Malerei

Artemisia Gentileschi – Das Leben und Werk der Barockkünstlerin

Artemisia Gentileschi Selbstporträt

Artemisia Gentileschi nimmt als erfolgreiche weibliche Barockkünstlerin eine einzigartige Stellung in der Kunstgeschichte ein. Doch trotz der Tatsache, dass ihr Können von Kunsthistorikern mit dem eines Caravaggio verglichen wird, steht sie, wie viele bedeutende Malerinnen im Schatten männlicher Kollegen, die eine höhere internationale Anerkennung erhalten.

Um das Gleichgewicht wieder herzustellen, werfen wir einen genaueren Blick auf die italienische Malerin, indem wir acht ihrer wichtigsten Bilder vorstellen.


Biografie von Artemisia Gentileschi

Als Tochter des berühmten toskanischen Malers Orazio Lomi Gentileschi geriet Artemisia schon früh in Kontakt mit der Kunst. Das bedeutet aber nicht, dass ihre Zeit als Künstlerin im 17. Jahrhundert eine leichte war.

Ihre Mutter starb als sie 12 Jahre alt war. Als junge, unverheiratete Frau wäre sie nicht in der Lage gewesen, die Grenzen des Hauses zu verlassen und sie wäre im Gegensatz zu ihren Brüdern nur geringfügig gebildet gewesen. So sorgte die Mitarbeit im Atelier ihres Vaters für einen willkommenen Trost und für Ablenkung von ihrer alltäglichen Routine. Schon nach kurzer Zeit zeigte Artemisia Gentileschi außergewöhnliche künstlerische Fähigkeiten, die ihre Brüdern vermissen ließen.

Bedauerlicherweise wurden ihre Bemühungen als Frau in der Kunstwelt weiterhin auf die Probe gestellt, als sie 1611 von dem Mallehrer vergewaltigt wurde, den ihr Vater zu ihrer Betreuung eingestellt hatte. Während des langwierigen Gerichtsverfahrens in Rom wurde Artemisia schrecklichen Qualen und gynäkologischen Untersuchungen ausgesetzt, um ihre Unschuld festzustellen.

Man könnte vermuten, dass es diese schrecklichen Ereignisse waren, die Artemisia zu der Frau machten, die sie später war. Nach dem Prozess verheiratete ihr Vater sie mit einem florentinischen Maler, woraufhin sie nach Florenz zogen und sie die erste Frau war, die zur Accademia delle Arte del Disegno ging. In der Zeit danach genoss sie eine äußerst erfolgreiche Karriere als Malerin, zu deren namhaften Auftraggebern das Hause Medici und Karl I. gehörte.

Für eine Frau, die so viele Barrieren überwunden hat, ist es keine Überraschung, dass Artemisia diese Erfahrungen in ihrer Kunst darstellen wollte. Sie entschied sich dafür, die Unterdrückung der Frau in der Mythologie und in der Bibel darzustellen und weibliche Hauptfiguren als stark und eigenmächtig darzustellen und eben nicht als Besitzobjekt des Mannes.


Das Vermächtnis der Künstlerin

Das Vermächtnis von Artemisia Gentileschi war lange Zeit umstritten und komplex. Obwohl sie zu Lebzeiten bereits angesehen war und zu Bekanntheit gelangte, wurde sie nach ihrem Tod in den Darstellungen der Kunstgeschichte dieser Zeit fast vollständig ausgelassen. Dies liegt zum Teil daran, dass ihr Stil oft dem ihres Vaters ähnlich war und viele ihrer Werke ihm irrtümlich zugeschrieben wurden.

Artemisias Werk wurde Anfang 1900 wiederentdeckt, was insbesondere auf den Caravaggio-Experten Roberto Longhi zurückgeführt werden kann. Sowohl akademische als auch volkstümliche Berichte über ihr Leben und ihre Malerei wurden jedoch durch übertriebene und übermäßig sexistische Interpretationen getrübt. Grund dafür ist unter anderem ein 1947 von Longhis Ehefrau Anna Banti veröffentlichter Roman über Artemisia.

In den 1970er und 1980er Jahren begannen feministische Kunsthistorikerinnen wie Mary Garrard und Linda Nochlin, das künstlerische Vermächtnis von Artemisia Gentileschi neu zu bewerten. Sie legten eine stärkere Bedeutung auf die bedeutenden künstlerischen Leistungen und ihren Einfluss auf den Verlauf der Kunstgeschichte konzentrierten und nicht so sehr auf ihren Lebenslauf.


Bekannte Kunstwerke von Artemisia Gentileschi

Susanna und die Ältesten, 1610

Susanna und die Ältesten

Das Gemälde "Susanna und die Ältesten" stellte Artemisia fertig, als sie gerade einmal 17 Jahre alt war.

