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Tizian Biografie – Lebenslauf, bekannte Werke und künstlerisches Vermächtnis

TizianTizian, Selbstbildnis 1550–1562

​Tizian war einer der bedeutendsten Maler der Renaissance, der die Ideen der Hochrenaissance und des Spätrenaissance miteinander verband, um einen Stil zu entwickeln, der seiner Zeit weit voraus war.

Er dominierte die venezianische Kunst mit einer Kreativität, die es der Stadt erlaubte, mit den zuvor anerkannten künstlerischen Zentren Florenz und Rom zu konkurrieren. Er malte einige der wichtigsten Persönlichkeiten der Zeit, darunter Kaiser Karl V., Papst Paul III., Philipp II. von Spanien und Heinrich III. von Frankreich.

Neben der Porträtmalerei malte er auch eine Reihe von religiösen und mythologischen Themen, manchmal in monumentalem Maß. Während seiner langen künstlerischen Laufbahn entwickelte sich sein Werk von traditionellen Renaissance-Bildern zu immer dynamischeren Leinwänden, die ausgewogene Kompositionen ablehnten und diese durch Asymmetrie und lebendige Sujets ersetzten.

Er hatte einen großen Einfluss auf seine Zeitgenossen ebenso wie auf die nach ihm folgenden künstlerischen Generationen. Seine Gemälde können als Vorläufer der emotionalen Dramatik der barocken Kunst angesehen werden, aber auch als Einfluss auf spätere Kunstrichtungen.

Biografie von Tizian

Frühes Leben

Tizian, oder Tiziano Vecellio, wurde schätzungsweise 1488-90 in der Stadt Pieve di Cadore, Italien, geboren - ungefähr 130 km nördlich von Venedig. Wie viele Künstler dieser Zeit fand Tizian schon in sehr jungen Jahren seinen Einstieg in die Kunstwelt.

Als er etwa zehn Jahre alt war, wurde Tizian aus seiner Heimatstadt in das kulturelle Zentrum Venedigs geschickt. Dort fand der junge Tizian durch eine Reihe von Familienverbindungen den Weg in das Atelier von Gentile Bellini und seinem jüngeren Bruder Giovanni.

Tizian Biografie – Lebenslauf, bekannte Werke und künstlerisches Vermächtnis

Tizians Geburtshaus | Foto: Antonio De Lorenzo / Wikipedia

Den Brüdern Bellini wird zugeschrieben, dass sie den venezianischen Malstil revolutioniert haben. In ihrer Werkstatt lernte Tizian die Techniken der feinen Malerei

Künstlerische Reife und die Zusammenarbeit mit Giorgione

Während seiner Arbeit unter Giovanni Bellini lernte Tizian mehrere aufstrebende Künstler seiner Zeit kennen, darunter auch der bedeutende Giorgione. Um 1509 wurde Tizian Assistent des etwas älteren Giorgione und schuf gemeinsam mit ihm eine Reihe berühmter Gemälde. Ihre Beziehung war allerdings oft von Rivalität gekennzeichnet.

Wie Tizian hat auch Giorgione durch die Brüder Bellini ein ausgezeichnetes handwerkliches Niveau erlernt und sich darauf spezialisiert, die Farben schichtweise aufzutragen, um den Effekt des Sfumato zu erzielen, bei dem Farben und Töne verschwommen ineinander übergehen. Trotzdem wurde Tizian in der damaligen Einschätzung immer wieder als der bessere Künstler bezeichnet.

Noch heute werden viele der gemeinsam geschaffenen Bilder sowohl Tizian als auch Giorgione nicht eindeutig zugeordnet, da die Kunsthistoriker sich der Verschiedenheit ihrer künstlerischen Handschriften nicht sicher sind. 

