Bleib in Kontakt

Maler

Female Artistry #3: Gwen John

Gwen John, Selbstporträt, 1902Gwen John, Selbstporträt, 1902

Teil 3 der Reihe Female Artistry, in der wir weibliche Künstlerinnen vorstellen, die im deutschsprachigen Raum mehr Aufmerksamkeit verdient haben. Dieses Mal erfährst du mehr über Gwendolen Mary John, kurz Gwen John, die bis zu ihrem Lebensende keine besondere Bekanntheit erreichte.

Die walisische Künstlerin wurde nach ihrem Tod im Jahr 1939 für ihre Porträtmalerei bekannt, die hauptsächlich Frauen darstellt. Heutzutage findet man Werke der Künstlerin in der Londoner Tate Gallery und dem New Yorker Met Museum.

Das Leben der Künstlerin in Kürze

Geboren im beschaulichen Städtchen Haverfordwest, lebte sie hauptsächlich in Frankreich, wo sie trotz einiger Turbulenzen in ihrem Privatleben ein umfangreiches künstlerisches Werk schuf.

Ein unkonventioneller Lebensstil, dramatische Liebesaffären und schließlich die Konvertierung zum Christentum: Einige der Geschichten um Gwen Johns Leben befinden sich sicherlich zwischen Fakt und Fiktion.

Während ihre Lebensgeschichte nichtsdestotrotz faszinierend und aufregend ist, wird ihr Werk von einer Atmosphäre der Harmonie und Gelassenheit durchdrungen. Fast ausschließlich auf Inneneinrichtungen und Frauenporträts konzentriert, fängt Gwen John die Ruhe des dargestellten Moments ein.

Die Darstellungen von Gwen John 

Sie malte bedacht und mit einer reduzierten Farbpalette, um den Dialog zwischen dem Dargestellten und der Künstlerin zu symbolisieren. Ihre Ölmalerei konzentriert sich auf sitzende, oft unbekannte Frauen in Dreiviertelansicht, während sie in ihren Skizzen und Aquarellen eine wesentlich umfangreichere Motivauswahl abbildete. Themen wie Zugreisende, Kirchenbesucher oder ihre Katzen sind nur drei der Motive, die sie gerne in ihren Skizzen darstellte.

Gwen Johns künstlerische Stärke lag nicht in einer besonders ausgefeilten Technik, sondern in ihrer raffinierten Art, Emotionen und Stimmungen einzufangen. "Nude Girl" von 1910 ist zum Beispiel ein Dreiviertelporträt einer jungen, nackten Frau. Sie sitzt auf einem Stuhl, eine Tatsache, die aufgrund der Perspektive fast nicht erkennbar ist. Das Modell schaut dem Betrachter frontal entgegen. Ihr Blick und ihre Haltung sind offen und vertrauensvoll, aber zerbrechlich zugleich.

Gwen John, Nude Girl, 1910

Gwen John, Nude Girl, 1910

Das bewegte Leben der Künstlerin

Geboren und aufgewachsen in Wales, verbrachte Gwendolen Mary John fast ihr ganzes erwachsenes Leben in England und Frankreich. Im Jahr 1895, im Alter von 19 Jahren, folgte sie ihrem Bruder Augustus John an die renommierte Slade School of Art in London. Sie fand eine produktive Umgebung, die sie und ihre künstlerischen Fähigkeiten herausforderte, was für eine Frau um die Jahrhundertwende des 19. Jahrhunderts nicht selbstverständlich war.

Die Geschwister lebten unter einfachsten Bedingungen und wurden im weitesten Sinne für ihren kargen Lebensstil bekannt. Nachdem John und ihre Freundin Dorelia McNeil mehrere Jahre in einem verlassenen Gebäude gehaust hatten, planten sie, nach Rom zu gehen und sich selbst zu finanzieren, indem sie ihre Bilder auf dem Weg dorthin verkauften. Mit dieser Taktik schafften sie es nach Toulouse und zogen bald nach Paris, wo es für junge Frauen einfacher war, ,mit der Malerei ihren Lebensunterhalt zu verdienen.

Gwen John und ihre Beziehung zu Auguste Rodin

Gwen John fand Arbeit als Modell für Auguste Rodin, ein Treffen, das ihr Leben verändern würde. Tief beeindruckt von dem versierten Bildhauer, der fast 40 Jahre älter war als sie, wurde John seine Liebhaberin. Sie war fest an den Künstler gebunden, während Rodin von ihrer Zuneigung schnell überwältigt war und bestrebt war, ihre Beziehung zu beenden.

Über ein Jahrzehnt lang schrieb John täglich Briefe an ihren Liebhaber. Rodins Statue Whistler's Muse zeugt von der Beziehung zu John, die als Modell für dieses Meisterwerk diente.

Whistlers Muse rodin

Auguste Rodin: Whistler's Muse - Foto: Till Niermann / CC BY 3.0

Nach der intensiven Liaison, die 1910 endete, zog John nach Meudon, einem kleinen Örtchen in der Pariser Vorstadt, wo sie bis zum Ende ihres Lebens blieb.

Neues Leben in Meudon

Bald nachdem sie sich eingelebt hatte, traf sie den amerikanischen Anwalt und Kunstsammler John Quinn, der sie sowohl emotional als auch finanziell aufmunterte und antrieb. Diese Unterstützung beeinflusste ihren kreativen Prozess. Gwen John lebte ein ziemlich isoliertes Leben in Meudon, aber ihre Arbeit schien in der ruhigen Umgebung und in ihrer Spiritualität, die sie in der katholischen Kirche fand, aufzublühen.

1913 wurde die Künstlerin von einem örtlichen Frauenkloster beauftragt, ein Porträt ihrer Gründerin, Mère Marie Poussepin, zu malen. Von 1913 bis 1920 arbeitete sie an dem Projekt, wobei ihr ein Gebetsbild und später Nonnen des Klosters als Vorbild dienten. Sechs Versionen des Porträts sind heute bekannt, die alle Mère Poussepin in goldenem Licht erstrahlen lassen. 

Die Porträts spiegeln eine starke, intelligente und warmherzige Frau wider. Mit so wenig Drumherum wie möglich und einer reduzierten Auswahl an Farbtönen erfasst Gwen John die Essenz dessen, was ihrer Meinung nach die französische Ordensschwester repräsentieren sollte.

Würdigung und Bekanntheit nach ihrem Tod

The Convalescent 1918-9 by Gwen John 1876-1939

Gwen John, The Convalescent 1918 - 1919, CC-BY-NC-ND Tate Museum

Mit dem Tod ihres Gönners John Quinn arbeitete die Künstlerin immer weniger. Nach einigen Jahren der Vernachlässigung ihrer selbst verstarb Gwen John 1939 auf einer Reise nach Dieppe. Erst nach ihrem Tod wurde sie einem breiteren Publikum bekannt und wird heute in bedeutenden Sammlungen wie dem Metropolitan Museum of Art und der Tate Gallery präsentiert.

Schreibe einen Kommentar