Kunst

Young British Artists (YBA) – Entstehungsgeschichte, Entwicklung und bekannte Künstler der Gruppierung

YBA Young British ArtistsDamien Hirst, Away From Her | Foto: Rocor / Flickr

Die Young British Artists (YBA) sind eine lose miteinander verbundende Gruppe, die sich Ende der 1980er Jahre in London traf und an zwei der schockierendsten Ausstellungen des späten 20. Jahrhunderts teilnahm: Jahrhunderts teilgenommen haben: Freeze und Sensation.

Die Mitiglieder der Gruppe sind bekannt für ihren unternehmerischen Charakter, ihre Schocktaktiken und ihr ausgelassenes Feiern.

Die finanziell erfolgreichsten Young British Artists gehören heute zu den reichsten Künstlern der Welt und bleiben unglaublich medienbewusst. Ihre Themenwahl und ihr vermeintlicher Mangel an künstlerischen Fähigkeiten machen ihre Arbeit postmodern, werden aber in den Medien vielfach kritisiert.


Kernideen der Young British Artists

  •  
     
    Die YBA sind berüchtigt für ihre Bereitschaft, das Publikum mit heftigen Bildern zu schockieren, für ihren unverschämten Gebrauch von Pornografie und für ihren Wunsch, die Grenzen dessen zu überschreiten, was viele als Regeln des Anstands betrachten. Die Berichterstattung in der britischen Boulevardpresse war ein wichtiger Bestandteil ihres Erfolgs, da die meisten Menschen über ihre neuesten Werke Bescheid wussten.
  •  
    Die Arbeiten der verschiedenen Young British Artists zeichnen sich durch ihren offenen Umgang mit Prozessen und Materialien aus, was auf die Struktur des Studienprogramms für Bildende Kunst am Goldsmiths College zurückzuführen ist, wo viele von ihnen studierten. In ihren Kursen wurde die traditionelle Trennung der künstlerischen Ausbildung in Malerei-, Zeichen-, Foto- und Skulpturenklassen zugunsten gemischter Arbeitsgruppen aufgegeben.
  •  
    Die Arbeiten der YBA passen gut zu den vielen postmodernen Experimenten, die die Kunst der 1980er und 1990er Jahre sowohl in Europa als auch in Amerika dominierten. Die Postmoderne ist gekennzeichnet durch die Auflösung der Unterscheidung zwischen hoher und niedriger Kunst, die Ablehnung von traditionellen Materialien der bildenden Kunst und die Konzentration auf das Spektakel. All diese Elemente finden sich in den Werken der YBA-Künstler wieder.

Entstehung und Wirken der YBA

Anfänge der Young British Artists

In den 1980er Jahren lag London als Kunstzentrum weit hinter New York und West-Berlin zurück. Architektonisch heruntergekommen und trotz des Wachstums der Finanzindustrie weitgehend ökonomisch rückständig, verfügte die britische Hauptstadt im Vergleich zu ihren wohlhabenderen, kulturell anspruchsvolleren amerikanischen und deutschen Gegenstücken über weniger zeitgenössische Galerien und kaum über eine postmoderne Kunstszene.

Künstler in Deutschland und den USA waren an den modernsten postmodernen Bewegungen wie der Street Art und den Neuen Wilden beteiligt, wobei es in London nichts Vergleichbares gab.

Die Young British Artists, von denen die meisten zu dieser Zeit Anfang bis Mitte 20 waren, reagierten auf diese schwierigen Umstände mit Nachdruck und Optimismus. Sie sahen in diesem schwierigen Umfeld eine Chance für Wachstum und erzielten erste Erfolge durch Ausstellungen in Lagerräumen in der Industriebrache der Stadt

Goldsmiths College of Art

Viele der Künstler, die mit den YBA verbunden sind, haben zwischen 1987 und 1990 im Fine Art Studienprogramm am Goldsmiths College of Art in London studiert.

