Kunst

Tracey Emin – Biografie, Lebenslauf und bekannte Werke

Tracey Emin BiografieFoto: Piers Allardyce / Wikipedia / CC BY 2.0

Tracey Emin ist am bekanntesten für ihre zutiefst persönlichen Kunstwerke. Traumatische Ereignisse wie verschwiegene Vergewaltigungen, öffentliche Demütigungen, Sexismus,  Abtreibungen und Alkoholismus waren Themen ihrer Werke.

Die künstlerische Qualität von Emin ist oft umstritten, angefangen bei der Kritik ihres expressionistischen Stils bis hin zur Frage nach ihrer Darstellung des Frauenbildes. Es ist jedoch gerade dieser Zerfall einer gesonderten  Identität der Künstlerin von ihrem Werk, der zum Nachdenken anregt.

Kernideen von und zu Emin

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    Ihr Werk wird oft als ihr eigener Beichtstuhl bezeichnet, da sie ihre eigene Lebensgeschichte als Thema für ihre Kunstwerke verwendet. In Selbstporträts und Performances hat sie ihren eigenen Körper als Medium benutzt.
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    Der Ruhm, den Emin erlangte, beruhte zu großen Teilen auf einem Medienrummel und weniger auf einer kritischen Auseinandersetzung mit ihren Werken, wobei ihre Persönlichkeit häufig die gesellschaftlichen Normen des damaligen Großbritannien herausforderte. Die gesellschaftliche Reaktion ist Teil ihres Werks.
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    Obwohl sie jede Auffassung ablehnt, dass ihre Arbeit einem feministischen Gesamtinteresse dient, lässt ihr Mut, durch ihr Kunstwerk verletzlich und ehrlich zu sein, die Grenze zwischen Leben und Kunst verschwinden. Sie hat ihre Aufmerksamkeit auf die Diskrepanzen zwischen der Befähigung von Männern und Frauen gelenkt und sich kritisch in der Öffentlichkeit mit Themen wie Alkoholismus und Sex auseinandergesetzt.

Biografie von Tracey Emin

Kindheit

Tracey Emin wurde am 3. Juli 1963 in Croydon im Süden von London geboren. Sie wuchs in Margate an der Küste von Kent mit ihrem Zwillingsbruder Paul auf. Dort lebten sie mit ihrer Mutter in einem Hotel am Meer, von dem sie behauptet, sie sei dort wie eine Prinzessin behandelt worden.

Ihr türkischstämmiger Vater lebte die Hälfte der Woche bei ihnen und verbrachte die andere Hälfte mit seiner Frau und anderen Kindern. Nach einigen Jahren verließ Emins Vater die Familie und zog mit seinem Vermögen davon, so dass Emins alleinerziehende Mutter ganz auf sich alleine gestellt wurde.

Die Familie war dann gezwungen, in Armut zu leben. Emin erinnerte sich später daran, dass sie zwei Schaltgeräte hatten, eines für Gas und eines für Strom, doch konnten sie es sich nie leisten, beide gleichzeitig einzuschalten.

Im Alter von 13 Jahren wurde Emin nach eigenen Aussagen vergewaltigt. Ein Vorfall, von dem sie später behauptete, es sei "vielen Mädchen passiert".

Künstlerische Ausbildung und Frühwerk

Emin verließ Margate, um zwischen 1980 und 1982 Mode am Medway College of Design zu studieren. Dort lernte sie Billy Childish kennen, der bis zu seinem Ausschluss ebenfalls am College studierte. Ihre Beziehung zu dem farbenfrohen Schriftsteller, ihre Arbeit an Childishs kleiner Druckerpresse und ihr Studium der Druckgrafik am Maidstone Art College sind alles, was Emin als wichtige künstlerische Erfahrungen in ihrer Entwicklung als Künstlerin betrachtet.

1985 endete Emins Beziehung zu Childish und sie zog nach London. Sie studierte Malerei am Royal College of Art und erhielt ihren Master of Arts im Jahr 1989. Nachdem sie die Universität verlassen hatte, durchlief sie eine emotional traumatische Phase, in der sie zwei Abtreibungen durchmachte, was sie dazu veranlasste, alle Werke, die sie in ihrer Zeit am Royal College geschaffen hatte, zu zerstören.

Nach ihrem Umzug nach London freundete sich Emin mit vielen anderen Künstlern an, die später als Young British Artists bekannt werden sollten, darunter Sarah Lucas und Damien Hirst. Die Gruppe begann 1988, gemeinsam auszustellen, obwohl Emin erst in den frühen 1990er Jahren künstlerisch mit ihnen zusammenarbeitete.

Der Galerist Charles Saatchi war von Beginn ihrer künstlerischen Laufbahn an ein Förderer und Sammler der Künstler und es wird ihm oft zugeschrieben, sie entdeckt zu haben. Der Name der Gruppe geht auf den Titel einer Ausstellung in Saatchis Galerie im März 1992 mit dem Titel Young British Artists I zurück, aber es war der Künstler und Schriftsteller Michael Corris, der im Mai 1992 in einem Artikel des ArtForum auf die Künstlergruppe mit diesem Titel verwies.

