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KunstMalerei

Die Medici – Selbstlose Gönner oder verzweifelte Sünder?

Fra Angelico, Verkündigung, circa 1450

Die Medici waren eine der reichsten Adelsgeschlechter der Welt und vielleicht die einflussreichsten Kunstmäzene der Geschichte. Aus ihrem großen Reichtum und ihrem Förderkreis im Florenz des Mittelalters ging die Renaissance der Kunst hervor.

Doch wie kam es dazu, dass eine wohlhabende Bankiersfamilie zu mächtigen Herrschern wurde, die mit einem göttlichen Mandat legitimiert waren? 

Hier findest du die Geschichte, wie einige der größten Kunstwerke, die jemals geschaffen wurden, verwendet wurden, um eine Familie reicher Sünder in eine allmächtige Dynastie quasi-heiliger Herrscher zu verwandeln.

Die biblische Sünde des Wuchers

Es beginnt auf den Märkten des mittelalterlichen Florenz in den frühen Jahrzehnten des 14. Jahrhunderts. Die Familie der Medici beginnt ihr traditionelles Bankgeschäft und leiht Händlern mit Zinsen Geld, was in der 1397 gegründeten Medici-Bank seinen Höhepunkt findet. Als ihr Reichtum immer größer wurde, kam es zu einem moralischen Dilemma. Würde man die Taten im Sinne der Bibel bewerten, handelte es sich hierbei um Wucher, also eine Sünde, indem sie einen übermäßigen Zins für die Geldverleihung verlangten. Aus diesem Grund entstand eine bedeutende Barriere zur Legitimität ihrer Macht und zum Eintritt der Medici in den Himmel nach ihrem Tod.

Dantes berühmter siebten Kreis der Hölle war speziell für die schlimmsten und gewalttätigsten Sünder reserviert. Aber warum gab es dort auch einen Platz für "Wucherer", und was könnte an einem solchen Wirtschaftsverbrechen wie Wucher so schlimm sein? Im Mittelalter galt das Eintreiben von hohen Zinsen als Verletzung der Regeln einer gerechten Wirtschaft.

Damals wurde der Begriff des Wucher auch anders definiert, als das heute der Fall ist: Mittelalterliche Theologen glaubten, dass die Erhebung jeglicher Zinsen für ein Darlehen Wucher sei, unabhängig davon, ob sie überhöht oder marktgerecht waren.

Gotteslästerer Gustav Dore

Gustav Dore, Gotteslästerer im siebten Kreis der Hölle, 1890

Dante selbst schrieb in Inferno Canto XI:

"Aber trotzdem geht der Wucherer einen anderen Weg.
Er verachtet die Natur und ihre Anhängerin, die Kunst,
Weil er seine Hoffnung auf etwas anderes setzt."

Der Auftritt von Cosimo de' Medici

Während die Medici-Bank von Giovanni di Bicci an vorderster Front gebracht wurde, war es sein Sohn Cosimo de' Medici, der diese Finanzmacht in eine politische Dynastie verwandelte und gleichzeitig selbst zum größten Förderer von Bildung, Kunst und Architektur avancierte. Im Bereich der Kunst leitete Cosimo das goldene Zeitalter der italienischen Renaissance ein, indem er Meister wie Fra Angelico, Fra Filippo Lippi, Brunelleschi und Donatello beauftragte.

Der Versuch, sich von der Sünde zu befreien

Im November 1434 kehrte Cosimo de' Medici aus dem Exil zurück, um zum Quasi-Herrscher von Florenz aufzusteigen. Als er seine Sünden des Wuchers säuberte, nahm er großmütig den Wiederaufbau der Basilika de San Marco in Angriff. Einfach ausgedrückt, versuchte er sich, den Weg aus der Hölle zu erkaufen, indem er im großen Stil Kunst und Architektur förderte.

0409-68 Florence San Marco

Cosimo beauftragte den Architekten Michelozzo mit dem Wiederaufbau des Kreuzgangs und des Chores von San Marco, er versorgte und kleidete die Mönche und finanzierte die große Bibliothek. San Marco war ein strenger Dominikanerorden, der in einfachen Gemächern lebte, die jedoch jeweils ein einzigartiges Fresko von Fra Angelico enthielten.

Am 6. Januar 1443 weihte Papst Eugenius den Wiederaufbau der Kirche ein. Fra Angelico war auf dem Höhepunkt seines Ruhmes und dekorierte jedes der Gemächer sowie die Innenräume des Klosters. Auch das Fresko des jüngsten Gerichts ist im Rahmen dieses Auftrags entstanden.

