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Vincent van Goghs Ohr: Was in der Nacht des 23. Dez. 1888 wirklich geschah

Alle Ereignisse, die zu van Goghs Selbstverstümmelung führten, im Überblick

Vincent van Goghs OhrVincent van Gogh, Selbstbildnis mit Pelzmütze und verbundenem Ohr, 1889

Vincent van Gogh war kein Mann, der für eine hohe geistige Stabilität bekannt war, weder zu Lebzeiten noch heute. In gewisser Weise ist die Geschichte von Vincent van Goghs Ohr untrennbar mit den tragischen letzten Monaten seines Lebens verbunden. 

Für viele ist Vincent van Gogh der Künstler, der sich selbst ein Ohr abgeschnitten und ein Stück des Ohres einer Liebhaberin übergeben zu haben.

Obwohl dies im Kern der Wahrheit entspricht, wird ein großer Teil dieser Geschichte aus dramaturgischen Gründen oder einfach aufgrund von Missverständnissen überspitzt dargesellt. 

Die Kurzfassung: In Wirklichkeit hat sich Vincent van Gogh nur das linke Ohrläppchen und nicht sein ganzes Ohr abgeschnitten. Sein Geisteszustand stieß nach mehreren Wochen der schlechten Gesundheit, wenig Schlaf und einem frenetischen Arbeitstempo an seine Grenzen. 

Das war die Kurzfassung der Geschehnisse, doch wird die Geschichte erst bei genauer Betrachtung spannend, wenn man tatsächlich nachvollzieht, was ihn zur Selbstverstümmelung getrieben hat.

Die Langfassung: Alles beginnt mit noblen Zielen

Alles begann damit, dass Van Gogh Paris verließ und nach Arles zog, in der Hoffnung, dort seine Gesundheit wiederherstellen zu können, nachdem seine Kreativität in den Monaten in der französischen Hauptstadt gelitten hatte. 

Bei seinem Umzug hatte er auch den Traum, eine eigene Künstlerkolonie zu gründen, wo er und seine Malerkollegen Gedanken teilen, diskutieren und einen eigenen Kunststil entwickeln könnten. Paul Gauguin war sein erster Ansatzpunkt zur Verwirklichung dieses Traums.

Vincent van Gogh erreichte Arles im Februar 1888, wo er seinen Traum vom Atelier des Südens in Angriff nahm und einige Räumlichkeiten in einem Haus mietete, das er prompt das "Gelbe Haus" taufte. Nachdem er sich in seiner Unterkunft eingerichtet hatte, begann er zu malen, um es so komfortabel und gemütlich wie möglich zu gestalten.

Die Beziehung von Vincent van Gogh und Paul Gauguin

Gauguin und van Gogh hatten sich in Paris kennengelernt. Van Gogh hielt viel von seinem unkonventionellen Künstlerkollegen, wobei diese Begeisterung nicht auf uneingeschränkter Gegenseitigkeit basierte. 

Vielfach heißt es, dass Gauguin Vincent van Gogh zwar schätzte, von der Idee der Künstlerkolonie im Süden Frankreichs allerdings nicht begeistert war. Er hätte es vorgezogen, selbst der Mittelpunkt eines künstlerischen Zusammenschlusses zu sein. Wenn es nach ihm gegangen wäre, hätte die Künstlergruppierung auch in den Tropen zusammenkommen sollen, um dort einen vollkommen eigenständigen Stil entwickeln zu können.

Gauguin zog es auch vor, aus dem Gedächtnis zu malen, anstatt einen flüchtigen Augenblick unmittelbar abzubilden, wie es die Impressionisten und auch van Gogh taten.

Trotz der künstlerischen Differenzen fasste Gauguin den Entschluss, zu van Gogh nach Arles zu ziehen.

Wie kam es dazu?

Die Antwort lautet: Geld.

Der Umzug Gauguins ins Gelbe Haus in Arles

Van Gogh - Selbstbildnis (Paul Gauguin gewidmet)

Vincent van Gogh, Selbstbildnis (Paul Gauguin gewidmet), 1888

Paul Gauguin, Porträt des Vincent van Gogh, Sonnenblumen malend, 1888

Paul Gauguin, Porträt des Vincent van Gogh, Sonnenblumen malend, 1888

Mehrere Monate lang war Paul Gauguin knapp bei Kasse gewesen.  Er machte Schulden und war wie Vincent vom Geld des jüngeren Bruders Theo van Gogh abhängig. Theo van Gogh unterstützte Gauguin zwar nicht uneigennützig wie er das bei Vincent tat, aber trotzdem war er in seiner Position als Kunsthändler erfolgreich darin, Gauguins Kunstwerke zu verkaufen.

Die Brüder Van Gogh wollten Gauguin in Südfrankreich haben. Vincent bat Gauguin mehrfach, zu ihm nach Arles zu kommen, was er stets ablehnte. Theo ermutigte Gauguin ebenfalls nach Arles zu ziehen. Mit Theo im Hinterkopf willigte er ein, sich Vincent anzuschließen. Durch den Tod ihres Onkels erbte Theo etwas Geld und plante, es Vincents Künstlergemeinschaft zu widmen.

