GrafikMalerei

Der Weg zur Essenz: Die zwölf Phasen der Abstraktion in Pablo Picassos Stier-Serie

Pablo Picasso StierFoto: Vahe Martirosyan / Flickr

Die Stier-Serie von Pablo Picasso besteht aus 12 Lithographien, die um Weihnachten 1945 entstanden sind und das Tier in verschiedenen Zuständen der Abstraktion darstellen.

Picasso abstrahierte die Form des Tieres mit jedem Zustand ein wenig stärker, bis er bei einer Form angelangte, die die Essenz und das Wesen des Stiers verkörpert.

In diesem Artikel findest du alle Versionen des Pablo Picasso Stiers samt Beschreibungen zu den jeweiligen Änderungen am Motiv und denkbare Überlegungen des Künstlers, die seinen Gestaltungsprozess möglicherweise steuerten.

Der Pablo Picasso Stier in seinen 12 Zuständen

1. Zustand

Pablo Picasso Stier Zustand 1

Zum Auftakt der Serie schafft Picasso eine lebendige Pinselzeichnung des Stiers mit lithografischer Tusche. Es ist ein spontanes Bild, das den Grundstein für die folgenden Arbeiten legt. Auch wenn es keine anatomisch genaue Darstellung des Tieres ist, stimmen die Proportionen des Stieres mit der Realität weitgehend überein.

Picasso benutzte den Stier in seinem gesamten Werk als Metapher, aber er weigerte sich, sich auf seine Bedeutung festzulegen. Je nach Kontext wurde das Bild des Stiers auf unterschiedliche Weise interpretiert: als Darstellung des spanischen Volkes, als Kommentar zum Faschismus und zur Brutalität, als Symbol der Männlichkeit oder als Abbild seinerselbst.

2. Zustand

Pablo Picasso Stier Zustand 2

In der zweiten Lithografie vergrößert Picasso die Form des Stiers, doch ist die Gestalt des Tieres stark verwischt. Aufgrund des Zustand des Drucks und der Ähnlichkeit zur dritten Fassung wird dieser zweite Zustand in Beschreibungen der Serie häufig gar nicht erst aufgenommen.

3. Zustand

Pablo Picasso Stier Zustand 3

Die dritte Platte entspricht in den Umrissen dem zweiten Zustand, doch steigerte Picasso die Ausdruckskraft des Stieres, indem er die Kontraste erhöhte und die Form des Tieres sauber ausarbeitete.

4. Zustand

Pablo Picasso Stier Zustand 4

Auf der vierten Platte nimmt die Entwicklung einen Richtungswechsel ein.

Picasso hört auf, das Tier zu modellieren und beginnt, die Kreatur mit kraftvollen Linien zu zerlegen, die den Konturen seiner Muskeln und seines Skeletts folgen. Er schneidet in die Form des Stiers, ähnlich wie ein Metzger einen Kadaver zerlegt. Es ist bekannt, dass er mit den Druckern über diese Metzger-Analogie scherzte.

In diesem Zustand führt Picasso auch die Verwendung eines lithografischen Zeichenstifts ein, um die Oberflächenstruktur der Tierhaut detaillierter zu gestalten. Der Gesamteffekt erinnert an den plattenartigen Körperbau von Dürers Rhinozeros.

5. Zustand

Pablo Picasso Stier Zustand 5

In der fünften Version beginnt der Künstler, die Struktur des Stiers zu abstrahieren, indem er die Hauptebenen seiner Anatomie vereinfacht und nachzeichnet.

Einer der technischen Vorteile der Lithografie gegenüber anderen Drucktechniken besteht darin, dass man relativ einfach sowohl zum Bild hinzufügen als auch von ihm entfernen kann.

6. Zustand

Pablo Picasso Stier Zustand 6

Die Vereinfachung und Stilisierung des Bildes setzt sich auf der sechsten Platte fort. Picasso beginnt, Teile des Stiers auszuradieren, um das Gleichgewicht neu zu verteilen und die Dynamik zwischen Vorder- und Hinterhälfte des Tieres neu zu organisieren.

Zunächst verkleinert er seinen massiven Kopf und komprimiert seine Gesichtszüge in den schmalen Bereich, der zuvor die Stirn des Stiers bildete. Durch die Vergrößerung des Auges und die Abflachung der Hörner schafft er einen schärferen Fokuspunkt an der Vorderseite des Tieres.

Sodann streicht er einen Teil des Rückens aus, was den gegenteiligen Effekt hat, dass die Vorderseite angehoben wird. Diese Veränderung unterstreicht er förmlich mit der weißen Linie, die diagonal über das Tier verläuft, parallel zum neuen Neigungswinkel des Rückens.

Als Gegengewicht zu dieser Verschiebung verstärkt er eine Linie, die in entgegengesetzter Richtung quer durch die Körpermitte verläuft, und zwar parallel zu den Schultern auf der Vorderseite.

Picassos Entwicklungsprozess gleicht dem Bau eines Kartenhauses, bei dem die Ausgewogenheit und das Gegengewicht der einzelnen Elemente entscheidend für die Stabilität des Ganzen ist.

7. Zustand

Pablo Picasso Stier Zustand 7

In diesem Zustand entstehen ein anderer neuer Kopf und ein neuer Schwanz, die dem Stil und der Richtung der sich entwickelnden Abstraktion entsprechen. Picasso verwendet weitere Kurven, um das Netz der Linien, die das Geschöpf durchziehen, abzuschwächen. Noch einmal passt er die Linie des Rückens an, die nun in Wellenform an den Schultern beginnt und wie ein Energieimpuls über die gesamte Länge des Körpers fließt.

Die beiden in der vorhergehenden Platte besprochenen gegenläufigen Linien werden an den Vorder- und Hinterbeinen nach unten verlängert, um wie strukturelle Stützen für das Gewicht des Stieres zu wirken.

8. Zustand

Pablo Picasso Stier Zustand 8

Als Picasso das Gleichgewicht der Form im Stier erkennt, beginnt er, einige der Konstruktionslinien zu entfernen und zu vereinfachen. Dann umschließt er die wesentlichen Elemente, die übrig bleiben, mit einem straffen Umriss.

9. Zustand

Pablo Picasso Stier Zustand 9

In der neunten Platte wird die Verkleinerung und Vereinfachung des Bildes fortgesetzt.

10. Zustand

Pablo Picasso Stier Zustand 10

Während er weiterhin Spaß an der Zeichnung des Kopfes hat, entfernt Picasso nun die verbleibenden Farbflächen und reduziert schließlich den Stier auf eine Linienzeichnung. Nur das Geschlechtsorgan des Tieres behält seine Schattierung bei.

11. Zustand

Pablo Picasso Stier Zustand 11

In der elften Fassung werden die komplexeren Bereiche der Strichzeichnung entfernt, so dass nur noch einige wenige Grundlinien und -formen übrig bleiben.

12. Zustand

Pablo Picasso Stier Zustand 12

Im letzten Druck der Serie reduziert Picasso den Stier auf einen einfachen Umriss, der durch die fortschreitende Entwicklung jedes Bildes so sorgfältig durchdacht ist, dass er das Wesen des Stiers in einem möglichst prägnanten Bild einfängt.