KunstZeichnung

Ist diese Zeichnung wirklich das einzige Selbstbildnis von Leonardo da Vinci? Alle Argumente im Überblick

Selbstbildnis von Leonardo da Vinci

Dieses Porträt hat viele Kontroversen hervorgerufen, da sich Kunsthistoriker über das Thema der Zeichnung uneinig sind. Genauer gesagt dreht sich die Debatte darum, ob es sich wirklich um eine Selbstbildnis von Leonardo da Vinci handelt, oder ob es einen anderen Mann darstellt.

Das vermeintliche Selbstbildnis von Leonardo da Vinci im Detail

Die Zeichnung misst 33 x 22 cm und wurde in Rötel auf Karton gezeichnet.

Das Bildnis zeigt einen Mann in der Dreiviertelansicht. Deutlich zu sehen ist das lange Haar und der lange Bart des Dargestellten. Buschige Augenbrauen und Falten auf der Stirn und im Augen- und Wangenbereich lassen auf ein gehobenes Alter des Mannes schließen.

In der Debatte um die Urheberschaft Leonardos und die Darstellung seinerselbst werden meist vier wesentliche Thesen diskutiert. Auf keine dieser Thesen kann nach dem heutigen Wissensstand eine finale Antwort gegeben werden.

Sehen wir uns an, welche Aspekte Gegenstand der Diskussion sind.

1. Das Alter des Dargestellten stimmt nicht mit Leonardos Alter zur Entstehungszeit überein

Heute ist man sich einig, dass die Zeichnung um 1512 entstanden ist. Zu diesem Zeitpunkt war Leonardo 60 Jahre alt.

Ein Einwand, der häufig gegen die These einer Selbstdarstellung angeführt wird, bezieht sich darauf, dass der Abgebildete wesentlich älter als 60 aussieht. 

Dieser Einspruch wird mit den Berichten von Zeitzeugen zu entkräften versucht, die gesehen haben wollen, wie Leonardo in seinen letzten Jahren stark alterte, bevor er 1519 im Alter von 67 Jahren verstarb.

2. Vielleicht stellt es Leonardo dar, wie er sich selbst in höherem Alter vorstellte

Viele Historiker meinen, es könnte eine Darstellung dessen sein, wie Leonardo sich selbst in höherem Alter vorstellte. 

Andere Kunsthistoriker glauben, dass es sich um Leonardos Vater Piero oder seinen Onkel Francesco handeln könnte.

3. Ähnlichkeit zwischen der Zeichnung und Platon in Die Schule von Athen

Als Beleg für die Darstellung seinerselbst wird häufig die vermutete Darstellung Leonardos in Raffaels Die Schule von Athen von 1510 genannt.

Hier soll da Vincis Gesicht zur Vorlage des griechischen Philosophen Platon auserwählt worden sein. 

Die Ähnlichkeit zwischen der Figur des Platon in dem monumentalen Fresko (links mit erhobenem Finger) und der Zeichnung von 1512 ist beeindruckend.

Platon und Aristoteles

4 . Ähnlichkeit zwischen einer Darstellung seines Schülers und dem angeblichen Selbstbildnis von Leonardo da Vinci

Es gibt weitere Profilzeichnungen aus den letzten Jahren Leonardos, die den Künstler zeigen. Ein bekanntes Beispiel ist die Zeichnung von Francesco Melzi von 1516, einem bedeutenden Schüler von Leonardo, der die letzten Jahre mit ihm verbrachte.

Die Ähnlichkeit zwischen dem Mann in der Zeichnung Melzis und im vermuteten Selbstporträt lässt beinahe keine Zweifel daran, dass es sich in der Rötelzeichnung von 1512 um Leonardo handelt.

Francesco Melzi, Porträt des Leonardo da Vinci, 1516

Francesco Melzi, Porträt des Leonardo da Vinci, 1516

Das bedeutet allerdings auch, dass die Zeichnung von 1512 genauso gut von einem Schüler Leonardos stammen könnte.

Da es keine technischen Alleinstellungsmerkmale gibt (wie zum Beispiel sein einzigartiges Geschick im Umgang mit der Sfumato Technik in seinen Ölgemälden), kann eine Urheberschaft Leonardos nicht bewiesen werden.


Das vermeintliche Selbstbildnis von Leonardo da Vinci heute

Forscher haben entdeckt, dass das Papier, auf dem das Porträt gezeichnet wurde, aus Leinen-, Baumwoll- und Hanffasern besteht. Aufgrund der Sonneneinstrahlung und der mangelnden Konservierung im Laufe der Jahre ist das Papier vergilbt und hat dadurch den Kontrast zum Rot verloren. Heute ist die Zeichnung stark verblasst.

Es weist auch zahlreiche rötliche Flecken auf, die als "Stockflecken" bezeichnet werden und die ursprünglich nicht auf dem Papier zu sehen waren. Obwohl das Kunstwerk heute in der Sammlung der Biblioteca Reale in Turin aufbewahrt wird, ist es außer zu außergewöhnlichen Anlässen nie zu sehen. Es wird seit 1998 unter perfekten Konservierungsbedingungen gelagert, damit es auch die nächsten Jahrhunderte überdauert.

Ende 2015 wurden weitere Entdeckungen darüber gemacht, was mit der Zeichnung passiert ist. In der Untersuchung unter der Leitung von Guadalupe Pinar wurde festgestellt, dass sowohl chemische als auch biologische Reaktionen für das Verblassen des Porträts verantwortlich sind. Es wurde nachgewiesen, dass Pilze auf der Zeichnung durch atmosphärische Eisenpartikel wachsen konnten, die das Papier angegriffen haben.

Die Bedeutung des Bildnisses von Leonardo da Vinci

Obwohl es unwahrscheinlich ist, dass das Vermächtnis von Leonardo da Vinci jemals verblassen wird, ist es wichtig, dass die Beweise konserviert werden. Da Vinci hat in vielen Bereichen einen immensen Einfluss gehabt, und moderne Anpassungen seines Lebens und seines Einflusses finden viel Beachtung.

Es ist es wichtig, die Zeichnung zu bewahren, da es potenziell das einzige Selbstporträt des Künstlers ist.

Auch wenn das Rätsel wahrscheinlich nie mehr gelöst wird, wer der Mann in dem Porträt tatsächlich ist, trägt es doch zum Reiz des Werks des Universalgenies bei.