Kunst

Die Geschichte des Pariser Salons und sein wegweisender Einfluss auf die Kunststile Europas

Pietro Antonio Martini, Le Salon de 1787 au LouvrePietro Antonio Martini, Le Salon de 1787 au Louvre

1874 schlossen sich mehrere in Paris ansässige Künstler zusammen, um eine unabhängige Kunstausstellung zu veranstalten. Diese Künstlergruppierung, die später als Impressionisten bekannt wurde, nahmen es auf sich, ihre eigenen Kunstwerke auszustellen und ein externes Auswahlverfahren zu umgehen. 

Heute mag diese Form der Kunstausstellung als gängige Praxis erscheinen. Im Frankreich des 19. Jahrhunderts galt dies jedoch als radikaler Schritt, da es den Pariser Salon untergrub.

Zu dieser Zeit war der Salon die wichtigste Kunstausstellung in Paris. Organisiert wurde der Salon de Paris von der renommierten Académie royale de peinture et de sculpture ("Königliche Akademie für Malerei und Bildhauerei"), die eine Jury von Fachleuten einsetzte, um Werke auszuwählen, die es wert waren, ausgestellt zu werden. 

 

Im Frankreich des 19. Jahrhunderts besaß diese jährliche Veranstaltung einen solch großen Einfluss darin, die künstlerische Laufbahn der sich bewerbenden Künstler zu beflügeln oder zu ruinieren. 

Wichtiger noch war allerdings, dass sie eine tiefgreifende Wirkung auf die europäische Kunst als Ganzes hatte.

Der Pariser Salon und das mit ihm verbundene Akademiensystem der französischen Elitehochschulen bestimmten die Definition von guter und schlechter Kunst und steuerten damit die stilistische Entwicklung von Künstlern in Frankreich, Belgien und letztlich ganz Europa.

Heute sind die Impressionisten für ihre radikale Ablehnung des Pariser Salons und die Etablierung einer alternativen Ausstellung für avantgardistische Künstler bekannt. Duch ihre Mühen wurden in Frankreich erstmals Werke und Stile gewürdigt, die auf dem offiziellen Pariser Salon niemals ausgestellt worden wären. So gesehen wird den Impressionisten vollkommen zurecht die Stellung als Wegweise der modernen Kunst zugeschrieben.

Bevor wir uns die Bedeutung des Pariser Salons und die sich im Laufe der Zeit formierten Alternativveranstaltungen ansehen, ist es wichtig, die Entstehung des Pariser Salons und seine Verflechtung mit dem System französischer Kunsthochschulen zu verstehen.

Die Bedeutung der Akademien in Frankreich

Während der Renaissance erlebten die Künste in ganz Europa eine kulturelle Wiederbelebung.

In Frankreich entstanden in diesem Goldenen Zeitalter die Akademien, die als angesehene Institutionen alle Aspekte der französischen Kultur fördern sollten. Im Jahr 1570 gründete der französische Dichter Jean-Antoine de Baïf die Académie de Poésie et de Musique, die erste Akademie in Frankreich. Unterstützt von Charles IX. von Frankreich wurde diese Organisation als Mittel zur Erneuerung des klassischen Stils gegründet. Ein Ziel, das von der Académie royale de peinture et de sculpture geteilt wurde.

Die Académie royale de peinture et de sculpture wurde Mitte des 17. Jahrhunderts ins Leben gerufen. Diese Akademie war die erste ihrer Art und zielte darauf ab, allen Kunsthandwerkern - nicht nur jenen, die ungerechterweise von einem archaischen Zunftsystem begünstigt wurden - die Möglichkeit zu geben, als professionelle Künstler zu arbeiten. Prominente Persönlichkeiten wie der Hofmaler Charles Le Brun und Martin de Charmois schlugen diese Idee König Ludwig XIV. vor, der 1648 seine Zustimmung gab.

