Kunst

Van Gogh – An der Schwelle zur Ewigkeit von Julian Schnabel | Lob & Kritik

Filmausschnitt - Willem Dafoe in der Hauptrolle

Van Gogh – An der Schwelle zur Ewigkeit kam am 18. April in die deutschen Kinos. Der New Yorker Künstler und Filmemacher Julian Schnabel hatte sich nie vorgenommen, einen Dokumentarfilm über Vincent van Gogh zu drehen, obwohl viele Zuschauer durchaus davon ausgehen dürften, dass die Geschichte den wahren Begebenheiten folgt.

Stattdessen hat Schnabel eine zweistündige gedankliche Reise durch die letzten zweieinhalb Jahre des Lebens des Niederländers erzählt.

Die ruckartigen Handkamerabilder, die stimmungsvolle Musik, die wunderschönen Landschaften der Provence und das wirklich herausragende Schauspiel von Willem Dafoe schaffen einen atmosphärischen Film, der durchaus sehenswert ist.

Inhaltliche Zusammenfassung

Die Geschichte baut sich langsam bis zum unvermeidlichen Ende auf, an dem die Kreativität des Künstlers zu einem abrupten Ende gebracht wird - mehr dazu später.

Schnabels Film beginnt mit einem schicksalhaften Treffen in einer Pariser Straße, bei dem Paul Gauguin Van Gogh riet, nach Süden zu gehen. Danach findet schnell ein Szenenwechsel nach Arles statt, wo Van Gogh in einem gelben Haus lebt und später von Gauguin aufgesucht wird. Die Verstümmelung des Ohres findet abseits der Leinwand statt, indem Van Gogh die Geschichte einem Priester in der Nervenheilanstalt Saint-Paul-de-Mausole erzählt.

Am Ende des Films liegt Van Goghs Körper umgeben von seinen letzten Gemälden, wobei die Trauernden ein verdutztes Interesse an den Bildern und nicht an ihrem verstorbenen Freund zeigen.

Kritik am Film

Schnabel hat die Fakten der Lebensgeschichte von Van Gogh als Rahmen für den Film genommen und sie ausgeschmückt, um seine Sichtweise auf das Leben des Künstlers darzustellen. Das ist durchaus vertretbar, da es sich noch immer um ein künstlerisches Werk und keine typische Biografie des Künstlers handelt.

Ein wenig schade ist allerdings, dass Schnabel zwei jüngere Theorien über den Künstler in den Film aufgenommen hat, die faktisch falsch sind.

Zwei Aspekte, die in Van Gogh – An der Schwelle zur Ewigkeit kritisiert werden können (Spoiler-Alarm)

1. Die erste These wird in der 2011 veröffentlichten Biographie "Van Gogh: Sein Leben" von Steven Naifeh und Gregory White Smith vorgestellt. Ihre brisante Theorie besagt, dass der Künstler von einem einheimischen Jungen namens René Secrétan getötet wurde, anstatt Selbstmord zu begehen.

In An der Schwelle zur Ewigkeit nähern sich zwei bewaffnete Jungen Van Gogh, während er malt. Der Künstler wird in einem Kampf  unter unklaren Gegebenheiten erschossen. Es gibt jedoch überwältigende Fakten, die darauf hindeuten, dass es Van Gogh selbst war, der den Abzug gedrückt und sich durch den Schuss in die Brust tödlich verwundet hat. Davon waren sein Bruder, sein Arzt und seine Freunde schon damals überzeugt, in einer Zeit, in der Selbstmord als Sünde angesehen wurde.

Dafoe hat daraufhin in einem Interview in der Tageszeitung von Arles gesagt, dass es nicht wichtig sei zu wissen, was oder wer wirklich den Tod von Van Gogh verursacht habe. Ob er sich selbst erschossen habe oder ob er erschossen wurde sei nicht wichtig. Auch wenn es sich um eine kreative Interpretation von van Goghs Leben handelt, so hätte Schnabel durchaus diesen wichtigen Aspekt seiner persönlichen Geschichte berücksichtigen können.

2. Die andere Unklarheit in Van Gogh – An der Schwelle zur Ewigkeit ist die Annahme eines Skizzenbuchs, das angeblich Dutzende von van Goghs Zeichnungen und Skizzen enthielt. Diese wurden in Bogomila Welsh-Ovcharovs Buch "Das Skizzenbuch aus Arles" der breiten Öffentlichkeit bekannt, waren allerdings schon einige Jahre vorher diskutabel. Im Film findet sich im Abspann ein Hinweis auf das Skizzenbuch, das angeblich 126 Jahre nach van Goghs Tod gefunden wurde.

Schnabel sagte der The Times, dass es irrelevant sei, ob die Zeichnungen echt seien oder nicht. Er habe sie gesehen und fand sie verdammt gut. 

Dies ist nicht minder als eine Überraschung für einen Kunstschaffenden wie Schnabel, da die Skizzen unzureichend gezeichnete, wenig aussagekräftige Arbeiten sind. Das Skizzenbuch von Arles ist nicht authentisch, wie das Van Gogh Museum in Amsterdam nach einer gründlichen Untersuchung feststellte. Ein wesentlicher Grund für die Überzeugung des Museums ist die Tatsache, dass die Strichführung eindeutig auf die Hand eines Rechtshänders hinweist. Van Gogh war allerdings Linkshänder.

Van Gogh – An der Schwelle zur Ewigkeit: Unser Fazit

Man hofft, dass Schnabels Film nicht noch mehr zu den Mythen und Unwahrheiten um van Gogh beiträgt. Der Film Van Gogh – An der Schwelle zur Ewigkeit sollte eher als Erforschung des Kreativprozesses der Malerei betrachtet werden, aber weniger als detailgetreue Geschichte von van Goghs Leben.

"An der Schwelle zur Ewigkeit" ist der Titel eines von Van Goghs Gemälden, die in der Anstalt entstanden sind. Das Gemälde zeigt einen älteren Mann mit seinem Kopf verzweifelt in den Händen liegend. 

Vincent van Gogh, An der Schwelle zur Ewigkeit, 1890

Vincent van Gogh, An der Schwelle zur Ewigkeit, 1890

Das Gemälde kann als Selbstporträt verstanden werden, da es sich um eine Haltung handelt, die Van Gogh in seinen schwierigsten Zeiten gelegentlich einnahm. Der Titel des Films erinnert treffend an das Leid von Van Gogh und die Tatsache, dass er erst nach seinem Ableben zu Ruhm gekommen ist.

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