Malerei

Lucian Freud – Biografie, Werk und künstlerisches Vermächtnis

Lucian Freud HeroFoto: Bonny van Sighem / Flickr / CC BY-SA 2.0

Lucian Freud, bekannt für seine unermüdlichen Beobachtungen der Anatomie und der Psychologie, ließ selbst die vermeintlich schönen Menschen unvorteilhaft aussehen. 

Sein Stil blieb erstaunlich konsistent, was für einen Künstler mit einer solch langen Karriere unüblich ist.

Freud ist einer der berühmtesten Porträtmaler des späten 20. Jahrhunderts und malte nur diejenigen, die ihm am nächsten standen: Freunde, Familie, Ehefrauen, Geliebte und sich selbst. Seine aufschlussreiche Serie von Selbstporträts umspannt mehr als sechs Jahrzehnte.

Es ist unvermeidlich, dass die psychische Intensität seiner Porträts und seine bekanntermaßen langen Sessions mit den Dargestellten mit der psychoanalytischen Praxis seines Großvaters Sigmund Freud in Verbindung gebracht wurden.

Grundlegende Ideen zu Lucian Freud

  • Selbstbetont verkörperte Freud eine Vorstellung, die aus der Renaissance stammt und Leonardo da Vinci zugeschrieben wurde: "Jeder Künstler malt sich selbst". Freud blieb von seinen Porträtierten distanziert, ein Verhältnis, das in seinem Werk zum Tragen kommt, das er als "rein autobiografisch" bezeichnete und die Menschen, die er malte, als bloßes Mittel für figurative Innovationen dienten.
  • Freud war ein wichtiges Mitglied der so genannten School of London, einer Gruppe von Künstlern, die sich dem figurativen Realismus widmeten. Die School of London galt damals als reaktionär, weil sie die Anwesenheit von damals avantgardistischen Bewegungen wie Minimalismus, Pop Art und Konzeptkunst mied. Im Vergleich zu seinen Zeitgenossen David Hockney oder Francis Bacon, ist Freud stilistisch eher konventionell. Der Inhalt seiner Kunstwerk ist aber alles andere als das.
  • Obwohl der Zeichenunterricht schon lange das Abbilden von Aktmodellen zum Thema machte, hebt sich Freud durch die ausdrucksstarken Details, mit denen er Genitalien malt, von anderen Künstlern in der Aktmalerei und Porträtmalerei ab.
  • Freud verdankt viel den Expressionisten des frühen 20. Jahrhunderts. Seine markanten, ausdrucksstarken Striche erinnern an Edvard Munch, und die verzerrte Perspektive und die anthropomorphen Darstellungen von Stühlen, Schuhen und anderen leblosen Gegenständen erwecken Assoziationen mit Vincent van Gogh.
  • Lucian Freud war einer der bedeutendsten Maler von Selbstporträts des 20. Jahrhunderts. Er malte sich wie besessen. Obwohl seine Selbstporträts nicht die ganze Vielfalt von Rembrandt, Van Gogh oder Schiele aufweisen, bilden Freuds Selbstdarstellungen eine der umfassendsten visuellen Autobiographien eines Malers und geben Einblick in die Selbsteinschätzung und den unerbittlichen Antrieb, die den Künstler ausmachten.

Lucian Freud Biografie

Lucian Freud

procsilas / Flickr / CC BY 2.0

Geboren: 8. Dezember 1922
Gestorben: 20. Juli 2011

Lucian Freud

Kindheit und Ausbildung

Lucian Freud wurde in eine künstlerische Familie der jüdischen Mittelschicht hineingeboren. Sein Vater Ernst war Architekt, seine Mutter Lucie studierte Kunstgeschichte, und sein Großvater war der weltbekannte Psychoanalytiker Sigmund Freud.

1933 verließen Freud und seine Familie Berlin, um dem NS-Regime zu entkommen und ließen sich schließlich in London nieder.