Giorgione oder Tizian, Fiesta campestre, ca. 1510

Giorgione oder Tizian, Fiesta campestre, ca. 1510

Nach dem Tod von Giorgione 1510 und Giovanni Bellini 1516 war Tizian der führende Vertreter des venezianischen Stils. Langsam begann Tizian, die Stile seiner Lehrer hinter sich zu lassen und seine eigene künstlerische Vision zu verwirklichen.

Auch Tizians Ruhm und Popularität als Maler wuchs. Unter den hochkarätigen Kunden waren Dogen, Könige, Fürsten,, Päpste, Kardinäle und Künstler.

Spätwerk von Tizian

Auch als Tizian bereits in seinen sechziger Jahren ein etablierter, wohlhabender Künstler war, hörte er nicht auf, seinen Malstil zu entwickeln. Nach historischen Quellen wurde Tizian in seinem Alter sogar noch perfektionistischer und bewahrte seine Gemälde bis zu zehn Jahre lang auf.

Im Spätwerk von Tizian ist vor allem bemerkenswert, dass die Regeln der naturalistischen Malerei, die in der Renaissance als Idealvorstellung galt, ihn nicht mehr so sehr interessierten. In dieser Zeit wurden Tizians Pinselstriche freier und seine Farben und Texturen stimmungsvoller. Gerade diese letzten Werke zeigen immense Auswirkungen auf spätere Kunstrichtungen wie den Barock.

Tizian, Diana und Actaeon, ca. 1556-1559

Tizian, Diana und Actaeon, ca. 1556-1559

Tizian starb als Künstler in hohem Alter am 27. August 1576 an der Pest. Er wurde etwa 86 bis 88 Jahre alt, abhängig von seinem nicht geklärten Geburtsdatum.


Künstlerisches Vermächtnis von Tizian

Tizian inspirierte eine Reihe seiner Zeitgenossen mit seinem Stil des Manierismus, insbesondere diejenigen, die Teil seiner Werkstatt waren. Es wird auch vermutet, dass er El Greco in seinen späteren Jahren beschäftigte, was seinen bekanntermaßen lebhaften Farbgebrauch beeinflusst haben soll.

1590 verglich der Kunsttheoretiker Giovanni Lomazzo Tizian mit der "Sonne inmitten kleiner Sterne nicht nur unter den Italienern, sondern unter allen Malern der Welt". Wahre Meister wie Rubens, Rembrandt und Tintoretto zeigen eine große Verbundenheit mit Tizian in Bezug auf Komposition, Farbe und die Verwendung einer lockeren Pinselführung.

Dieser Einfluss erstreckte sich bis weit ins siebzehnte Jahrhundert, als Marco Boschini 1674 schrieb: "Tizian war wahrlich der vorzüglichste unter den Malern: denn seine Pinsel brachten immer den Ausdruck des Lebens hervor".

Im achtzehnten und neunzehnten Jahrhundert kehrten die Künstler zu Tizian zurück. Sowohl der klassizistische Maler Jean Auguste Dominique Ingres, als auch die französischen Impressionisten wie Manet ließen sich von den späteren, freieren Leinwänden des Künstlers inspirieren.


Bekannte Kunstwerke von Tizian

Die Himmlische Liebe, ca. 1515

Tizian, Himmlische und irdische Liebe, 1514

In einer bukolischen Landschaft stehen zwei Frauen vor einem Wassertrog, die anscheinend vom selben Modell abgeleitet wurden. Das Wasser wird von einem geflügelten Eros (oder einem Putto) umgerührt.

Das Gemälde ist reich an Symbolik und Ikonographie, obwohl es unter den Kritikern keinen Konsens über die Bedeutung des Bildes gibt und sogar der Titel des Gemäldes möglicherweise nicht original ist, da er erst 1693 festgehalten wurde. Die Komposition des Bildes enthält Elemente aus dem Werk von Giorgione, dessen Stil Tizian zu Beginn seiner Karriere maßgeblich beeinflusste. 

