gefragt wurde, antwortete er: "Meine Monster. Ich glaube, dass ich dort meine persönlichste Nachricht hinterlassen habe." Redons Darstellungen von "Monstern" waren zwar das Ergebnis seiner lebhaften Phantasie, aber sie verdanken auch viel seinem Wissen über die Naturwissenschaften und insbesondere den neuen Evolutionstheorien von Charles Darwin, der erstmals eine Verbindung zwischen dem Mensch und unseren tierischen Vorfahren aufbaute.

Odilon Redon Biografie

Odilon Redon

Odilon Redon Selbstporträt

Geboren: 22. April 1840
Gestorben: 6. Juli 1916

Odilon Redon

Kindheit und Ausbildung

Redon wurde im selben Jahr wie Claude Monet in einer wohlhabenden Familie geboren. Er wuchs auf dem Familienanwesen in Peyrelebade auf, inmitten der Trostlosigkeit einer flachen, kargen und beunruhigenden Landschaft. Es lieferte ein ständiges Angebot an unangenehmen Bildmaterial während seines gesamten Lebens.

Auf Drängen seines Vaters begann er ein Architekturstudium. Mit einem Nervenzusammenbruch kehrte er um 1862 wieder nach Bordeaux zurück. In seiner Heimat widmete er sich der Bildhauerei und traf den Künstler Rodolphe Bresdin. Bresdin war ein exzentrischer französischer Kupferstecher und Lithograph, der für seine hochdetaillierten und technisch präzisen Grafiken bekannt war. Seine Arbeiten waren sehr fantasievoll, meist fantastisch oder gar makaber. Bresdin lehrte Redon die Radierung und befähigte ihn in den 1860er Jahren zu einer Reihe von Stichen von Landschaften seiner Kindheit, in die er Motive von Camille Corot und Eugène Delacroix einarbeitete. 

Redons künstlerische Entwicklung wurde 1870 vorübergehend aufgehalten, als er im französisch-preußischen Krieg kämpfte.

Paris und seine Entdeckung der Lithographie

Am Ende des Krieges entdeckte Redon die noch zügigere Kohlezeichnung. 1878 lernte er Fantin-Latour kennen, der ihm die Lithographie beibrachte. Im Laufe des nächsten Jahrzehnts entwickelte Redon seine ganz persönliche Form des Symbolismus, die er nach 1879 in Lithographien ausarbeitete. Die meisten Lithographien erhielten bewusst mehrdeutige Namen, die vom Künstler selbst erfunden wurden. Redon sagte in seiner Autobiographie, dass seine Lithographien über die beiden zentralen Themen seiner Kunst sprachen: die Beziehung zwischen Mensch und Natur und die "suggestive" Kunst.

Odilon Redon, A funeral mask tolls bell, 1882

Odilon Redon, A funeral mask tolls bell, 1882

Seine dramatischen Zeichnungen von Menschen grenzten sogar an die Karikatur. Er füllte seine Werke mit Monstern, Spinnen und Zyklopen. Seine Geschöpfe waren nicht klassifizierbar und hatten eine emotionale Tiefe, die von denjenigen in der natürlichen Welt nicht zu erreichen war. Seine Drucke inspirierten insbesondere diejenigen, die mit dem Symbolismus in Verbindung gebracht wurden.

Trotz seiner künstlerischen Innovationen blieb Redon in der natürlichen Umgebung verwurzelt, verwendete aber Erinnerung, Phantasie und Träume als Filtermaterial.

Bis 1895 war Redons Leben nicht von Glück gesegnet. Der Tod seines ersten Sohnes und sein überaus langsamer künstlerischer Aufstieg halfen dabei wenig. 

Die allmähliche Anerkennung seiner Kunst und die Geburt eines zweiten Sohns brachten allerdings das Licht zurück in sein Leben. Es veranlasste ihn auch, stärker mit Farbe in seiner Malerei zu experimentieren.

Spätwerk mit Fokus auf die Malerei

Ab 1900 legte Redon den Schwerpunkt auf die traditionelle Staffeleiarbeit und verbrachte Zeit mit der Porträt- und Stilllebenmalerei und der Schaffung religiöser Werke. Er brachte seine Farbe auf ein unterschwelliges Level, das nicht immer in einem gegenständlichen Format vorlag. Er zeigte die gleiche Begeisterung für Öl- wie für Pastellfarben. Sein malerisches Werk wurde von den Fauves - insbesondere von Henri Matisse - sehr geschätzt. 

