Diego Velázquez’ Venus vor dem Spiegel und ihr Venus-Effekt
Gemälde

Diego Velázquez’ Venus vor dem Spiegel und ihr Venus-Effekt

Diego Rodríguez de Silva y Velázquez (1599 - 1660) war der wichtigste Hofmaler von König Philipp IV. und einer der bedeutendsten Maler des spanischen Goldenen Zeitalters und des europäischen Barock.

Die Venus vor dem Spiegel (auch: "Venus von Rokeby") ist sein einziger noch erhaltener Akt. Drei weitere werden in spanischen Verzeichnissen erwähnt und gelten heute traurigerweise als verschollen. 

Hinweis: In der Zeit der spanischen Inquisition war es gewagt, Akte zu malen. Dass Velázquez damit davonkommen konnte, bestätigt sein gesellschaftliches Ansehen in seiner Position als Hofmaler.

Hier sehen wir uns die Besonderheiten der Venus vor dem Spiegel von Velázquez an. Außerdem klären wir, was es mit dem Venus-Effekt auf sich hat, der in der Malerei eingesetzt wurde und heute vor allem in Filmaufnahmen geschickt genutzt wird.

Die Venus vor dem Spiegel von Velázquez

Velázquez berühmtestes Gemälde ist zweifellos Las Meninas, was oberflächlich nur wie ein weiteres Gruppenbildnis des Hofes wirkt. Aber wenn man nur ein wenig hinter diese Fassade blickt, kommen tausend andere Bedeutungen durch. So ist es auch Velázquez Selbstporträt, es enthält eine Spiegelung des Königspaares sehen und auch die Komposition verrät uns noch vieles mehr.

Aber heute werden wir uns mit einem viel ruhigeren und weniger gedrängten Gemälde beschäftigen, das jedoch nicht weniger revolutionär und voller Bedeutung ist. 

Oberflächlich erscheint Velázquez Venus vor dem Spiegel lediglich als eine weitere Darstellung der Venus. Es hat eine lange Tradition, die Venus im Liegen oder vor dem Spiegel darzustellen. Hier kombiniert Velázquez diese beiden Motive und stellt die vom Betrachter abgewandte Venus dar. All diese Dinge wurden in der Kunst schon einmal umgesetzt, aber Velázquez war der erste Maler, der sie zusammenführte.

Diego Velázquez, Venus vor dem Spiegel, 1643

Diego Velázquez, Venus vor dem Spiegel, 1643

Die Falten der Bettlaken betonen den sanften Schwung des Venuskörpers. Die seidige Geschmeidigkeit ihrer Haut wurde von den Laken zurückgeworfen und durch den Farbkontrast noch stärker betont.

Der Einsatz von Farbe ist sparsam, und doch meisterhaft. Das Gemälde spielt zwischen großen Flächen von abgestuften und kontrastierenden Farben: Die dunkle Stähle des Betttuches, der rote Vorhang und die beigefarbene Wand bilden einen perfekten Hintergrund, um den hellen, fast lichtdurchlässigen Körper der Venus zu verstärken.

Auffällig: Der Körper der Venus entspricht zu großen Teilen dem vielfach in der Werbung präsentierten Schönheitsideal der Gegenwart: Ein schlanker Körper mit einem sanduhrförmigen Übergang zwischen Taille und Hüfte.

Der Venus-Effekt in der Venus von Rokeby

Du siehst, dass der Amor sich auf den Winkel des Spiegels konzentriert. Lass dich nicht täuschen.

Die Venus vor dem Spiegel schaut dem Betrachter durch den Spiegel entgegen. Amor stellt sicher, dass der Winkel perfekt ist, damit die Venus sehen kann, wer sie beobachtet. Dieser Trick ist als Venus-Effekt bekannt. Sie untergräbt den traditionellen Akt, in dem das Modell sich nicht ungestört bewegt, sondern die Reflexion des Betrachters mithilfe des Spiegels direkt anblickt.

Hier werden wir heimlich beobachtet, während wir sie beobachten. Der Venus-Effekt ist nicht nur in Velázquez' Arbeit zu erkennen. Auch in weiteren Venusgemälden wurde dieser psychologische Trick angewandt.

Rubens, Venus vor dem Spiegel, ca. 1615

Rubens, Venus vor dem Spiegel, ca. 1615

Tizian, Venus mit Spiegel, 1555

Tizian, Venus mit Spiegel, 1555

Heute wird dieselbe Technik oft in Film und Fernsehen eingesetzt. Während wir das Gesicht einer Schauspielerin oder eines Schauspielers durch den Spiegel sehen und davon ausgehen, dass die- oder derjenige sich selbst betrachtet, hat der Regisseur ganz gezielt diesen Winkel gewählt. Durch den Venus-Effekt kann der Zuschauer die Mimik und die Emotionen in den Reflexionen der Dargestellten erkennen.

Würde sich die oder der Schauspieler im Spiegel betrachten, könnte der Zuschauer aus den meisten Winkel das Gesicht des Spiegelbilds nicht mehr erkennen.