Freud begann schon in sehr jungen Jahren mit der künstlerischen Gestaltung. 1938 wurde eine seiner Zeichnungen für eine Kinderausstellung in der Londoner Galerie von Peggy Guggenheim ausgewählt. Obwohl der Künstler zu diesem Zeitpunkt bereits sechzehn Jahre alt war, stammt die ausgewählte Zeichnung aus dem Jahr 1930, als Freud erst acht Jahre alt war.

Im Teenager-Alter freundete er sich mit dem Dichter Stephen Splender an und hatte möglicherweise eine Liebesbeziehung zu ihm. Die beiden blieben einige Jahre in Kontakt, wodurch Freud wahrscheinlich mit einem Kreis von männlichen (und meist bisexuellen) Künstlern und Dozenten bekannt gemacht wurde, die auch für die Unterstützung einer Gruppe von aufstrebenden Künstlern während der Kriegsjahre verantwortlich waren. In diesen Kreisen traf Freud ebenfalls seinen engsten Freund und größten künstlerischen Rivalen Francis Bacon.

Mehr zu diesen frühen Jahren und der Beziehung zwischen Freud und Bacon ist in Sebastian Smees Buch "The Art of Rivalry" schön beschrieben.

Frühwerk

Trotz des frühen Talents führte sein ungezogenes Verhalten dazu, dass er von mehreren Schulen verwiesen wurde. Eine fundierte Kunstausbildung begann für Freud im Jahr 1939, als er sich an der East Anglican School of Painting and Drawing in Essex einschrieb. 1941, nach einem kurzen dreimonatigen Aufenthalt in der Marine, beendete Freud sein Studium.

Im Jahr 1943 hatte er begonnen, intensiv zu malen und schuf eines seiner ersten bedeutenden Gemälde: The Painter's Room.

Ein kurzer Aufenthalt auf dem europäischen Festland hatte einen maßgeblichen Einfluss auf Freuds Werk, auch da er 1946 in Paris Pablo Picasso und Alberto Giacometti kennenlernte. Nach seiner Rückkehr nach London begann er regelmäßig in den Galerien der britischen Metropole auszustellen.

Schon früh etablierte Freud eine bestimmte Lebenseinstellung und künstlerische Gepflogenheiten, die er während seiner Karriere beibehalten würde. Er heiratete die schöne und in der englischen High-Society gut vernetzte Kitty Garman, doch Freuds Untreue führte schnell zur Trennung des Paares. Als nächste Partnerin folgte die Guinness-Erbin Lady Caroline Hamilton Temple Blackwood. Die Beziehung begann, als Freud noch verheiratet war.

Obwohl er charmant war, hatte Freud ein launisches Temperament. Er hatte eine große Leidenschaft für sein Schaffen, das er über alles andere stellte. Dieser Faktor und seine häufige Untreue waren es, welche zum Scheitern seiner vielen Liebesbeziehungen führten.

Unabhängig davon war Freud eine bekannte Persönlichkeit und machte mit seinem charakteristischen Reisebegleiter, einem Falken, auf sich aufmerksam. Die wenigen Stunden am Tag, die er nicht malte, verbrachte er mit Essen, Glücksspiel und dem Verweilen unter modischen britischen Aristokraten und Künstlern. In denselben Kreisen trieb sich auch Francis Bacon um. Die beiden beeinflussten sich gegenseitig stark, bis ein Streit ihre Freundschaft beendete.

Mittleres Werk

Die Porträtmalerei wurde zum Hauptthema in Freuds Werk. Für Freud Modell zu stehen war nicht einfach und es zog sich oft in mehreren Einheiten über Monate, bis der Künstler mit seinem Werk zufrieden war. David Hockney behauptete, für ein Porträt bei Freud Hunderte von Stunden über viele Monate gesessen zu haben, während Freud für ihn im Gegenzug nur zwei Nachmittage Modell stehen musste.

Trotz einer guten Beziehung zu seinem Großvater versuchte der Künstler, jede tiefgehendere Verbindung zum berühmten Psychotherapeuten zu vermeiden. Er ließ wissen, dass er die psychoanalytische Methode ablehnte und leugnete, dass sie irgendeinen Bezug zu seiner Kunst hatte.