Sie wurden stark vom Programmleiter und Künstler Michael Craig-Martin beeinflusst, dessen persönliche Hingabe an die Kunst als seriöses Vorhaben und der Glaube an den Wert der kreativen Andersartigkeit vielen seiner jungen Studenten eine unerschütterliche Arbeitsmoral vermittelte.

Freeze 

Die von Damien Hirst im zweiten Jahr seines Studiums an der Goldsmiths University (1988) organisierte und kuratierte Ausstellung Freeze läutete den Beginn der Gruppe und die Veränderung der Londoner Kunstlandschaft ein.

Hirst inszenierte die Ausstellung in einem verlassenen Gebäude der Londoner Hafenbehörde in den verlassenen Docklands der Stadt und lud. Kommilitonen ein, an seiner Seite auszustellen.

Der Tutor der Aussteller, Michael Craig-Martin, nutzte seine Kontakte, um die Museumskuratoren Norman Rosenthal und Nicholas Serota zur Ausstellung zu bringen. Hier wurde auch der Kunstsammler und Werbemogul Charles Saatchi, der später ihr bekanntester Mäzen und Förderer werden sollte, auf die Arbeit der Gruppe aufmerksam.

Die Londoner Kunstszene nach dem Aufkommen der YBA

Das internationale Interesse an den YBA wuchs in den 1990er Jahren, als der Ruf der Gruppe einen starken Einfluss auf die Londoner Galerienszene zu haben begann. Auch der Verkauf von lokalen Kunstmagazinen profitierte von dem Aufschwung. Neue Ausstellungsräume und Galerien, die um diese Zeit herum entstanden waren an ihrem finanziellen Erfolg beteiligt.

Die Young Briish Artists rebellierten gegen den traditionellen Karriereweg der britischen Künstler: Jahrelang Arbeiten zu schaffen und an kleinen Gruppenausstellungen teilzunehmen, bevor sie schließlich erfolgreiche Einzelausstellungen erreichten und in wichtige Museumssammlungen angekauft wurden. Stattdessen erzielten die Arbeiten der YBA schon sehr früh in ihren Karrieren hohe Geldbeträge.

Die Bedeutung von Charles Saatchi in der Entwicklung der YBA

Obwohl sie von einer Reihe von Galeristen und Sammlern unterstützt wurden, war der bekannteste und großzügigste von ihnen der Werbemogul Charles Saatchi, der zu einem der wichtigsten Kunstsammler der Nachkriegszeit und zum Schlüssel für den Erfolg der YBA geworden ist.

Nachdem er ihr Schaffen in der Ausstellung Freeze zum ersten Mal gesehen hatte, beschloss er, seinen beträchtlichen finanziellen Einfluss zu nutzen, um die britische Kunst zu fördern, anstatt die deutschen und amerikanischen Werke, die er zuvor favorisiert hatte.

Saatchi hat nicht nur eine riesige Sammlung mit Werken großer und weniger bekannter YBA zusammengetragen, sondern stellte die Gruppe auch während der 1990er Jahre regelmäßig in seiner Galerie in St John's Wood im Norden Londons aus. Dank seiner Verbindungen zur Industrie konnte Saatchi auch dafür sorgen, dass die Gruppe eine große Medienberichterstattung erhielt, die den Rummel um sie verstärkte.

Sensation

Die Aufnahme der Gruppe in das Establishment wurde gefestigt, als die Royal Academy of Art in London 1997 die inzwischen berühmt-berüchtigte Ausstellung Sensation veranstaltete, die später durch New York und Berlin tourte - Veranstaltungen, die die Künstler international bekannt machten.

Die ausgestellten Kunstwerke stammten alle aus der Sammlung von Charles Saatchi. Zu den Künstlern, die zum ersten Mal als Teil der Gruppe bekannt wurden, gehörten Chris Ofili und Rachel Whiteread.

Neben bekannteren Werken wie Hirsts The Physical Impossibility of Death In The Mind of Someone Living, schloss Kurator Norman Rosenthal einige äußerst kontroverse Werke ein, die vor allem in den USA und in Großbritannien für große Empörung sorgten.