Jean-Baptiste Martin, Treffen der Académie Royale de Peinture et de Sculpture im Louvre, c. 1712 - 1721

Jean-Baptiste Martin, Treffen der Académie Royale de Peinture et de Sculpture im Louvre, c. 1712 - 1721

Wie die folgenden Akademien - darunter die Académie Royale de Danse ("Königliche Akademie des Tanzes"), die Académie Royale des sciences ("Königliche Akademie der Wissenschaften") und die Académie Royale d'Architecture ("Königliche Akademie der Architektur") - versuchte die Académie royale de peinture et de sculpture, künstlerische Potenziale zu entdecken und zu fördern.

Um dieses elitäre Ziel zu erreichen, begann die Akademie, regelmäßig Salons zu veranstalten.

Der offizielle Pariser Salon

Der erste Salon wurde 1667 für ein begrenztes Publikum freigegeben. Die von der französischen Monarchie geförderte Ausstellung im Salon Carré (einem Raum im Louvre) zeigte Arbeiten von Absolventen der Académie royale de peinture et de sculpture.

1791 wechselte die Trägerschaft der Veranstaltung von königlichen zu staatlichen Stellen.

Ab 1795 war die Einreichung von Werken für alle Künstler möglich. Das Jurysystem, das zu diesem Zeitpunkt beinahe 50 Jahre bestand, brach jedoch nur selten mit der Tradition. Bei der Auswahl der Kunstwerke bevorzugte sie zum Beispiel konservative, konventionelle Themen - einschließlich historischer, mythologischer und allegorischer Szenen sowie naturalistisch gemalte Portraits.

François-Joseph Heim, Le Salon de 1824, 1827

François-Joseph Heim, Le Salon de 1824, 1827

Der traditionelle Geschmack der Akademie wurde bis ins 19. Jahrhundert befürwortet, bis sich eine avantgardistische, vorausdenkende Künstlergruppierung in Paris zusammenfand. Während die Akademie die meisten Werke der modernen Künstler ablehnte, gelang es einigen Künstlern, ihren kontroversen Werken einen Platz zu sichern, darunter Édouard Manets Olympia von 1863 und John Singer Sargents Madame X.

Olympia Edouard Manet

Édouard Manet, Olympia, 1863

John Singer Sargent, Madame X, 1883/84

John Singer Sargent, Madame X, 1883/84

Meistens wurden jedoch Kunstwerke, die nicht dem traditionellen Geschmack der Akademie entsprachen, abgelehnt, was zukunftsorientierte Künstler dazu zwang, die Ausstellung ihrer Werke selbst in die Hand zu nehmen.

Dies führte zum Niedergang des Pariser Salons in den 1880er Jahren und zu einigen alternativen Salons, die allesamt unterschiedliche Schwerpunkte hatten.

Wichtige alternative Pariser Salons

Bereits in den 1830er Jahren tauchten während des Salons Satellitenshows in ganz Paris auf. Diese unabhängigen Ausstellungen zeigten oft Werke, die von der Jury abgelehnt worden waren.

Der Salon des Refusés

Die Geschichte des Pariser Salons und sein wegweisender Einfluss auf die Kunststile Europas

Veranstaltungsort des Salon des Refusés: Der Palais de l'Industrie in Paris

Der Salon des Refusés war seit 1863 die erste nennenswerte Alternative zum Pariser Salon.

Ironischerweise wurde dieser "Salon der Zurückgewiesenen" nicht von verärgerten Künstlern oder Avantgarde-Sympathisanten abgehalten.

Stattdessen wurde er von Kaiser Napoleon III. inszeniert, der ihn als eine Möglichkeit betrachtete, diejenigen zu besänftigen, die über die begrenzte Werksauswahl des offiziellen Pariser Salons verärgert waren.

