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Bildbeschreibung & Interpretation von Gustave Moreaus Meisterwerk Ödipus und die Sphinx

Gustave Moreau, Ödipus und die Sphinx, 1864Gustave Moreau, Ödipus und die Sphinx, 1864

Wie Jean-Auguste-Dominique Ingres vor ihm hat sich Moreau dazu entschlossen, die Konfrontation zwischen Ödipus und der Sphinx darzustellen. In dieser Bildbeschreibung von Moreaus Ödipus und die Sphinx gehen wir zunächst auf den Mythos des Ödipus ein, um zu verstehen, welche Szene Moreau in seinem Gemälde abbildete. Anschließend findest du eine Bildbeschreibung sowie eine ausführliche Interpretation der vom Künstler verwendeten Symbolik. 


Der Ödipus-Mythos in der Kurzform

Die Ödipus-Sage enthält die meisten klassischen Zutaten, die man von einem der griechischen Mythen erwarten würde: Tragik, Grausamkeit, Verwechslungen, geheimnisvolle Ungeheuer und, dem Ganzen zugrunde liegend, eine Prophezeiung des Orakels von Delphi, die der Figur eine schreckliche Last aufbürdet.

Ödipus war der Sohn des Königs Laios von Theben und seiner Königin Iokaste. Er wurde als Säugling von seinem Vater, dem prophezeit worden war, dass sein Sohn ihn töten würde, auf einem Berg zurückgelassen. Der junge Ödipus wurde jedoch von einem Hirten gefunden, der ihn nach Korinth brachte, wo der König dieser Stadt das Kind wie eines seiner eigenen aufzog.

Als das Orakel in Delphi Ödipus erklärte, dass er seinen Vater töten und seine Mutter heiraten würde, beschloss er, Korinth zu verlassen, ohne zu ahnen, dass man ihn adoptiert hatte.

Auf der Fahrt nach Theben traf er auf einer schmalen Straße einen Mann. Es kam zu einem Streit über die Wegerechte an der Weggabelung, der damit endete, dass Ödipus den Fremden tötete. Damit erfüllte er unwissentlich den ersten Teil der Prophezeiung, denn der Getötete war sein Vater, König Laios.

Auf dem weiterem Weg nach Theben traf Ödipus auf die ungeheuerliche Sphinx, die die Stadt in ihren Bann gezogen hatte. Sie patrouillierte auf den Straßen, die in die Stadt führten, und tötete alle Reisenden, die ein Rätsel nicht lösen konnten. Der unerschrockene Ödipus löste das Rätsel, und in verzweifelter Wut tötete sich die Sphinx selbst.

Die Stadt, überglücklich, von dem Ungeheuer befreit zu sein, übergab den vakanten Thron dem heldenhaften Neuankömmling und überreichte ihm die Hand der verwitweten Königin Iokaste, was die Prophezeiung des Orakels von Delphi vervollständigte. Das Paar hatte bereits vier Kinder, doch als sie die Wahrheit erfuhren, beging Iokaste Selbstmord und Ödipus erblindete.


Beschreibung des zentralen Handlungsstrangs in Ödipus und die Sphinx

Gustave Moreau, Ödipus und die Sphinx, 1864

Gustave Moreau, Ödipus und die Sphinx, 1864

Das Gemälde von Moreau zeigt eine Szene mit aufwendigen und recht komplizierten Symbolen und ist in einem Stil gemalt, der dem von Andrea Mantegna ähnelt.

Der Körper der Sphinx gleicht einer Mischung aus Windhund und Löwenweibchen. Ihre wunderschön gemalten Flügel haben die Größe eines Adlers. Ihre Brüste und ihr Gesicht entsprechen jedoch der einer hübschen jungen Frau, deren blondes Haar, sorgfältig nach dem zeitgenössischen Pariser Trend frisiert, von einem eleganten Diadem gehalten wird. 

Ödipus und die Sphinx Detail

Ödipus weiß, dass er nicht zögern kann. Eine falsche Anwort, selbst ein leichtes Zittern in seiner Stimme, und diese schöne, aber tödliche Bestie wird ihm an die Kehle gehen.