Die bemerkenswertesten davon waren Marcus Harveys Myra - ein Bild der Kindermörderin Myra Hindley, das aus mehreren Handabdrücken von Kleinkindern zusammengesetzt wurde, und Holy Virgin Mary des katholischen Künstlers Chris Ofili. Ofilis Werk löste bei seiner Ausstellung im Brooklyn Museum in New York Empörung aus. 

Bürgermeister Rudolph Guiliani drohte sogar damit, alle 7 Millionen Dollar an staatlichen Geldern für die Institution zu kürzen, nachdem er viele Beschwerden von lokalen Kirchenvertretern erhalten hatte.


Konzepte, Stile und Trends der YBA

Die Künstler der YBA arbeiteten in einer Vielzahl von Medien und experimentierten umfassend mit verschiedenen Kunstformen - sie modernisierten traditionelle Genres wie die Porträtmalerei und verschoben die Grenzen der Konzeptkunst mit verstörenden Werken.

Dieser Mangel an Kohärenz in ihrer Arbeit ist ein Indiz für die Postmoderne. Die YBA sind nach wie vor eines der besten Beispiele für die zeitgenössischen Herausforderungen an traditionelle Kunstdefinitionen.

Fundstücke

Viele Young British Artists eigneten sich in ihrer Kunst Fundstücke an - sei es als visuelle Wortspiele in der Skulptur, als lebensgroße Rekonstruktionen realer Umgebungen oder als Aneignung organischer Materialien, um Aussagen über Leben und Tod zu treffen. 

Vor allem Marcel Duchamp und seine Readymades hatten der Gruppe den Weg geebnet, das, was sie in ihrer Arbeit verwenden und als Kunst bezeichnen wollten, und sie bauten bewusst auf den gleichen Fragen nach Originalität und Autorschaft auf, die die Dadaisten zu Beginn des Jahrhunderts aufgeworfen hatten.

Installation

Obwohl die Installationskunst nicht neu war, als die YBA Ende der 1980er Jahre mit der Arbeit begannen, gelang es ihnen, das Medium in neue und innovative Richtungen zu lenken, die ihre individuellen künstlerischen Anliegen widerspiegelten.

Tracey Emins Everyone I Have Ever Sleep With zum Beispiel nutzte ihre eigene Lebenserfahrung weiterhin als Inspiration, indem sie die Betrachter einlud, in ein Zelt zu kriechen, das mit den Namen all ihrer Bettgenossen bestickt war.

Zeichnung

Die Zeichnung blieb ein zentrales Element in vielen der Praktiken der YBA, auch als sie mit zeitgenössischeren Medien wie Installation und Fotografie experimentierten.​

Für viele Kritiker verband diese fortgesetzte Auseinandersetzung mit den ältesten künstlerischen Fertigkeiten die Arbeit der Gruppe mit dem Kanon der Kunstgeschichte und verlieh ihr in den Augen des Kunstpublikums, das die Gruppierung ansonsten als zu konzeptuell empfand, mehr Gewicht.


Spätere Entwicklungen nach den Young British Artists

Viele der Künstler, die ursprünglich als YBA bezeichnet wurden, sind heute in ihren Fünfzigern und stellen weiterhin enorm populäre Kunst her, die bei Auktionen immer wieder Höchstpreise erzielt. 

Hirsts Arbeiten sind besonders lukrativ und haben ihm ein gewaltiges Vermögen ermöglicht - sein persönliches Vermögen wurde vor einigen Jahren bereits auf 400 Millionen bis 1 Milliarde Dollar geschätzt. Dieser finanzielle Scharfsinn und sein unternehmerisches Geschick wird von vielen als das wichtigste Vermächtnis der YBA angesehen.

