Malerei

Rogier van der Weyden – Biografie, bedeutende Werke und künstlerischer Einfluss

Rogier van der Weyden BiografieCornelis Cort, Rogier van der Weyden, 1572
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 

Rogier van der Weyden war einer der bedeutendsten und einflussreichsten Künstler der nordischen Renaissance in Flandern. Er wurde der offizielle Maler der Stadt Brüssel und arbeitete für den Herzog von Burgund. Die Figurengruppen und Kompositionen für Porträts und biblische Szenen, die Rogier der Weyden entwarf, inspirierten Generationen späterer Künstler, und seine Fähigkeit der Darstellung intensiver Emotionen wurde als einer seiner wichtigsten Verdienste für die europäische Kunst anerkannt. 

In dieser Biografie findest du einen umfangreichen Lebenslauf des Künstlers - unterteilt in Frühwerk, mittleres Werk und Spätwerk -, eine Übersicht seiner Kunstwerke und eine Einschätzung seines künstlerischen Vermächtnisses.


Kernideen von und zu Rogier van der Weyden

Detail aus: Rogier van der Weyden, Kreuzabnahme, zw. 1435 und 1438

Detail aus: Rogier van der Weyden, Kreuzabnahme, zw. 1435 und 1438

  • Van der Weydens größter Einfluss mag in der Darstellung von Emotionen gelegen haben. Er gilt als der erste europäische Künstler, der sichtbar weinende Figuren malte. Die visuelle Wirkung seiner sorgfältig inszenierten Kompositionen, bei denen die Figuren oft in flachen Räumen platziert sind, die sich auf den Betrachter hin zu erstrecken scheinen, verstärkt die Wirkung ihrer Emotionen.
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    Ihm wird nachgesagt, das Format des Andachtsdiptychons geschaffen zu haben, bei dem ein Betender einer Darstellung, meist der Jungfrau mit dem Kind, gegenübersteht.
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    Wie viele seiner Zeitgenossen baute Van der Weyden oft illusionistische Elemente in seine Gemälde ein und erforschte die Grenzen zwischen dreidimensionalen Skulpturen und der flachen Oberfläche in der Malerei. Wo Jan van Eyck in einigen seiner Werke einen Spiegel einfügte, um die Anwesenheit des Betrachters vor dem Gemälde anzudeuten, umgab Van der Weyden mehrere seiner Bilder mit gemalten Rahmen, die die Figuren in der Szene oft zu berühren oder zu überlappen schienen. Dies suggerierte, dass sich die gemalte Szene über den Rahmen hinaus erstreckte.

Biografie von Rogier van der Weyden

Kindheit

Roger (oft Rogier) de la Pasture wurde in Tournai geboren, das vom französischen König regiert wurde, aber von einem Gebiet umgeben war, das von den Herzögen des Burgunds kontrolliert wurde und heute zu Belgien gehört.

Sein Vater Henri de la Pasture war ein Messerschmiedemeister und damit Teil der prosperierenden Messerproduktionsindustrie von Tournai. Seine Mutter war die Demoiselle Agnès de Waterlos (oder Watrelos). Als er später nach Brüssel zog, änderte er seinen Namen in den flämischen klingenden Rogier van der Weyden.

Aufgrund der zahlreichen Varianten seines Namens in verschiedenen Dokumenten - sowie des Verlusts von Dokumenten und Kunstwerken im Laufe der Zeit - ist ein Großteil seiner Biografie unsicher und wird seit langem von Kunsthistorikern auf ihre Richtigkeit hin geprüft.

Nachfolgend die Dinge, die im Laufe seines Lebens als gesichert gelten.

Künstlerisches Frühwerk

In der Mitte der 1420er Jahre begann Van der Weyden mit dem Eintritt in die Werkstatt von Robert Campin seine künstlerische Ausbildung. Campin war einer der bedeutendsten Künstler in Tournai und gleichzeitig Dekan der Malergilde.