Seine Verwendung seltsamer Titel und die Technik, unwirkliche Gegensätze zu schaffen, nahmen den surrealistischen Stil vorweg. In Verbindung mit der Pariser Avantgarde stellte er 1886 auf einer der letzten impressionistischen Ausstellungen und 1904 im Salon d'Automne aus. Er erhielt Aufträge für Gemälde und Wandmalereien und realisierte dekorative Arbeiten, darunter 18 Tafeln für das Esszimmer der Baron de Domecy, einem seiner langjährigen Auftraggebe.

Auch gegen Ende seines Lebens, als er endlich den Ruhm erlangte, den er verdiente, blieb er eine zutiefst zurückgezogene Person, bis er schließlich im Jahr 1916 in Paris starb.

Bekannte Werke von Odilon Redon

Guardian Spirit of the Waters, 1878

Odilon Redon, Guardian of the spirit waters, 1878

Odilon Redon, Guardian of the spirit waters, 1878

Beschreibung des Kunstwerks: Ein großer, von Flügeln hochgehaltener Kopf schwebt über einem ruhigen Meer und blickt auf ein kleines Segelboot. Möwen fliegen durch die Luft und durchstreifen die Wasseroberfläche, während sich das Wasser zum fernen Horizont hin ausdehnt. Ein feiner Heiligenschein schmückt den Kopf und verleiht dem seltsamen Wesen trotz seiner groben Züge eine wohlwollende, beinahe himmlische Aura.

Mit seiner realistischen Darstellung traumhafter Bilder deutet The Guardian Spirit of the Waters schon früh auf den Surrealismus des 20. Jahrhunderts hin.

Die Zeichnung ist typisch für Redons Noirs, in denen er das Kohlemedium so handhabte, dass er eine breite Palette von Farbtönen und Texturen erreichen konnte. Auf cremefarbenem Papier wischte und ritzte Redon und ließ Stellen des Blattes frei, um Akzente in seinem Motiv zu erschaffen.

Cactus Man, 1881

Odilon Redon, Cactus Man, 1882

Odilon Redon, Cactus Man, 1882

Beschreibung des Kunstwerks: Der Kopf eines Mannes taucht aus einem Blumentopf auf, sein Hals steigt nach oben wie der Stängel einer fremdartigen Pflanze. Zarte Dornen bedecken Körper und Kopf, verleihen ihm ein kaktusähnliches Aussehen und beschwören gleichzeitig Erinnerungen an die Dornenkrone Christi. Mit großen Augen, einer abgeflachten Nase und breiten Lippen hat der Kopf einen Ausdruck, der sowohl aufmerksam als auch unbeteiligt ist. Die Vase ist mit einem Bild einer Amazonin verziert, die einen Mann tötet. Der Bezug auf den griechischen Mythos der Amazonninen, die weibliche mit typisch männlichen Eigenschaften vereint haben, kann als Anspielung auf die Verschmelzung von menschlichen und pflanzlichen Merkmalen in der Zeichnung widerspiegelt.

Die Zeichnung bezieht sich möglicherweise auf eine Ausstellung, die Redon 1881 in Paris abhielt, in der er die Bewohner der Feuerlandinseln präsentiert. Die gezeigten Südamerikaner, die Redon als "hochmütig, grausam und grotesk" bezeichnete, hatten einen tiefgreifenden, wenn auch komplizierten Einfluss auf den Künstler: Einerseits bewunderte er die Reinheit und Einfachheit der Urvölker, andererseits erkannte er in ihnen die furchterregende Grausamkeit der menschlichen Herkunft.

Die hybride Menschenplanze wächst in einem quadratischen Gefäß - ein Symbol für westliche Kultur und Eingrenzung - und kann als Versuch verstanden werden, die beiden Pole der menschlichen Existenz in Einklang miteinander zu bringen.

The Eye, Like a Strange Balloon Moves Towards Infinity, 1882

Odilon Redon, The eye like a strange balloon goes to infinity ,1882

Odilon Redon, The eye like a strange balloon goes to infinity, 1882

Beschreibung des Kunstwerks: Ein Auge hat sich in einen eigenartigen Ballon verwandelt, dessen Blick auf den Himmel gerichtet ist, während er sich über den Horizont erhebt. Anstelle eines Korbes mit Passagieren trägt der Ballon einen abgeschnittenen Kopf auf einer Platte. Unten links sind die Blätter einer palmenartigen Pflanze zu sehen, und der Himmel ist mit dichten Wolken verhangen.

Abgetrennte Köpfe tauchen in der symbolistischen Kunst und Literatur sehr häufig auf. Der vom physischen Körper getrennte Kopf oder Augapfel ist ein Symbol für die Freiheit von den Zwängen des Alltagslebens und das Erreichen einer höheren Bewusstseinsebene.