Die Galerienszene in London ist nach wie vor eine der einflussreichsten der Welt, wobei Galerien wie White Cube und Sadie Coles noch immer auf ihrem anfänglichen Erfolg Anfang der 90er Jahre beim Verkauf der Werke aufbauen. Das macht London nach wie vor zu einem der lebendigsten Zentren für zeitgenössische Kunst weltweit.

Der 1984 ins Leben gerufene Turner Prize erhielt mehr Aufmerksamkeit, als die YBA in der Kunstszene auftauchten. Er wird jährlich an einen britischen Künstler unter 50 Jahren verliehen, der in einem beliebigen Medium arbeitet.

Eine Reihe von Young Brisith Artists sind heute ein fester Bestandteil des künstlerischen Establishments, von dem sie sich einst unterschieden. Hume, Emin, Lucas und Ofili haben das Vereinigte Königreich beispielsweise bei der Biennale in Venedig vertreten, während Whiteread, Hirst und Ofili mit dem Turner Prize ausgezeichnet wurden.

Damien Hirst wird als direkter Einfluss von Takashi Murakami erwähnt, der den Neo-Pop in Japan bekannt gemacht hat. Er hat in New York und Japan sehr profitable, fabrikähnliche Werkstätten nach Andy Warhols etabliert, die ähnlich wie die von Hirst oder Koons geführt werden.

 Der politische Aktivist der chinesischen Kunst, Ai Weiwei, betreibt seine international erfolgreiche Praxis auf ähnliche Weise - mit riesigen Ateliers in China und einem Team von Assistenten.


Bekannte Kunstwerke der YBA

Damien Hirst: The Physical Impossibility of Death In The Mind of Someone Living (1991)

Damien Hirst Hai

Foto: Dou_ble_you / flickr / CC BY-ND 2.0

Das wohl symbolträchtigste Werk der Bewegung besteht aus dem Körper eines Tigerhais, der in Formaldehyd schwimmt. Der monströse Hai, der in seinem Becken zu schweben scheint, wirkt lebendig und tot zugleich und ist typisch für Hirsts konzeptuellen Postmodernismus und seinen kompromisslos direkten Stil in der Tradition des Dadaismus.

Tracey Emin: My Bed, 1998

My Bed by Tracey Emin at Tate Britain London

My Bed ist Tracey Emins eigenes Bett und Überbleibseln aus ihrem Haus, die in einem Galerieraum installiert wurden. Emin behauptet, dass es sich um eine Rekonstruktion des Anblicks handelt, den sie nach einer mehrtägigen schweren Depression erlebt hatte, nachdem ihre Beziehung gescheitert war. Zu sehen sind gebrauchte Kondome, schmutzige Unterwäsche, fleckige Laken und Zigarettenstummeln.

My Bed löste eine große Kontroverse in der britischen Boulevardpresse aus, als es 1999 für den Turner-Preis für zeitgenössische britische Kunst nominiert wurde.

Die japanischen Performance-Künstler Yuan Chai und Jian Jun Xi steigerten den Bekanntheitsgrad des Stücks, als sie während der Ausstellung in der Tate Britain in London darauf sprangen und Kissenschlachten austrugen.

Jenny Saville: Plan, 1993

Jeny Saville, Plan (1993)

Savilles übertriebene Darstellung der menschlichen Figur erregte die Aufmerksamkeit des Sammlers Charles Saatchi, der sie maßgeblich förderte. Ihr Selbstporträt Plan wurde 1994 zum Signaturstück der Ausstellung Young British Artists III.

Während Saville ihre Gemälde nach den klassischen Traditionen des Ölmediums schafft, sind ihre Darstellungen des weiblichen Körpers und insbesondere ihre nackten Selbstporträts bahnbrechend. Sie stellt fleischige, manchmal verzerrte Frauenkörper aus seltsamen Winkeln dar, die ihre übergroße Fleischlichkeit und die Unordnung der menschlichen Figur betonen.

Zusätzlich zum Eindruck der Größe ihrer Figuren, die oft zu groß für den Darstellungsraum erscheinen, sind auch Savilles Gemälde überlebensgroß.