Van der Weyden arbeitete wahrscheinlich mehrere Jahre lang als Campins Assistent, bevor er 1427 offiziell als Lehrling zugelassen wurde. Ein Ereignis, das wahrscheinlich (wie Kunsthistoriker Dirk de Vos vorschlägt) aufgrund neuer Vorschriften in der Malergilde von Tournai stattfand, die von den Künstlern verlangten, offiziell als Lehrling zugelassen zu werden, bevor sie selbständig arbeiten konnten.

Es ist möglich, dass Van der Weyden auch eine universitäre Ausbildung erhielt, denn am 17. November 1426 wurde er von der Stadt Tournai als "Maistre (Meister) Rogier de la Pasture" geehrt.

Der Titel "Meister" wurde allerdings nur selten an Künstler vergeben und bedeutete nicht, dass sie ihre Lehre abgeschlossen hatten, sondern dass sie eine anderweitige Auszeichnung erlangt hatten, die zwar nicht eindeutig definiert ist, aber ein Universitätsstudium widerspiegeln könnte.

Überlegung: Die Raffinesse seiner Kompositionen und seiner Ikonographie könnte ein weiteres Indiz dafür sein, dass er einen akademischen Titel erlangte.

Im Jahr 1426 heiratete er Elisabeth Goffaert, die Tochter eines Brüsseler Schuhmachers. Das Paar hatte vier Kinder, die zwischen 1427 und 1438 geboren wurden.

Während eines Großteils der 1420er Jahre erlebte Tournai politische und soziale Umwälzungen, da die Macht zwischen der bürgerlichen Regierung, dem französischen König und den burgundischen Herzögen verschoben wurde.

Obwohl Van der Weyden beim Verkauf des Hauses seines Vaters nach dessen Tod im Jahr 1426 nicht anwesend gewesen zu sein scheint, stellt Dirk de Vos fest, dass es dennoch wahrscheinlich ist, dass er während dieser Zeit in Tournai war.

Van der Weyden wurde am 1. August 1432 selbstständiger Meister der Zunft in Tournai, nachdem er die erforderlichen vier Jahre als eingetragener Lehrling absolviert hatte. Wahrscheinlich war dies auch dadurch veranlasst, dass sein Meister Robert Campin von der Zunft geächtet wurde und seine Werkstatt eine Zeit lang keine neuen Aufträge mehr annehmen durfte. Zwei kleine Tafeln mit der Darstellung der Jungfrau mit Kind in einer Nische und der Heilige Georg mit Drachen (um 1432 - 35) gehören zu den frühesten Werken, die Rogier zugeschrieben werden können und noch in Campins Werkstatt entstanden sind.

Rogier van der Weyden, Heiliger Georg mit Drache, 1432 - 1435

Rogier van der Weyden, Heiliger Georg mit Drache, 1432 - 1435

In Tournai schuf er weiterhin Gemälde, darunter die berühmte Kreuzabnahme (um 1435-38), aber auch mehrfarbige Skulpturen und bemalte Architekturelemente für Kirchen.

Von Campin lernte Van der Weyden den detaillierten Naturalismus, der in seinen frühesten Gemälden zu sehen ist. Beide Künstler besaßen eine ausgeprägte Beobachtungsgabe und waren interessiert daran, ein Gleichgewicht zwischen Oberflächen, Volumen und Bildraum zu finden.

Rogier van der Weyden, Kreuzabnahme, zw. 1435 und 1438

Rogier van der Weyden, Kreuzabnahme, zw. 1435 und 1438

Feinere stilistische Unterscheidungen werden durch den kollektiven Charakter der Werkstattpraxis erschwert und durch eine anhaltende Uneinigkeit unter den Kunsthistorikern über die Beschaffenheit von Campins Oeuvre. Auch ist ungewiss, ob die Arbeiten mit denen eines unbekannten Künstlers gleichgesetzt werden können, der manchmal als "Meister von Flémalle" bezeichnet wird.