Die Frau zur Linken ist in Hochzeitskleidung gekleidet und stellt möglicherweise die körperliche Liebe und Schönheit dar. Im Gegensatz dazu wird der Akt meist als spirituelle, himmlische Liebe verstanden, ein Symbol der Einfachheit und Reinheit. Die Position des Eros, in der Mitte der beiden, kann daher auf den Punkt der Vermittlung zwischen spirituellen und körperlichen Begierden hinweisen.

Mariä Himmelfahrt, 1516-18

Tizian, Mariä Himmelfahrt, 1516 - 1518

Dieses Gemälde stellt die Himmelfahrt der Jungfrau Maria dar. Maria bildet den Mittelpunkt der Komposition auf einer von Putten umgebenen Wolke, wo sie am oberen Bildrand nach oben zu Gott schaut. Unten heben die Apostel die Arme zu Maria und beobachten staunend, wie sich das Wunder über ihnen entfaltet.

Das Werk ist in drei Bereiche unterteilt, die durch ausgestreckte Hände und die Wiederholung von Blicken und Gesten physisch miteinander verbunden sind. Die Jungfrau und zwei der Apostel tragen rote Gewänder, wodurch eine visuelle Spitze entsteht, die den Blick nach oben zieht. Dieser strukturierte Einsatz von Farbe und Komposition (insbesondere die Drittelung) war ein Schlüsselelement vieler Renaissancebilder. 

Es gibt jedoch einen klaren Sinn für Bewegung und Dramatik innerhalb des Werkes. Maria scheint überrascht und die Apostel werden in einem sehr aufgewühlten Zustand gezeigt, der im Gegensatz zu ihrer üblichen heiteren Darstellungsweise stand. Dies wird noch verstärkt durch Tizians Verwendung von Licht und Schatten, um die Apostel als eine Masse von Körpern darzustellen, anstatt ihre Individualität zu betonen. Dies zeigt, dass Tizian die Entwicklungen in der Malerei der Hochrenaissance in Florenz und Rom kennt und diese neuen Ideen in sein Werk einfließen ließ.

Tizian brach auch mit der Tradition, indem er alle Details der Landschaft, in der sich das Bild befindet, ausließ, um sich auf die Ereignisse und Emotionen des Werkes zu konzentrieren, obwohl der Himmel über den Köpfen der Apostel den Eindruck erweckt, dass sich die Kulisse draußen abspielt.

Die Venus von Urbino, 1538

Tizian Venus von Urbino

Dieses Gemälde entstammt einer langen Tradition von Venusdarstellungen und scheint auf Giorgiones Schlummernde Venus (1510) zu basieren, obwohl Tizians Interpretation der Göttin viel erotischer ist. Diese Sinnlichkeit wird durch die Unmittelbarkeit des Blicks der Nackten, ihr schwaches Lächeln und ihr Bewusstsein der Anwesenheit des Betrachters verstärkt.

Während Giorgiones Akt idealisiert und sittsam ist, ist Tizians Akt realistisch und verlockend. Die warmen, hellen Töne ihrer Haut stehen im Kontrast zu dem dunkleren Hintergrund und das Lichtspiel auf ihrem Körper sowie die subtile Verwendung von Hell-Dunkel verleiht dem Akt eine skulpturale Qualität.

Ihre Kurven stehen auch im Kontrast zur Gleichmäßigkeit der architektonischen Elemente wie dem gefliesten Boden, der klassischen Säule und dem grünen Behang, der die Szene halbiert und das fruchtbare Mittelstück der Figur hervorhebt. 

Dieses Bild gilt als eines der berühmtesten und vollendetsten Beispiele des Genres und im Laufe der Jahrhunderte hat die Leinwand zahlreiche andere Werke inspiriert, die sich an diesem Bild orientieren. Dazu gehören Valazquez' Venus von Rokeby (1647-51), Goyas Nackte Maja (um 1797) und die Große Odaliske (1814) von Ingres.

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