Gemälde

Interpretation des wohl umstrittensten Motivs von Caravaggio: Amor Vincit Omnia

Caravaggio, Amor als Sieger, 1602/03Caravaggio, Amor als Sieger, 1602/03

Der in Mailand geborene Michelangelo Merisi war ein Lehrling von Simone Peterzano, einem ehemaligen Schüler von Rubens, bevor er sich in Caravaggio in der Nähe von Bergamo niederließ und dort arbeitete (daher auch sein Name Michelangelo Merisi da Caravaggio, später nur noch Caravaggio).

Um 1592 zog er nach Rom, wo sein frühes Genrebild Die Falschspieler die Aufmerksamkeit von Kardinal Francesco Maria Del Monte auf sich zog, der zu dieser Zeit einer der führenden Kunstkenner Roms war und später der wichtigste Mäzen des Künstlers wurde.

Caravaggio malte eine Reihe intimer, kleinformatiger Werke für Del Monte und sein Umfeld wie Der Lautenspieler und Narziss. Diese Porträts und Stillleben im kleineren Format wichen bald der biblischen Kunst in größerem Maßstab, wie Die Berufung des Heiligen Matthäus und Das Martyrium des Heiligen Matthäus zeigen. 

Es waren diese großformatigen religiösen Gemälde, die Caravaggio als einen der bedeutendsten Historienmaler Roms etablierten und es ihm ermöglichten, seine Bemühungen auf für die Öffentlichkeit zugängliche religiöse Kunst zu konzentrieren, anstatt auf private Gemälde. 

Eine seltene Ausnahme bildete Amor Vincit Omnia (auch: Amor als Sieger), das er zwischen 1602 und 1603 vollendete. Das Gemälde gehört heute zur Sammlung der Staatlichen Museen zu Berlin und wird in der Gemäldegalerie Berlin ausgestellt.

Amor Vincit Omnia

Caravaggio, Amor als Sieger, 1602/03

Caravaggio, Amor als Sieger, 1602/03

Allegorie und Mythologie scheinen das Motiv oft vom Betrachter zu distanzieren. Ein Amor der Renaissance wude meist plump und schelmisch dargestellt, und selbst wenn man keine Schwierigkeiten hat, ihn mit seinen Flügeln und Waffen als den Gott der Liebe zu identifizieren, ist es schwer vorstellbar, dass er seinen körperlichen Begierden nachkommt.

Im Gegensatz dazu verfliegt im Motiv des Unruhestifters Caravaggio jede Zurückhaltung.

Amor Vincit Omnia entstammt der Zeit von Caravaggios zweitem Aufenthalt in Rom und wurde von dem italienischen Bankier und Kunstsammler Marchese Vincenzo Giustiniani in Auftrag gegeben.

Im Gegensatz zu den anderen kleinformatigen Amor-Darstellungen des Künstlers misst dieses Werk 1,56 m x 1,13 m.

Das Gemälde hing er hinter einem Vorhang, den Vincenzo zur Seite zog, um ausgewählte Gäste seines Hauses zu beeindrucken.

Das Modell in Amor als Sieger

Das Modell für den nackten Amor, dessen Körperteile unterschiedlichen Alters zu entsprechen scheinen, war wahrscheinlich ein Junge namens Cecco, der auch als Diener und Schüler des Malers fungierte. Manche Kunsthistoriker gehen auch davon aus, dass Cecco ein Liebhaber von Caravaggio war. 

Weiter wird vielfach angenommen, dass es sich bei Cecco del Caravaggio um den Künstler Francesco Boneri handelte. Wenig ist über ihn bekannt, außer dass er selbst als Künstler um 1610-1625 in Rom aktiv war und  sich dabei maßgeblich am Stil seines Lehrers orientierte.

Das auffälligste Merkmal von Amor Vincit Omnia ist die offensichtliche Freude des jungen Modells, für das Gemälde zu posieren. In gewisser Weise kann das Bild daher eher als Porträt von Cecco verstanden werden, als eine Darstellung eines römischen Gottes. Der Maler Orazio Gentileschi lieh Caravaggio die Flügel als Requisiten für den Jungen, was eine recht genaue Datierung auf 1602-3 ermöglicht.

Der Maler hat jedoch, sicherlich mit Blick auf die damaligen harten Strafen für Homosexualität, in einem seiner vielen Gerichtsprozesse die Beziehung zu seinem Schüle rentschieden zurückgewiesen. 

Interpretation des Motivs

Dieser körperliche, schadenfrohe Jüngling stellt die "irdische" Liebe dar, die über die Qualitäten des menschlichen Strebens und der Vernunft siegt.

 

Das Gemälde illustriert eine bekannte Zeile aus Virgils Eklogen perfekt: "Omnia vincit Amor et nos cedamus amori" (dt.: Die Liebe besiegt alles, laßt uns auch nachgeben der Liebe").

Der Globus des Astronomen, der Federkiel des Schriftstellers, die Krone des Herrschers, die Messinstrumente des Architekten und der Lorbeerkranz eines antiken Helden (oder Dichters) sind nutzlos oder wehrlos, wenn die Liebe lockt. Auch die weggeworfene Rüstung bietet keine Verteidigung.

Vor dem dunklen Hintergrund entsteht ein starker Kontrast zu dem sich windenden Körpers des Amors: Ein Beispiel für Caravaggios Tenebrismus, der unsere Aufmerksamkeit auf den Körper des Amors lenkt.

Die Anzüglichkeit des Motivs als moderne Wirkung  

Michelangelo Siegesstatue, Palazzo Vecchio Florenz

Michelangelo Siegesstatue, Palazzo Vecchio Florenz

Die Positionierung des Jungen, der sein linkes Bein über eine drapierte Tischkante streckt, so dass seine Genitalien fast in die Bildmitte gerückt sind, hat für viele Betrachter eine nicht unterschwellige homoerotische Wirkung.

Es besteht eine unbestreitbare Ähnlichkeit mit der Pose von Michelangelos Siegesstatue, die sich heute im Palazzo Vecchio in Florenz befindet. Viele Quellen nennen die Statue von Michelangelo als Inspiration bei der Gestaltung von Caravaggios Amor als Sieger.

Das Bildmotiv war für die damalige Zeit allerdings nicht unüblich. Der homoerotische Bezug war damals vielleicht nicht so offensichtlich, wie er es heute ist. 

Nackte Jungen konnte man an jedem Fluss- oder Meeresufer sehen, und die Erotisierung von Minderjährigen ist eher ein kulturelles Produkt der Gegenwart als eine versteckte Botschaft mit Hintergedanken seitens Caravaggio.

Kritik an Amor Vincit Omnia im 21. Jahrhundert

Die durch die Edathy-Affäre angestoßene Auseinandersetzung über den Umgang mit Kinderpornografie und der damit einhergehenden Forderung nach der Verschärfung der Gesetzeslage löste massive Kritik an der Darstellung des knabenhaften Amors aus. 

In einem offenen Brief an die Berliner Gemäldegalerie wurde gefordert, dem Gemälde seine prominente Position im Museum zu entziehen.

Der damalige Museumsdirektor Prof. Bernd Lindemann berief sich auf die Freiheit der künstlerischen Darstellung und wies die laut gewordenen Forderungen als absurd zurück.