Seine linke Hand umklammert seinen Speer, weil er weiß, dass das, was er sagen wird, sein Leben retten und die Einwohner Thebens verschonen kann, oder das genaue Gegeneil bewirken wird. 


Deutung und Interpretation der Symbolik

Mehrere vorangegangene vorbereitende Zeichnungen sind erhalten geblieben, darunter dieses recht ausgefeilte Aquarell von 1861.

Vorarbeit zu Ödipus und die Sphinx, 1861

Vorarbeit zu Ödipus und die Sphinx, 1861

 
 

Wichtig: Da die Skizze beinahe völlig frei von Symbolen ist, aber der endgültigen Komposition sehr nahe kommt, können wir vermuten, dass Moreau die Symbole nicht als wesentlich für die Beurteilung des finalen Gemäldes erachtete. 

Um den zentralen Erzählstrang herum füttert Moreau uns mit symbolischen Häppchen, die das Hauptgericht ergänzen, es aber nicht verdrängen.

  • Hinter dem Ödipus befindet sich ein Lorbeerbaum, der Apollo heilig ist und die höchsten Errungenschaften des Menschen repräsentiert.
  • Hinter der Sphinx wächst ein Feigenbaum, ein traditionelles Symbol der Sündhaftigkeit.
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    Die kleine mehrfarbige Säule auf der rechten Seite wird von einer Urne gekrönt, die den Tod symbolisiert. Sie könnte als Anspielung auf die Tötung von Ödipus' Vater dort platziert worden sein.
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    Darüber ist ein Schmetterling zu sehen, der die Unvergänglichkeit der Seele darstellen könnte. Eine Schlange, die wiederum mit dem Tod und - durch die biblische Schlange - mit der Sünde assoziiert wird, schlängelt die Säule hinauf.
  • Die sterblichen Überreste der Figur am unteren Bildrand erinnern den Betrachter an die tödliche Gefahr, die von der Sphinx ausgeht. Da hinter ihnen eine Krone abgebildet ist und sich die Hand an den Felsen zu klammern scheint, kann dieses Bildelement auch an die Ermordung von König Laios durch Ödipus erinnern, was die Szene kontextualisieren und ihr mehr Kontext verleihen würde.

Es ist allerdings der psychologische Austausch der Figuren, der in dem Gemälde am interessanten ist.

Die Sphinx fixiert Ödipus in einem intensiven, schweigenden Blick, als ob sie dabei wäre, ihn zu hypnotisieren. Der bedeckte, dunkle Himmel verstärkt die geheimnisvolle Spannung der Szene.

Möglicherweise besteht darin ihr eigentlicher Vorteil und sie braucht keine physische Kraft einzusetzen, sondern kann sich auf die Kraft ihres Willens verlassen.

Sie ist das Musterbeispiel für Moreaus Vorliebe für mächtige und gefährliche weibliche Wesen, die seine androgyn daherkommenden männlichen Figuren zu dominieren scheinen.


Reaktionen und Auswirkungen des Gemäldes im Kontext der Zeit

Moreau verbrachte mehrere Jahre mit der Arbeit an diesem Gemälde, wobei er viele vorbereitende Zeichnungen anfertigte - nicht ungewöhnlich für seine Herangehensweise. Sein Perfektionismus führte dazu, dass er an seinen Kompositionen beharrlich weiterarbeitete und Details hinzufügte.

Als das Kunstwerk schließlich 1864 im Pariser Salon ausgestellt wurde, fand Ödipus und Sphinx großen Zuspruch, gewann eine Medaille und die Bewunderung von Prinz Napoleon-Jérôme, der das Gemälde später erwarb.

Zusammengefasst begründete dieses Gemälde den Ruf von Moreau, der trotz einer späteren Ablehnung gegen seine Werke in den 1860er Jahren seinerseits durch seinen Schüler Henri Matisse einen beträchtlichen Einfluss auf spätere Kunstströmungen ausübte. Die Spuren Moreaus lassen sich in den Kunststilen des Symbolismus, Surrealismus, Neoimpressionismus und Fauvismus ausmachen.