Seiner eigenen Erkenntnis nach war Lucian Freud ein oft nicht anwesender Vater. Viele seiner Kinder stellten fest, dass der beste Weg, sich mit ihm zu verständigen, durch seine Kunst war. Aus diesem Grund posierten sie für ihn, als sie älter wurden, und wiesen die nötige Geduld auf, seine Sitzungen auszuhalten.

Freuds Herangehensweise an die Gestaltung, besessen damit, jedes Detail und jeden Fehler einzufangen, führte oft zur Frustration des Dargestellten und des Malers selbst. Seine Arbeit reifte in Kombination mit seiner malerischen Ausstattung. Ein wichtiger Durchbruch gelang ihm, als er zu steiferen Schweinehaarpinseln wechselt, die es ihm ermöglichten, die Farbe breiter aufzutragen, sowie durch seine Entscheidung, stehend zu malen. Während Pinsel aus Zobelhaar die Farbe leicht aufgetragen hatten, führte Freuds Wechsel zu Schweinehaarpinseln und sein Aufstehen an der Staffelei zu erheblichen Veränderungen in Technik und Wirkung.

In den 1960er Jahren waren seine Werke vielschichtiger, gemalt mit schwereren aber freieren Strichen. Zu dieser Zeit begann sich Freud auch auf das zu konzentrieren, was er "nackte Porträts" nannte: Detaillierte Aktmalereien, die fast immer unvorteilhaft für die Dargestellten waren.

Spätwerk

Die späten 1980er Jahre brachten Anerkennung auf internationaler Ebene. Dies war zum Teil auf eine aufmerksamkeitsstarke Retrospektive von 1987 zurückzuführen. Als Folge dessen wurde er international durch den amerikanischen Kunsthändler William Acquavella vertreten.

Spätere Porträts von Freud zeigen viele bekannte Themen wie den Künstler David Hockney, den Kunstkritiker Martin Gayford und sogar die britische Königin Elizabeth II. Neben der großformatigen Malerei schuf Freud gegen Ende seiner Karriere viele Radierungen, wie er es bereits in jungen Jahren als Student getan hatte.

Freuds Popularität bei Frauen wankte nicht mit dem Alter. Supermodel Kate Moss äußerte den Wunsch, ihn zu treffen, was zu einer Freundschaft führte, in der Lucian Freud ein Porträt des Models malte. Im Jahr 2004 schuf der 82-jährige Freud zwei Porträts der 32-jährigen Alexandra Williams-Wynn.

Freud hat seine intensive, zwanghafte Malweise nie gelockert. Freud arbeitete bis zu seinem Tode im Alter von achtundachtzig Jahren ununterbrochen weiter.

Künstlerisches Vermächtnis und Einfluss

Freuds Auseinandersetzungen mit den Traditionen der Porträtmalerei haben zahlreiche figurative Maler inspiriert. Das alternative Modell der männlichen Darstellung, das durch seine bahnbrechende Porträtserie des Performance-Künstlers Leigh Bowery etabliert wurde, legte den Grundstein für andere sozial grenzüberschreitende figurative Maler wie John Currin und Eric Fischl.

Die Wirkung von Freuds rauer und kompromissloser Annäherung an den Akt lebt im Werk von Jenny Saville, Elizabeth Peyton und Luc Tuymans weiter.


Lucian Freud: Bekannte Kunstwerke

Girl with a White Dog, 1950-51

Girl with a white Dog

Foto: Graeme Churchard / Flickr / CC BY 2.0

Beschreibung und Analyse des Kunstwerks: Typisch für Freuds Frühwerk, wurde Girl with a White Dog mit einem Pinsel mit Zobelhaar gemalt, mit dem er die Farbe mit linearer Präzision auftrug. Die subtile Schattierung ruft eine Fülle von Texturen hervor, die Weichheit, Wärme und die Abwesenheit von unmittelbarer Anspannung ausstrahlen.

Das Kleid ist der Frau von der Schulter gerutscht und hat ihre rechte Brust freigelegt. Zusammen mit dem abwesenden Blick von Frau und Hund verleihen die gedämpften Farben und schwachen Konturen dieser Komposition eine durchgängige Flächigkeit. 

Die Porträtierte ist Kitty Garman, Freuds erste Frau und eine bekannte Schönheit in den vornehmen Kreisen Englands. Der Hund war einer von zwei Bull Terriern, die den beiden als Hochzeitsgeschenk geschenkt wurden. 

Freud malte viele Porträts von Kitty während ihrer kurzen Ehe, die 1952 wegen seiner anhaltenden Untreue mit der Scheidung endete. Eine Müdigkeit im Ausdruck, die tiefen Mulden unter ihren Augen und die Geste der Hand unter der linken Brust deuten auf ihre Unzufriedenheit hin. Die analytische Distanz, die Freuds Brillanz als Beobachter zu charakterisieren schien, wird durch das Weglassen eines Namens im Bildtitel verstärkt, obwohl er eine enge Verbindung zu der Dargestellten hatte.

Reflection (Self-portrait), 1985

Beschreibung und Analyse des Kunstwerks: Freuds Selbstporträts, zu denen er im Laufe der Jahre häufig wiederkehrte, bieten einen direkten Einblick in seine Psyche. Reflection (Self-portrait) ist eins der berühmtesten und wurde 1985 gemalt, als der Künstler 63 Jahre alt war. 

Im Gegensatz zu der expliziten Nacktheit seiner anderen Porträts ist hier die Nacktheit lediglich impliziert. Er spannt die Schultern an und schaut direkt nach vorne, als wolle er den Betrachter herausfordern. Atemberaubende kompositorische Meisterschaft zeigt sich in den Pinselstrichen des Gesichts und der sorgfältigen Balance zwischen Licht und Schatten.

Obwohl er bei der Einbeziehung von Falten und anderen Zeichen des Alterns nicht zurückhaltend ist, ist das Gesicht, das er darstellt, auf eine klassische Weise ansehnlich, mit einer prominenten Nase, einem kräftigen Kiefer und ausdrucksstarken Brauen. Vielleicht ist es bezeichnend, dass der einzige, den Lucian Freud nicht unvorteilhaft darstellen konnte, er selbst war.

Man with Leg Up, 1992

Beschreibung und Analyse des Kunstwerks: Dies ist eines von Freuds vielen Gemälden des australischen Performance-Künstlers Leigh Bowery. Freuds Freundeskreis stellte sie einander vor und hoffte, dass Bowerys extravaganter Stil Freud dazu inspirieren würde, seine übliche triste Farbauswahl zu verlassen. Freud war hartnäckig und bat Bowery, seinen ganzen Körper zu rasieren. Freud sah Bowerys muskulöse Beine als sein herausragendes Merkmal und präsentiert sie oft in einer Reihe von ungewöhnlich passiven Posen, die die Traditionen der männlichen Porträtkunst aufheben.

In Man with Leg Up liegt Bowery mit gespreizten Beinen auf dem Boden. Ein Bein ruht auf dem Bett, während das andere sich unter ihm beugt, als ob es ihn davon abhält, den Boden herunter zu rutschen, der sich zu uns neigt. Fast alle Elemente in dieser Szene, von der Rückenlage bis zu den gespreizten Beinen, deuten auf eine Verletzbarkeit hin. Übertriebene Formkürzungen lassen Bowerys Oberkörper weiter entfernt erscheinen und verdeutlichen die Freilegung seiner unbehaarten Leistengegend, die sich genau in der Mitte des Bildes befindet. Bowery scheint sich dabei wohl zu fühlen. Seine Gesichtszüge sind entspannt. Sein linker Arm wiegt seinen Kopf, während sein rechter über seine Brust gezogen ist.

Die beiden Männer entwickelten eine tiefe Freundschaft, in der Lucian Freud über mehrere Jahr hinweg Bowery bis zu seinem Tod 1994 malte.


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