Ein ähnlich suggestiver Ansatz charakterisiert die Poesie von Mallarmé und anderen Symbolisten, die die Suggestion und nicht die Beschreibung als oberstes Ziel der Kunst ansahen.

The Smiling Spider, 1891

Die lächelnde Spinne

Odilon Redon, The Smiling Spider, 1891

Beschreibung des Kunstwerks: Eine seltsam lächelnde Spinne mit zehn Beinen ist das Motiv einer Lithographie von Redon.

Der runde Körper der Spinne hat ein menschliches Gesicht, mit einer kleinen Nase und einem breiten, lächelnden Mund, der eine Reihe winziger Zähne offenbart. Die Kreatur neigt sich auf ihren spindelförmigen Beinen leicht zur Seite, als ob sie gerade über einen seidenen Faden von der Decke herabgestiegen wäre. 

Das Gittermuster auf dem Boden vermittelt ein Gefühl von dreidimensionaler Räumlichkeit, aber der Realismus der Umgebung verstärkt nur die überraschende Wirkung des Subjekts. Redon orientierte sich bei seinem Druck an einer früheren Kohlezeichnung, aber das lithografische Medium war ebenso gut geeignet für die Auseinandersetzung dunkler Darstellung in Schwarz-Weiß.

Viele seiner " Monster " basierten zwar auf Beobachtungen realer Tiere, wurden aber durch die Phantasie des Künstlers verändert. Es ist die Wahrnehmung unserer Menschlichkeit in diesen seltsamen hybriden Kreaturen, die sie so anziehend und abstoßend zugleich machen.

Baronne de Domecy, um 1900

Odilon Redon, Baronne de Domecy, 1900

Odilon Redon, Baronne de Domecy, 1900

Beschreibung des Kunstwerks: Dies ist eines von mehreren Porträts, die Redon von der Frau seines Freundes und Gönners, dem Baron de Domecy, gemalt hat. Hier porträtiert er die Figur inmitten eines abstrakten floralen Hintergrundes. Ihr Gesicht und ihr Kopf wurden präzise und realistisch gezeichnet, indem er ganz feine Graphitstriche benutzte, um ihre Gesichtszüge herauszuarbeiten. Der braune Papiergrund wurde zur Darstellung der Hautfarbe der Frau eingesetzt. Im Gegensatz zu ihrem einfarbigen Gesicht suggeriert die leuchtend rote Bluse der Baronne eine leidenschaftlichere Persönlichkeit, als ihr zurückhaltendes Auftreten vermuten lässt.

Ebenso verleiht die Fülle der floralen Motive - die eher dekorativ als real wirken - der Szene ein traumhaftes Aussehen und symbolisiert vielleicht ihr reines Inneres.

Der Zyklop, 1914

Der Zyklop, Öl auf Holz, um 1898

Der Zyklop, Öl auf Holz, um 1898

Beschreibung des Kunstwerks: Polyphem, das mythische einäugige Monster aus Homers Odyssee, blickt hinter einem felsigen Hügel hervor, während die gefangene Nymphe Galatea in ihrer Grotte umgeben von Blumen schläft.

Redon stellte in seinen späteren Pastellen und Gemälden oft Szenen aus der klassischen Mythologie dar. Es ist anzunehmen, dass er mit Ovids Version der Polyphem-Geschichte vertraut gewesen ist. In Redons Malerei, wie auch in Ovids Dichtung, verliebt sich der Zyklop in die Meeresnymphe. Er wäre aber auch auf Gustave Moreaus gefeierte Werke aufmerksam geworden, die die Geschichte in den 1880er Jahren tragisch darstellten. 

Redon scheint die Naturelemente, mit denen die beiden Figuren verschmolzen sind, zu kontrastieren, wobei der Zyklop aus der harten, felsigen Erde aufsteigt und die Nymphe in der Meeresgrotte und ihrer üppigen, weiblichen Flora gefangen ist. Mit seinem großen, ausdrucksstarken Auge ist Polyphem nicht das menschenfressende Monster aus Homers Odyssee, sondern ein sanftes Wesen. Im Gegensatz zu Moreau behandelt Redon das Subjekt nicht auf tragische Weise und stellt kein verdrängtes Begehren dar. Anstatt über die nackte, schlafende Nymphe nachzudenken, neigt Polyphemus seinen Kopf und schaut mit beinahe neugierigem Blick auf den Betrachter.

Als Ergebnis fühlt sich der Betrachter des Bildes, dessen Blick zunächst auf die Gestalt der Nymphe gerichtet ist, so, als würde er von dem riesigen Zyklopen beobachtet werden, der diese Figur sanft bewacht.

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