Während seiner Zeit in Tournai lernte Van der Weyden wahrscheinlich auch den Maler Jan van Eyck kennen, der die Stadt besuchte und an einem Empfang der Malergilde im Jahr 1427 teilnahm.

 

Hinweis: Als zwei der berühmtesten Künstler ihrer Zeit müssen sie das Werk des jeweils anderen während ihrer gesamten künstlerischen Schaffenszeit gekannt und geschätzt haben.

Gegen Ende des Jahres 1435 zog Van der Weyden nach Brüssel, der neuen Hauptstadt des burgundischen Staates. Wahrscheinlich wurde er von einem besonderen Auftrag dorthin gelockt, den er erhielt, um vier großformatige Werke im Brüsseler Rathaus zu malen.

Nachfolgend befand sich Van der Weydens Hauptwohnsitz und Werkstatt in Brüssel, in der "Goldenen Straße" in der Nähe des Coudenberg-Palastes, der Residenz des Herzogs von Burgund. Im März 1436 wird er sogar als "Maler der Stadt Brüssel" erwähnt. Eine Position, die um die Zeit seines Umzugs herum speziell für ihn geschaffen worden zu sein scheint. Zu dieser Zeit nahm er auch die flämische Version seines Namens an. Seine Brüsseler Werkstatt war groß, und er hatte dort wahrscheinlich mehrere Mitarbeiter, darunter seinen Sohn Pieter und seinen Neffen Louis le Duc.

Der Auftrag für das Rathaus bestand aus vier riesigen Gemälden, die zusammen etwa 20 Meter breit waren. Die Szenen stellten die Legenden von Trajan und Herkinbald dar, historische Beispiele der Justiz, und wurden in der "Goldenen Kammer" des Rathauses angebracht.

Zahlreiche Kommentatoren, darunter Albrecht Dürer und Giorgio Vasari, lobten die Kunstfertigkeit der Tafelbilder. Sie sind die einzigen Werke, von denen bekannt ist, dass der Künstler sie signiert hat. 

Leider wurde das Gebäude und sein Inhalt bei der Bombardierung von Brüssel 1695, während des Neunjährigen Krieges zwischen Frankreich und einer Gruppe europäischer Mächte, zerstört, obwohl eine teilweise Kopie der Werke als Wandteppich etwas von ihrem Inhalt und Stil bewahrt.

Nach Rogier van der Weyden, Wandteppich mit seiner Darstellung des Trajan und Herkinbald

Nach Rogier van der Weyden, Wandteppich mit seiner Darstellung des Trajan und Herkinbald

Rogiers Arbeit an diesen Tafeln muss einen Großteil seiner Zeit in den 1440er Jahren in Anspruch genommen haben. Nur etwa zehn weitere bekannte überlieferte Werke stammen aus diesem Jahrzehnt.

Dank seines wachsenden Wohlstands und Status konnte er an die Armen spenden, dem Kartäuserkloster in Scheut bei Brüssel ein großes Altarbild stiften und eine Zeit lang eine Verwaltungsposition in einer karitativen Stiftung ausüben.

Spätwerk

Dokumente legen nahe, dass Van der Weyden im Heiligen Jahr 1450 durch Italien reiste, um eine Pilgerreise nach Rom zu unternehmen. 

Unterwegs begegnete er italienischen Künstlern und Mäzenen, darunter die Familie Este aus Ferrara und die Familie Medici aus Florenz, die beide Werke bei ihm in Auftrag gaben.

Im Juni 1455 erhielt er einen weiteren wichtigen Auftrag, ein Triptychon für den Hochaltar einer Kirche in Cambrai, einer Stadt südlich von Tournai. 

Rogier van der Weyden, Altar des heiligen Johannes, 1459

Rogier van der Weyden, Altar des heiligen Johannes, 1459

Die meisten seiner Porträts stammen aus dieser späteren Periode und haben oft die Form eines Andachtsdiptychons - ein Format, das ihm als Erfinder zugeschrieben wird - bestehend aus dem Patron, der einer Darstellung der Jungfrau und des Kindes gegenübersteht. Er arbeitete weiterhin an einer Vielzahl von Projekten und sein Ansehen wuchs ungebrochen weiter. Das zeigen Beispiele wie die Bitte von Bianca Maria Visconti, Herzogin von Mailand, um 1460, ihren Hofmaler nach Brüssel zu schicken, um bei Van der Weyden in die Lehre zu gehen, was dieser akzeptierte.