1993 eröffnete Emin zusammen mit Sarah Lucas einen Laden namens "The Shop" in Bethnal Green, im East End von London. Sie verkauften Werke beider Künstler, darunter sämtliche Arbeiten, von T-Shirts über Aschenbecher bis hin zu Sexspielzeug aus Pappmaché und Kleidern. Damit verliehen sie ihren künstlerischen Aktivitäten einen bis dahin wenig verbreiteten Kommerz, der zu einem bestimmenden Merkmal der Young British Art werden sollte.

Im selben Jahr hatte Emin ihre erste Einzelausstellung in der Londoner White Cube Gallery. Unter dem Titel My Major Retrospective stellte Emin eine Sammlung persönlicher Gegenstände und Fotografien zusammen und schuf eine Ausstellung mit stark autobiografisch geprägter Ausrichtung. Dieses Element der Autobiografie ist eines der Kernmerkmale in der Kunst von Tracey Emin.

Mitte der 1990er Jahre begann Emin eine Beziehung mit dem Kurator Carl Freedman. Freedman war mit Damien Hirst befreundet und hatte mit ihm an einigen seiner wichtigen frühen Ausstellungen gearbeitet, die die YBAs der Öffentlichkeit bekannt machten. 

1994 reiste das Paar gemeinsam in die USA, wo Emin ihren Lebensunterhalt mit Vorträgen finanzierte. Sie verbrachten auch gemeinsam Zeit in Whitstable an der Küste von Kent, oft in einer Strandhütte, die Emin zusammen mit ihrer Freundin Sarah Lucas gekauft hatte. 1999 verwandelte sie diese Hütte in ein Kunstwerk, indem sie das Bauwerk vom Strandufer in die Saatchi-Galerie brachte, das Werk "The Last Thing I Said to You is Don't Leave Me Here" (1999) nannte und begleitende Fotografien daneben platzierte.

1995 kuratierte Freedman eine Ausstellung mit dem Titel"Minky Manky​​​​, für die er Emin ermutigte, die Kunstwerke zu vergrößern und weniger flüchtig zu konzipieren. Das Ergebnis war ihr bekanntes Werk Everyone I Have Ever Slept With 1963-1995 (1995), das ein Zelt war, in das die Namen der Personen eingestickt waren, mit denen sie ein Bett geteilt hatte, sexuell oder auf sonstige Weise.

Diese künstlerische Gestaltung durch Worte zieht sich wie ein roter Faden durch ihr gesamtes Werk. Emin verwendet ihre eigene Handschrift, wie man an ihren Neonbotschaften, gestickten Wörtern und von Hand zurechtgeschnittenen Buchstaben erkennen kann. Rechtschreib- und Grammatikfehler sind in ihren Kunstwerken vorhanden, als ob sie ihrer Authentizität bewusst Fehler hinzufügen wollte.

Emin wurde zum ersten Mal der breiteren britischen Öffentlichkeit bekannt, als sie 1997 in einer Fernsehsendung über den Turner-Preis auftrat, wo sie streitlustig und betrunken war und live im Fernsehen vor einer Gruppe von Fachleuten fluchte.

Zwei Jahre nach ihrem betrunkenen Fernsehauftritt wurde Emin für ihr umstrittenes Werk My Bed (1998) selbst für den Turner Prize nominiert, doch verlor sie in der Enscheidung den Preis in jenem Jahr an Steve McQueen. Die begleitende Berichterstattung der britischen Presse betitelte sie als "böses Mädchen der britischen Kunst".

Zu dieser Zeit äußerten viele Zeitschriften ihre Meinung zu in ihren Kunstwerken. Selbst englische Boulevardzeitungen beteiligten sich an der Debatte und gaben ihren Kommentar zu Emin ab. Obwohl sie nie den Turner-Preis gewann, war dieser mediale Wirbel der Katalysator für ihren Ruhm.

tracey Emin

In dieser Zeit entwickelte sie einen spezifischeren Stil. Ihre Entscheidung, Handarbeiten und Aufnähtechniken zu verwenden, stellt ihre Arbeit in eine Linie des feministischen Diskurses innerhalb der modernen und zeitgenössischen Kunst.

Diese Techniken galten als häusliches Kunsthandwerk und wurden in der Regel in der Kunsthierarchie als niedrig eingestuft und als Teil einer weiblichen Tradition betrachtet. Ein Konzept, gegen das die feministische Kunst mit großem Erfolg angekämpft hat.

Emins Einfluss auf den Stuckismus

Während sie noch dabei war, ihre eigene künstlerische Arbeitsweise zu verfeinern, prägte sie die reaktionäre Bewegung der Stuckisten, die eher die gegenständliche Malerei zu fördern suchten als die Konzeptkunst, auf die sich Emin zu dieser Zeit konzentrierte.