In der biblischen Erzählung sind es zwei ältere, hoch angesehene Richter, die der Schönheit der Susanna nicht widerstehen können. Sie lauern ihr auf, während sie ein Bad nimmt und versuchen sie zum Geschlechtsverkehr zu zwingen. Als Susanna nicht nachgibt und anfängt zu schreien, schreien auch die beiden Richter. Sie lassen Susanna von der Polizei verhaften.

In der anschließenden Anklage geben die Richter an, Susanna habe Ehebruch begangen und sie haben sie dabei überrascht. Sie wurde zum Tode verurteilt.

Der Prophet Daniel hat eine göttliche Eingebung und lässt die beiden Richter unabhängig voneinander befragen, unter welchem Baum sie die Susanna beim Ehebruch erwischt hatten. Die Richter machen widersprüchliche Angaben und werden der Falschaussage überführt. Das Urteil wird umgekehrt, Susanna freigesprochen und beide Richter hingerichtet.

Es liegt nahe, dass Susanna dieses Motiv wählt, weil sie selbst einige Hürden zu überwinden hatte und mit der Figur mitfühlen konnte.

Schon früh zeigte Susanna, dass sie ein hervorragendes Verständnis der Anatomie hatte und bereits im jungen Alter ein Händchen für Kompositionen aufwies.

Judith und Holofernes, 1614-1620

Judith und Holofernes Artemisia Gentileschi

Zweifellos ist Artemisias berühmtestes und grausamstes Gemälde "Judith und Holofernes", das sie 1620 fertigstellte.

Die Darstellung zeigt ein häufiges Motiv in der Kunst der Renaissance, das oft als "Weibermacht" bezeichnet wird, bei dem weibliche Figuren aus der Bibel Männer überwältigten und die Hierarchie umkehren.

Artemisia malte tatsächlich zwei Versionen des Motivs, eine davon heute in Neapel, die andere in Florenz. Hier repräsentiert Artemisia auch die Bedeutung der Zusammengehörigkeit zwischen Frauen, da Judiths Dienstmagd ihr hilft, den assyrischen Feldherrn Holofernes zu töten.

Selbstbildnis als Allegorie der Malerei, 1638 - 1639

Artemisia Gentileschi – Das Leben und Werk der Barockkünstlerin

Das möglicherweise während Artemisias Zeit in England entstandene "Selbstporträt als Allegorie der Malerei" ist eines von nur wenigen ihrer Selbstporträts.

Das Gemälde, das sich ursprünglich in der Sammlung Karls I. befand, wurde nach der Restaurierung 1660 an die britische Royal Collection, also die Kunstsammlung des englischen Königshauses, zurückgegeben und ist dort bis heute zu finden. Artemisia zeigt ihre Geschicklichkeit bei komplizierten Kompositionen und stellt sich mutig als Personifizierung der Malerei dar.

Diese ermächtigende Position war durchaus umstritten, da in ihrer Zeit Frauen in der Kunst üblicherweise ausschließlich passive Rollen als Motive einnahmen.

Esther vor Ahasverus, 1630

Esther vor Ahasverus Artemisia Gentileschi

Hier wird die jüdische Heldin Esther in Gegenwart des persischen Königs Ahasverus ohnmächtig, nachdem sie ihn angefleht hat, ihr Volk vor seinem Dekret zu retten, alle Juden in Persien ermorden zu lassen. Esther riskiert ihr Leben, da man nicht ohne Ladung in der Nähe des Königs sein durfte.

Das Motiv zeigt eine Missachtung des üblichen Protokolls, so wie man es von Artemisia selbst erlebt hat. Die Komposition des Gemäldes wurde mit der Version des venezianischen Malers Veronese verglichen. Artemisia hatte das Werk von Veronese wahrscheinlich während ihres Aufenthalts in Venedig zwischen 1626 und 1630 wahrgenommen.

Artemisia Gentileschi – Das Leben und Werk der Barockkünstlerin

Ursprünglich verfügte das Bild über einen afrikanischen Jungen, der einen Hund zu Füßen des Königs festhielt, ähnlich wie in Veroneses Gemälde. Der schwache Umriss der Figur ist noch sichtbar.

Hinweis: Der Grund, warum Artemisia diese Figurenkonstellation geändert hat, ist unbekannt, aber kompositorisch richtet sie die Aufmerksamkeit des Betrachters durch ihre Abwesenheit auf die beiden Hauptakteure, was deren Interaktion wesentlich intensiver macht.

Jaël und Sisara, 1620

Artemisia Gentileschi – Das Leben und Werk der Barockkünstlerin

In "Jael und Sisara" stellt Artemisia den Moment aus dem Buch der Richter dar, als Jael den besiegten Sisera tötet. Im Gegensatz zur blutigen Szene von Judith, die Holofernes enthauptet, ist dies eine ruhige, kontrollierte und kalkulierte Darstellung der Macht einer Frau über den Mann.