Fresko des Jüngstes Gerichtes von Fra Angelico

Fresko des Jüngstes Gerichtes von Fra Angelico

Cosimo hatte sein eigenes Zimmer im Kloster zur Anbetung und Besinnung. Waren die Medici damit der Hölle noch einmal von der Schippe gesprungen? Cosimos Beitrag zur Kirche hatte ihre Sünden offiziell beseitigt; sie erhielten einen Ablass vom Papst und damit eine quasi göttliche Legitimierung ihres Geschäftstreibens. Selbst eine Tafle, die in San Marco angebracht wurde, besagt dies.

Reich und gut zugleich?

War das für Cosimo genug? Mit erneutem Vertrauen in ihr göttliches Herrschaftsrecht ragte das genannte Datum des 6. Januar heraus. Denn wer in der Bibel war reich und gut? Die Antwort sind Die heiligen drei Könige. Die Medici waren besessen davon, dass sie diejenigen waren, die sinnbildlich die Rolle der heiligen drei Könige einnahmen.

Der Höhepunkt dieser Besessenheit wurde in der Kapelle der Könige im Palazzo Ricciardi von Florenz realisiert. Die Wände sind fast vollständig vom berühmten Freskenzyklus des Renaissance-Meisters Benozzo Gozzoli verziert, der um 1459 für die Familie Medici entstanden ist.

Dies war Cosimos Privatkapelle und es war Gozzolis fantastisches Werk "Der Zug der heiligen drei Könige", das vielleicht am besten repräsentiert, wie die Medici sich selbst als göttliche Herrscher sahen, die sich als Teil der heiligen Prozession darstellen lassen, gekleidet in all die Herrlichkeit von Reichtum, Macht und Pracht.

Der Zug der heiligen drei Könige

Aber mittlerweile gab es ein neues Problem. Denn war nicht all das Gold und die Pracht, all dieser Reichtum und die Macht, die ganze Fülle an Kunst und Farbe im Widerspruch zum Leben Christi, zu seinem Leiden und zur demütigen Einfachheit seiner Lehren? Waren die Medici zu weit gegangen, um sich von dem sündhaften Etikett des Wuchers zu befreien?

Die Zeit vergisst alle Dinge

Vielleicht liegt die Antwort in einer anderen berühmten florentinischen Basilika, der Pfarrkirche der Medici-Familie von San Lorenzo, wo viele der wichtigsten Medici begraben wurden.

Als Michelangelo 1520 mit der Arbeit an der Neuen Sakristei (Sagrestia Nuevo) begonnen hatte, lagen die glorreichsten Tage der Medici-Macht bereits in der Vergangenheit. Auch wenn sie ein weiteres Jahrhundert immense Macht ausübten, lagen die Tage der einzigartigen Gönnerschaft der Kunst durch Lorenzo und Cosimo, dessen Schirmherrschaft die Schaffung vieler der großen Meisterwerke der italienischen Renaissance ermöglichte, bereits hinter der Familie. Lorenzo ließ die Medici Bank verfallen, als er sich auf die Leitung des florentinischen Stadtstaates konzentrierte. Die Zeiten hatten sich geändert, als die späteren Medici den Übergang von Kaufleuten zu tatsächlich herrschenden Positionen innerhalb Florenz vollzogen.

Michelangelo entwarf Denkmäler für die Sakristei, die bestimmten Mitgliedern der Medici gewidmet waren, obwohl er sie nie vollendete. Trotzdem wurden einiger der Skulpturen geschaffen und später von Niccolò Tribolo im Jahr installiert.

Die Gräber von Lorenzo und seinem Bruder Giuliano wurden nie begonnen, so dass die bestehenden Gräber die von vergleichsweise unbedeutenden Mitgliedern der Familie sind. Was also als Projekt des wohl größten Bildhauers aller Zeiten begann, um die ewige Erinnerung an die größten Medici in ihrer eigenen Kapelle zu gewährleisten, wurde zu etwas anderem. Auf gewisse Weise scheint es wie ein Wegweiser, der den Zerfall der familiären Macht symbolisiert.

Während Cosimo und Lorenzo die Familie von wohlhabenden Sündern in göttlich anerkannte Herrscher zu verwandeln schienen, zeigt uns die Zeit, dass all das, was aufsteigt, irgendwann wieder fallen wird.

Trotz allem darf man eines nicht vergessen: Selbst mit den zweifelhaften Motiven hinter ihrer großzügigen Gönnerschaft der Kunst war es der Einfluss der Medici, der zu einigen der großartigsten Kunstwerken der Geschichte geführt hat.

Gleichzeitig kann ihnen zumindest eine Teilverantwortung für die Wende in der westlichen Kunst zugeschrieben werden. Ihre frühe Finanzierung einiger Kunstwerke der Renaissance brachte den Umbruch ins Rollen und hatte damit einen nicht insignifikanten Einfluss auf den Verlauf der Kunstgeschichte.

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