Obwohl dies nie explizit erwähnt wurde, wurde zwischen allen Parteien vereinbart, dass Gauguin das gleiche monatliche Gehalt wie Vincent erhalten würde, solange er Theo Gemälde schickte.  

So kam es dazu, dass Gauguin am 23. Oktober 1888 in Arles ankam.

Die ersten Wochen der Zusammenarbeit

Zu Beginn lief die Zusammenarbeit überraschend reibungslos. Van Gogh wollte unbedingt gefallen, und Gauguin wollte das Beste aus dem machen, was ihm das Leben bot. Darüber hinaus wollte er Geld sparen, um seinen Traum zu verwirklichen, in die Tropen zu ziehen.

Gauguin übernahm in vielerlei Hinsicht die Rolle des Meisters mit Van Gogh als Schüler. Er ermutigte Vincent, mehr aus seiner eigenen Fantasie heraus zu malen, als das abzubilden, was direkt vor seinen Augen lag.

Gauguin übernahm auch die Kontrolle über die Haushaltsangelegenheiten und schuf ein Budget, um Geld für Verpflegung, ihre Kunst und andere Freizeitaktivitäten zu rationieren.

Der Wendepunkt in ihrer Partnerschaft

Was gut anfing, ging rasch den Bach runter.

Van Gogh hatte bekanntermaßen ein wechselhaftes Temperament, obwohl es ihm selbst nur selten aufzufallen schien. Unangenehm wurde es, wenn die Diskussionen über die Kunst ausarteten.

So kam es im Gelben Haus ab einem gewissen Zeitpunkt regelmäßig zu Auseinandersetzungen über die verschiedenen künstlerischen Ansätze. Gauguin versuchte zwar, den Frieden bis zu einem gewissen Grad zu wahren, aber auch er war gereizt von ihren Unterschieden in Temperament und künstlerischem Ansatz.  

Mehrfach schickte Gauguin Briefe an ihren gemeinsamen Freund Emile Bernard, dass sie sich selten über irgendetwas in Bezug auf Kunst einig waren.

Auch an Theo adressierte er einen Brief, in dem er verkündete, dass er im Dezember gehen wolle, obwohl er seine Meinung noch einmal änderte und sich entschied, vorerst im Gelben Haus zu bleiben.

Die Nacht, in der Vincent van Gogh sein Ohr abschnitt

Zwei Monate nach Gauguins Ankunft kam es am 23. Dezember 1888 zur berüchtigten Auseinandersetzung.

Van Gogh und Gauguin stritten sich, Gauguin verließ das Gelbe Haus, woraufhin Van Gogh ein Stück seines linken Ohrläppchens mit einem Rasiermesser abschnitt und es einer Prostituierten schenkte.

Am Morgen des Heiligabend kam die Polizei zum Gelben Haus und fand Vincent durch den Blutverlust geschwächt in seiner Wohnung. Das Bettlaken war mit sehr viel Blut verschmiert.

Vincent van Gogh, Selbstporträt mit abgeschnittenem Ohr, 1889

Vincent van Gogh, Selbstporträt mit abgeschnittenem Ohr, 1889

Gauguins Schilderungen der Nacht 

Interessant ist auch Gauguins eigene Sichtweise der Ereignisse, die zwar dem gleichen Muster folgen, aber in zweierlei Hinsicht von dieser Beschreibung der Nacht abwichen.

Gauguin teilte Emile Bernard die Handlung mit, der wiederum die Geschichte in einem Brief niederschrieb. Gauguin erklärte Bernard, dass Vincent ihm nach ihrem Streit gefolgt sei und ihn fragte, ob er ausziehen würde. Als Gauguin seine Absicht bestätigte, Arles zu verlassen, überreichte ihm Van Gogh einen Ausschnitt einer Zeitung, auf dem die Aufschrift "Der Mörder floh" in Französisch zu lesen war. Van Gogh wollte Gauguin damit wahrscheinlich als "Mörder" der Künstlergemeinschaft darstellen.  

Gauguin schrieb 15 Jahre später einen zweiten Bericht in seiner Autobiografie, in dem er behauptet, Vincent habe ihn mit dem Rasiermesser bedroht, woraufhin er Vincent verjagt hätte

Wie viel Wahrheit in den Aussagen Gauguins steckt, wird wohl für immer reine Spekulation bleiben.

Die Schilderungen zu Vincent van Goghs Ohr lassen auf die ultimativen Folgen schließen

Vincent van Gogh hinterließ keine persönlichen Aufzeichnungen über diese Nacht, so dass seine Ansichten zu den Vorfällen nicht bekannt ist.

In Wirklichkeit weiß heute niemand definitiv, wie viel von Vincent van Goghs Ohr tatsächlich abgetrennt wurde. Die meisten Berichte handeln davon, dass es sei nur ein Teil des Läppchens gewesen sei, wobei andere Quellen noch immer behaupten, es sei wesentlich mehr als das gewesen. 

Es ist eine bizarre Tragödie, mit der Vincents ultimativer Kampf mit seiner Geistesgesundheit begann, den er nur einige Monate darauf verlieren würde.