Während sie ursprünglich vom Mainstream verspottet wurden, gelten heute viele Stücke, die im Salon des Refusés präsentiert werden, als Meisterwerke, darunter auch Le déjeuner sur l'herbe ("Das Frühstück im Grünen") von Manet.

Edouard Manet, Das Frühstück im Grünen, 1863

Edouard Manet, Das Frühstück im Grünen, 1863


Gruppenausstellung der Impressionisten von 1874

Elf Jahre nach dem Salon des Refusés veranstalteten die Impressionisten - ursprünglich bekannt als die Société anonyme coopérative des artistes peintres, sculpteurs et graveurs - ihre erste eigene Ausstellung.

Sie präsentierten Werke, die von den Impressionisten selbst geschaffen und kuratiert wurden, ohne sie überhaupt zur Ausstellung im Salon de Paris eingereicht zu haben.

Erste Ausstellung des Impressionismus Nadar

Ausstellungsort: Das Atelier des Fotografen Nadar in Paris

Diese Ausstellung im Atelier von Nadar, einem zeitgenössischen französischen Fotografen, umfasste mehrere Gemälde von 30 Künstlern, darunter Claude Monet, Pierre-Auguste Renoir, Edgar Degas und Camille Pissarro. Unter diesen Werken war Monets Impression, Sonnenaufgang, das namensiebend für den Stil des Impressionismus wurde.

Die Impressionisten veranstalteten bis 1886 weiterhin jährliche Ausstellungen. Zu den wichtigsten Werken, die in dieser Reihe von Ausstellungen gezeigt wurden, gehören Le bal du moulin de la Galette von Renoir und Ein Sonntagnachmittag auf der Insel La Grande Jatte von Georges Seurat.

Pierre Auguste Renoir

Pierre-Auguste Renoir, Bal du Moulin de la Galette, 1876

Ein Sonntagnachmittag auf der Insel La Grande Jatte

Georges Seurat, Ein Sonntagnachmittag auf der Insel La Grande Jatte, 1884-1886


Salon des Indépendants

Zwei Jahre bevor die Impressionisten ihre 12-jährige Ausstellungsreihe beendeten, wurde der Salon des Indépendants initiiert. Die Schau ist auch heute noch aktiv. 

Die Geschichte des Pariser Salons und sein wegweisender Einfluss auf die Kunststile Europas

Ausstellungsort ab 1920: Das Grand Palais in Paris

Dieser von Paul Cézanne, Paul Gauguin, Henri de Toulouse-Lautrec, Paul Signac und anderen führenden Künstlern der Moderne gegründete Salon versprach ohne Jury und ohne Entlohnung veranstaltet zu werden. Die vollständige Unabhängigkeit von offiziellen Institutionen stand im Vordergrund der Vereinigung.

Allein bei der Eröffnungsveranstaltung wurden 5.000 Werke von über 400 Künstlern ausgestellt. Im Laufe seiner 136-jährigen Geschichte hat der Salon des Indépendants Höhepunkte wie Paul Signacs Opus 217 bekannt gemacht.

Paul Signac, Opus 217, 1890

Paul Signac, Opus 217, 1890


Salon d'Automne

Der Salon des Indépendants ist nicht der einzige große Salon, der auch heute noch existiert.

Jedes Jahr im Oktober öffnet der Salon d'Automne (Pariser Herbstsalon) auf der berühmten Pariser Champs-Élysées seine Pforten. Hier sind Künstler aus allen Bereichen eingeladen, bildende Kunst, dekorative Objekte und Fotografie auszustellen.

Ambroise Vollard, Fotografie des Salon d'Automne, 1904

Ambroise Vollard, Fotografie des Salon d'Automne, 1904

Der erste Salon d'Automne fand 1903 statt. In seiner 117-jährigen Geschichte hat der Salon d'Automne immer wieder bedeutende Werke hervorgebracht, die dazu beitrugen, Kunststile und -bewegungen wie den Fauvismus und den Kubismus bekannt zu machen.