Die Bewegung wurde 1999 von Emins Ex-Freund Billy Childish ins Leben gerufen. Der Name bezieht sich auf einen Ausspruch von Min, die Childish sagte, dass seine Werke festgefahren (Englisch: Stuck) seien.

In den Jahren nach der Trennung von Childish, nachdem sie bekannt geworden war, äußerte er sich sehr lautstark über die Kunst von Emin. Er wandte sich gegen die Kunst als Industrie und Anlageobjekt. Er stemmte sich mit Aussagen wie "Kulturelle Dinge zu nehmen und sie in bloßen Kommerz zu verwandeln, ist sehr gefährlich. Der Profifußball hat den Fußball ruiniert, und die professionelle Kunst hat die Kunst ruiniert!", gegen ihre Kunst.

Weiter sagte er "Die größte Ironie besteht darin, dass sie (gemeint sind die YBA) nun selbst zu diesem anmaßenden Kunstestablishment gehören und trotzdem immer noch die Idee vertreten, dass sie etwas untergraben."

Childishs eigene Stuckismus-Bewegung lehnte die Konzeptkunst ab und versuchte, die Arbeit figurativer Maler zu fördern. Die Stuckisten sind immer noch recht aktiv und berühmt dafür, dass sie jedes Jahr gegen den Turner-Preis protestieren, um ihre anhaltende Abneigung zu zeigen.

Stuckisten bei ihren Demonstrationen des Turner Prize, samt Tracey Emin Schablone, 2001 | Foto: Wikipedia / CC BY-SA 3.0

Stuckisten bei ihren Demonstrationen des Turner Prize, samt Tracey Emin Schablone, 2001 | Foto: Wikipedia / CC BY-SA 3.0

Der Stuckismus ist eine Aktion gegen Künstlerinnen und Künstler wie Tracey Emin, und doch ist ihre künstlerische Präsenz die Grundlage für ihre Grundsätze, denn ohne Emin würde ihre Bewegung nicht existieren.

Sie inspirierte die Bewegung nicht nur durch ihre Kritik am Werk von Childish, sondern auch durch ihre Kunstwerke und die öffentliche Anerkennung ihrer Arbeit. Sie mögen in Opposition zu ihr stehen, benötigen aber ihren künstlerischen Ruhm, um ihre Situation fortzusetzen.

Mittleres Werk und gegenwärtige Arbeiten

Emins persönliches Leben und öffentliche Auftritte sind seit Ende der 1990er Jahre weniger sensationell geworden.

Ihre Arbeiten befinden sich in einer Vielzahl wichtiger Sammlungen, und viele bekannte Persönlichkeiten sind zu Sammlern ihrer Kunst geworden, darunter Elton John und George Michael. Sie hat sich auch mit vielen namhaften Persönlichkeiten aus der Musik- und Modewelt angefreundet, darunter Vivian Westwood, Kate Moss und Madonna.

Im Jahr 2007 wurde Emin zur Royal Academician an der Londoner Royal Academy of the Arts ernannt, was ihren Aufstieg in die oberen Ränge der britischen Kunstwelt und ihre Akzeptanz durch das Establishment unterstreicht. Später wurde sie auch zur Professorin für Zeichnung an derselben Einrichtung ernannt

Für die 52. Biennale Venedig 2007 war Emin die zweite britische Künstlerin, die für die Vertretung des britischen Pavillons nominiert wurde. Sie stellte eine Arbeit mit dem Titel Borrowed Light aus, in der viele ihrer frühen Zeichnungen neben ihren jüngeren Werken zu sehen waren. Die Ausstellung erhielt gemischte Bewertungen.


Der Einfluss von Tracey Emin

Die Arbeit von Emin als Teil der Young British Artists verankerte ihre Position, die die Entwicklung der Kunst in Großbritannien in den kommenden Jahren beeinflussen sollte.

In ähnlicher Weise hat sie auch eine internationale Bedeutung inne, denn ihre Arbeit setzt sich durch ihre Beziehung zu menschlichem Verhalten und der Geschlechtlichkeit auseinander. Ihr bahnbrechendes Werk My Bed trug dazu bei, neu zu definieren, was eine emanzipierte Frau sein kann. Insbesondere Emin beeinflusste mit ihrem Werk eine Generation von Künstlerinnen, die sich in einem selbstbewussten Ton mit Weiblichkeit und Feminismus auseinandersetzen. 

Ihre Arbeit kann als Teil des Ethos des Feminismus der dritten Welle verstanden werden: Die Ansicht, dass eine Frau ihre Sexualität nach ihren eigenen Vorstellungen definieren kann. Der Mangel an Symbologie in Emins Arbeit zwingt das Publikum dazu, sich auf die wirklichen und oft tabuisierten Aspekte der Weiblichkeit zu konzentrieren, wie mit Themen der Menstruation, Abtreibung und die damit verbundene Scham.

Sie hat sich ihren eigenen Platz in der Kunstwelt geschaffen und schafft weiterhin Kunstwerke mit ihrer unverkennbaren starken, aber dennoch verletzlichen Eigenheit.