Van der Weyden starb am 18. Juni 1464 in Brüssel und wurde in der Katharinenkapelle der Kathedrale Sankt Michael und Sankt Gudule beigesetzt. Die Grabinschrift beschrieb ihn als "Meister Rogier, der berühmte Maler... Du warst so geschickt darin, die Form der Dinge wiederzugeben, dass Brüssel über deinen Tod trauert..." und die Malergilden sowohl von Brüssel als auch von Tournai hielten Gedenkgottesdienste für ihn ab.


Das Vermächtnis von Rogier van der Weyden

Rogier van der Weyden war einer der einflussreichsten Künstler seiner Zeit, zusammen mit seinem Meister Robert Campin und Jan van Eyck. Diese drei Maler prägten die Kunst der nördlichen Renaissance vor allem durch die detailgetreue Beobachtung und Darstellung menschlicher Figuren und ihrer Umgebung. "In Flandern", so soll Michelangelo über seine Vorgänger gesagt haben, "malen sie mit Blick auf die äußere Exaktheit... Sie malen Stoff und Mauerwerk, das grüne Gras der Felder, den Schatten der Bäume, und Flüsse und Brücken..." Diese Aufmerksamkeit für äußere Erscheinungen steigerte auch den Realismus ihrer Werke und verstärkte die emotionalen Reaktionen der Betrachter darauf.

Detail aus: Rogier van der Weyden, Kreuzabnahme, zw. 1435 und 1438

Detail aus: Rogier van der Weyden, Kreuzabnahme, zw. 1435 und 1438

Detail aus: Rogier van der Weyden, Kreuzabnahme, zw. 1435 und 1438

Detail aus: Rogier van der Weyden, Kreuzabnahme, zw. 1435 und 1438

Van der Weydens Kompositionen und Stil hatten großen Einfluss auf nachfolgende Generationen flämischer Maler. Sein Vermächtnis war zum Teil das Ergebnis seiner großen und geschäftigen Werkstatt, in der er andere (meist unbekannte) Künstler ausbildete und Zeichnungen und Modellbücher entwickelte, die zur Herstellung neuer Gemälde wiederverwendet wurden.

Obwohl der einzige dokumentierte Lehrling der Hofmaler der Herzogin von Mailand, Zanetto Bugatto, war, muss auch Memling Zeit in Van der Weydens Werkstatt verbracht haben. Memling adaptierte viele Kompositionen Van der Weydens für seine eigenen Interpretationen. Die Beschäftigung mit den Unterzeichnungen in Memlings Frühwerk hat ergeben, dass er sich dem Zeichnen zunächst in ähnlicher Weise wie Van der Weyden näherte. Bekannt wurde Memling auch für Andachtsdiptychen, die den betenden Patron neben das Bild der Jungfrau und des Kindes stellten.

Van der Weydens Einfluss reichte auch weiter, nach Italien, Spanien, Deutschland und Frankreich. Der deutsche Maler und Kupferstecher Martin Schongauer ließ sich im späteren 15. Jahrhundert von Van der Weydens Kompositionen und Figurentypen inspirieren, und Dürer bemühte sich, seine Werke während einer Reise durch die Niederlande in den Jahren 1520-21 zu sehen. Van der Weydens innovative ikonografische Motive, von Maria, die das Christuskind hält oder seinen Tod betrauert, bis hin zur Darstellung von Schutzherren in direktem Kontakt mit sakralen Figuren, wurden von späteren Künstlern vielfach kopiert.

Rogier van der Weyden, Madonna mt Kind, nach 1454

Rogier van der Weyden, Madonna mt Kind, nach 1454