Gemälde

Erfahre, wieso van Goghs Maulbeerbaum eines seiner übersehenen Meisterwerke ist

Vincent van Gogh, Maulbeerbaum, 1889Vincent van Gogh, Maulbeerbaum | Andere Lichtverhältnisse

Van Gogh malte den Maulbeerbaum im Oktober 1889, als er sich im Sanatorium Saint-Paul-de-Mausole in Saint-Rémy-en-Provence aufhielt.  

Am 8. Mai 1889 kam er in die Anstalt, um sich von einer Reihe von geistigen Zusammenbrüchen zu erholen, darunter der berüchtigte Zwischenfall mit seinem Ohr. Seine Zeit in der Anstalt war eine Zuflucht vor den gesellschaftlichen Sitten und Erwartungen des Alltagslebens.

Obwohl es für ihn eine Zeit war, in der er seine Kräfte sammeln und seine geistige Gesundheit wiederherstellen konnte, machte sich van Gogh so schnell wie möglich daran, wieder zu malen.

Zunächst durfte Van Gogh das Gelände der Anstalt nicht verlassen, bis er schließlich die Erlaubnis erhielt, die umliegende Landschaft zu malen, solange ein Pfleger ihn begleitete.  Aufgrund der abgeschiedenen Lage von Saint-Paul verfügte Van Gogh nur über eine begrenzte Anzahl von Motiven, die er für Porträts einsetzen konnte. Er interagierte nicht viel mit anderen Patienten, so dass er sich auf Landschaften konzentrierte.

Bildbeschreibung von van Goghs Maulbeerbaum

Vincent van Gogh, Maulbeerbaum, 1889

Vincent van Gogh, Maulbeerbaum, 1889

Der Maulbeerbaum ist ein Ölgemälde auf einer 65 x 54 cm großen Leinwand. Derzeit befindet es sich im Norton-Simon-Museum in Pasadena, Kalifornien.  

Van Gogh beschrieb das Motiv als "...einen Maulbeerbaum, ganz gelb auf steinigem Grund, der sich vom Blau des Himmels abhebt" (Brief 808; übersetzt nach englischer Vorlage "I have a few studies, among others a mulberry tree, all yellow on stony ground standing out against the blue of the [...])

Das ist eine brauchbare Zusammenfassung, auch wenn ihr die Lebendigkeit fehlt, die das Gemälde ausstrahlt.

Er versäumt es, die kleinen Details zu erwähnen, die dazu dienen, den Betrachter in den Bann zu ziehen: der orangefarbene Busch im Hintergrund, der Schattenwurf anderer Bäume und Felsen auf der Leinwand, das Abfallen des Bodens kurz vor dem Maulbeerbaum. In seiner Beschreibung lässt er die Farbe des Gemäldes gänzlich außen vor.

Die chaotischen Wirbel der Pinselstriche, die die Baumzweige bilden, sind die Grundlage der Faszination an diesem Gemälde. Die Pinselstriche spiegeln wahrscheinlich Van Goghs innere Probleme wider, wie sie das so oft in seinen Werken aus dieser schwierigen Zeit taten.

Einige Monate zuvor hatte er einen Rückschlag in seiner geistigen Gesundheit erlitten und kämpfte darum, einen Sinn darin zu finden. In einem Brief an seine Schwester Wilhemina schrieb er: "Wie schwierig es ist, sein gewöhnliches Leben wieder aufzunehmen, ohne durch die Gewissheit des Unglücklichseins absolut zu demoralisiert zu sein" (Brief 812; übersetzt nach englischer Vorlage: "But how difficult it is, how difficult it is to resume one’s ordinary life without being absolutely too demoralized by the certainty of unhappiness."). 

Die ungleiche Farbgebung des blauen Himmels signalisiert auch seine schlechte psychische Gesundheit.

Vincent van Gogh, Maulbeerenbaum, 1889

Vincent van Gogh, Maulbeerbaum | Andere Lichtverhältnisse

Die Dramatik im Kontrast der hellen Gelb- und Grautöne der Steine und des grünen Orange-Gelbs des Baumes gegen den dunkelblauen Himmel lässt den Betrachter in den kräftigen Pinselstrichen versinken.

Das tiefe Blau ist Teil der Farbveränderung, die er nach seinem helleren, impressionistischen Farbschema vollzog. Diesen Blauton verwendete van Gogh auch häufig in seinen Szenen bei Nacht und bei Sturm.

Vielleicht sah er einen sich anbahnenden Sturm und wollte ihn mithilfe seiner Bildsprache einbeziehen. Eine andere Interpretation basiert auf der herbstlichen Stimmung der Szene, in der der Maulbeerbaum den Herbst und der Nachthimmel den Winter symbolisiert. Noch strotzt van Goghs Maulbeerbaum nur so vor Leben. Die gelben, orangefarbenen und grünen Blätter wirbeln an den Zweigen entlang. Noch trotzt der Baum der hereinbrechenden Dunkelheit der Nacht und des Winters.

Van Goghs Maulbeerbaum im Kontext der Zeit

Die Zeit, die Vincent van Gogh in Saint-Rémy verbrachte, trug wesentlich dazu bei, seinen eigenen Kunststil zu etablieren. Er begann mit dem, was er aus seiner Zeit in Paris und mit Gauguin gelernt hatte, und verfeinerte es zu einer unverwechselbaren Farbauswahl und einem einzigartigen Kunststil.

Weitere Werke aus dieser Zeit: