Michelangelos Sklaven im Louvre – Die Geschichte hinter den Marmorskulpturen
Michelangelos Sklaven | Fotos: Jörg Bittner Unna / WikipediaWährend der Renaissance wurde Michelangelo zum Inbegriff des genialen Bildhauers. Seine Fähigkeit, die menschliche Anatomie zugleich realistisch und idealisiert darzustellen, zeigt sich in nahezu jedem seiner Werke. Weltbekannt sind vor allem der David und die Pietà.
Doch Michelangelos Meisterschaft in Marmor beschränkt sich nicht auf diese Ikonen: Besonders eindrucksvoll belegen das Michelangelos Sklaven, die heute zu den Höhepunkten der Skulpturensammlung des Louvre zählen – der Rebellische Sklave und der Sterbende Sklave.
Das Figurenpaar entstand im frühen 16. Jahrhundert im Zusammenhang mit einem der ambitioniertesten Projekte der Zeit: dem monumentalen Grabmal für Papst Julius II..
Obwohl die Skulpturen später aus dem endgültigen Entwurf herausfielen und unvollendet blieben, haben sie ihren eigenen Rang als Meisterwerke der Renaissance behauptet.
Das Juliusgrabmal als monumentaler Auftrag
Michelangelo di Lodovico Buonarroti Simoni (geb. 1475) galt schon früh als außergewöhnliches Talent. Nach bedeutenden frühen Aufträgen - etwa die Pietà (1497/1499) und dem David (ab 1501) – erhielt er 1505 von Papst Julius II. den Auftrag für ein monumentales Mausoleum mit 40 lebensgroßen Figuren.
Nach schriftlichen Quellen und überlieferten Skizzen sollte dieses freistehende Grabmal an die 10 Meter hoch werden. Im Inneren sollte es eine Kapelle beherbergen, während sein dreistufiges Äußeres lebensgroße Skulpturen von Heiligen, Engeln, Propheten und Sklaven präsentieren würde.

Entwurf eines Wandgrabs für Julius II., Michelangelo. - Met Museum NYC
Michelangelo nahm den Auftrag zwar an, doch die Realisierung geriet ins Stocken.
Der Zeitplan kollidierte mit anderen Großprojekten des Papstes, und 1508 wurde Michelangelo zusätzlich mit dem Deckenfresko der Sixtinischen Kapelle betraut. Er vollendete diesen malerischen Auftrag sehr zügig - auch, um Julius II. zu besänftigen und zum Grabmal zurückkehren zu können.
Bereits vor dem Tod Papst Julius’ II. im Februar 1513 hatte Michelangelo mit der Ausführung mehrerer Skulpturen für das monumentale Grabmal begonnen. Zu den bedeutendsten erhaltenen Werken aus dieser frühen Phase zählen die beiden sogenannten Sklaven sowie der später vollendete gehörnte Moses.
In den folgenden Jahrzehnten wurde das Grabmal mehrfach umgeplant und zunehmend verkleinert – ein zermürbender Prozess, der sich bis 1545 hinzog und Michelangelo immer wieder an das Projekt band.
Erschwerend kam hinzu, dass in den oft revidierten Entwürfen mehrere von Michelangelos nahezu vollendeten Skulpturen – darunter die beiden Sklaven – schließlich nicht mehr vorgesehen waren.
Rückblickend äußerte sich Michelangelo äußerst kritisch über dieses langwierige Vorhaben:
"Besser wäre es mir in meinen frühen Jahren ergangen, hätte ich mich darauf verlegt, Schwefelhölzer herzustellen, dann müsste ich jetzt nicht solche Qualen leiden … ich sehe, dass ich meine ganze Jugend verloren habe, gebunden an dieses Grab."
(orig. "Meglio m’era nei primi anni che io mi fussi messo a fare zolfanelli ch’i’ non starei in tanta passione... io mi truovo aver perduto tutta la mia giovinezza, legato a questa sepoltura.")
- Michelangelo; siehe Brief an Giovanni Battista Mini, 1542, in: Lettere di Michelangelo Buonarroti, hrsg. von Gaetano Milanesi
Das fertige Grabmal befindet sich heute in der Kirche San Pietro in Vincoli in Rom, ganz in der Nähe des Kolosseums.

Juliusgrabmal | Foto: Jörg Bittner Unna / Wikipedia
Michelangelos Sklaven im Detail
Michelangelo schuf dieses Figurenpaar um 1513, möglicherweise mit einem Arbeitsbeginn kurz zuvor und weiteren Bearbeitungen bis etwa 1515.
Ursprünglich als Die Gefangenen bezeichnet, sind sie heute aufgrund ihrer Gestik als der rebellische Sklave und der sterbende Sklave bekannt.
In Bezug auf ihre Körpersprache haben Michelangelos Sklaven jedoch nur wenig gemein.
Der Rebellische Sklave wirkt kompakter und gespannter. Die Muskulatur ist straff modelliert, die Haltung wirkt wie ein körperlicher Gegenimpuls. So, als kämpfe die Figur gegen eine unsichtbare Fesselung.

Michelangelo, Rebellischer Sklave, ca 1513-1515 | Foto: Jörg Bittner Unna / Wikipedia
Der Sterbende Sklave dagegen zeigt eine idealisierte, jugendliche Gestalt, deren Kopf und Oberkörper in eine fast schlafartige Ruhe sinken.
Gerade dieses Paradox einer maximalen anatomische Präsenz bei gleichzeitiger innerer Abwesenheit verleiht der Skulptur ihre poetische Wirkung.

Michelangelo, Sterbender Sklave | Foto: Jörg Bittner Unna / Wikipedia
Trotz der Unterschiede verbindet beide Arbeiten Michelangelos besondere Gabe: lebensnahe Anatomie, ausdrucksstarke Gesichter und eine asymmetrische Haltung (siehe auch: Kontrapost).
Wie die Skulpturen in den Besitz des Louvres gelangten
Nachdem die Figuren aus der Grabmalskonzeption ausgeschlossen worden waren, gelangten sie in den Besitz von Roberto Strozzi, einem florentinischen Landsmann Michelangelos.
Doch: Warum hat Strozzi die Marmorskulpturen nach Frankreich gebracht?
Nachdem er durch seinen Widerstand gegen die Herrschaft von Cosimo I. de' Medici, dem Großherzog der Toskana, für Kontroversen gesorgt hatte, wurde Strozzi mit seinen Besitztümern nach Lyon verbannt.
Nach mehreren Stationen in Frankreich wurden die Skulpturen schließlich beschlagnahmt und vom französischen Staat übernommen. Über den französischen Staat gelangten sie schließlich in die Sammlung des Louvre.
Michelangelos Sklaven im Louvre

Foto: achbine / Flickr
Heute gehören Michelangelos Sklaven zu den bildhauerischen Schätzen des Museums.
Da es die einzigen Marmorskulpturen des Michelangelo im Louvre sind, sind sie wohl seine berühmtesten Sklavendarstellungen.
Sie sind jedoch nicht seine einzigen.
In den 1520er und 1530er Jahren schuf Michelangelo vier weitere Sklaven, die sich heute in der Galleria dell'Accademia in Florenz befinden. Wie der rebellische Sklave und der sterbende Sklave blieben auch diese Skulpturen unvollständig.




