Kunst

Kinetische Kunst – Entstehung, Stile & bekannte Künstler und ihre Werke

Kinetische Kunst, Alexander Calder, Big Fat Banana, 1969Kinetische Kunst, Alexander Calder, Big Fat Banana, 1969 | Foto: Rocor / Flickr

Obwohl ihre Geschichte sehr weit reicht, hat sich die kinetische Kunst erst in den 1950er Jahren als eine bedeutende und kohärente Kunstrichtung etabliert.

Kinetische Kunst gibt es seit Anfang des 20. Jahrhunderts, doch wurde sie erst dann zu einer Kunstform der Moderne, als Künstler wie Naum Gabo und Laszlo Moholy-Nagy anfingen, elektrische Apparate in ihren Skulpturen zu verwenden. 

In den 1960er Jahren wurde die Beliebtheit der kinetischen Kunst in Europa allerdings dadurch gemindert, dass das digitale Zeitalter begann und die Künstler stattdessen mit Computern, Film und Laser zu experimentieren gedachten.

Die Ursprünge der kinetischen Kunst

In ihrem Fokus, die Dynamik eines Motivs einzufangen, ist kinetische Kunst - weiter gefasst - der Ausdruck eines grundlegenden Anliegens der modernen Kunst.

Viele Kritiker haben post-impressionistische Maler wie Seurat als die ersten kinetischen Künstler erwähnt. Aber die ersten Beispiele moderner Kunstwerke, die Bewegung im engeren Sinne einbeziehen, stammen aus den 1910er Jahren und wurden von Künstlern geschaffen, die der dadaistischen und konstruktivistischen Tradition folgten.

Das wohl früheste Werk der kinetischen Kunst ist das Fahrrad-Rad von Marcel Duchamp (1913), das aus einem Rad besteht, das kopfüber auf einem Hocker platziert wurde; es wird auch als das erste Readymade anerkannt.

Im Jahr 1920 verwendeten die konstruktivistischen Künstler Naum Gabo und Antoine Pevsner in ihrem Realistischen Manifest den Begriff "Kinetische Kunst"; im selben Jahr vollendete Gabo seine Kinetische Konstruktion, eine freistehende Metallstange, die durch einen Elektromotor in Bewegung gesetzt wird und ein zartes Wellenmuster in der Luft erzeugt. Es gilt als das erste Werk der modernen Kunst, in dem es vordergründig darum ging, Bewegung auszudrücken.

Zehn Jahre später verwendete der Bauhaus-Künstler László Moholy-Nagy den Begriff "kinetisch" erneut, um die mechanisierte Bewegung seines Licht-Raum-Modulators (1930) zu beschreiben. Andere Künstler, die mit dem Bauhaus und der postkonstruktivistischen Bewegung der Konkreten Kunst in Verbindung gebracht wurden, schufen in den 1930er-40er-Jahren Werke, die man heute ebenfalls als kinetische Kunst bezeichnen könnte.

Die Kinetische Kunst als kohärente Bewegung

Diese frühen Ansätze der Konzepte, die der kinetischen Kunst zugrunde liegen, akzeptierend, etablierte sich die kinetische Kunst erst 1955 als kohärente Kunstrichtung, als die Gruppenausstellung Le Mouvement in der Galerie Denise René in Paris veranstaltet wurde. 

Im Mittelpunkt dieser Ausstellung stand das Werk des ungarischen Künstlers und Mitbegründers der Galerie Victor Vasarely, dessen Manifeste Jaune ("Gelbes Manifest"), zu einem der wichtigsten Dokumente der kinetischen Kunst wurde.

Vasarely war in den Traditionen des Bauhauses unterrichtet worden und hatte viele Jahre im Werbedesign gearbeitet, bevor er sich der bildenden Kunst zuwandte. Er brachte verschiedene grafische Techniken mit, die seinen neuartigen Ansatz prägen sollten, darunter die Verwendung von rasterartigen Anordnungen von Schwarz und Weiß, um Tiefe oder Bewegung anzudeuten. Vasarelys Arbeit zog schnell Anhänger und Nachfolger an, vor allem Bridget Riley, die eine vergleichbare Bandbreite von Effekten weltbekannt machen sollte.

Andere Werke, die in der Ausstellung Mouvement gezeigt wurden, setzten auf reale und nicht auf implizierte Bewegung. In einigen Fällen konnte diese Bewegung durch Luft oder Berührung ausgelöst werden, wie im Fall von Alexander Calder, dessen Mobiles, darunter Vertical Foliage (1941), anmutige bildhauerische Linien und biomorphe Formen mit einer Empfänglichkeit für atmosphärische Bewegung kombinieren, die das natürliche Verhalten organischer Formen im Raum imitiert.

Nicolas Schöffers Interesse, die Dynamik in seine konstruktivistisch inspirierten Skulpturen einzubeziehen, führte zu immer komplexeren Ausdrucksformen des modellierten Raums. 

Ab den späten 1940er Jahren führte er aber auch mechanisierte Bewegung und Theorien aus der Kybernetik in sein Werk ein und schuf seine Spatiodynamik (1948), bei der die Bewegungen durch das Feedback des Raums bestimmt wurden.


Kinetische Kunst: Konzepte, Stile und Trends

Das Erbe des Konstruktivismus

Die kinetische Kunstbewegung entstand aus dem, was als Niedergang der geometrischen Abstraktion in der Zeit nach 1945 anerkannt wurde.

Aufgrund ihrer Ursprünge im Konstruktivismus - und in verwandten Bewegungen und Schulen wie De Stijl und dem Bauhaus - war die geometrische Abstraktion zunächst mit revolutionären Standpunkten zu Kunst und Gesellschaft in Verbindung gebracht worden.

 Ihr strenges kompositorisches Vokabular aus Linien und Flächen und ihre vereinfachte Farbpalette schienen den Rationalisierungsdrang der modernen Welt auszudrücken und eine neue, universelle künstlerische Sprache zu versprechen. Diese Ambitionen verblassten jedoch in den mittleren Jahrzehnten des zwanzigsten Jahrhunderts bis die geometrische Abstraktion gegen Ende des Zweiten Weltkriegs zunehmend als veralteter, trockener und akademischer Stil wahrgenommen wurde.

Die kinetische Kunstbewegung belebte die Tradition der geometrischen Abstraktion wieder, indem sie mechanische oder natürliche Bewegungen nutzte, um neue Zusammenhänge zwischen Kunst und Technologie herzustellen. Zu diesem Zweck wurde die kinetische Kunst in verschiedenen künstlerischen Medien ausgekundschaftet, darunter auch die Malerei, Zeichnung und Skulptur. Einige kinetische Künstler versuchten, mit immer neueren und öffentlicheren Medien zu arbeiten, um den Stil einem möglichst breiten Publikum zugänglich zu machen. 

Zu den Künstlern, die mit einem weitgehend konstruktivistischen Ansatz der kinetischen Kunst in Verbindung gebracht werden, gehören Naum Gabo, László Moholy-Nagy, Victor Vasarely und Bridget Riley.

Das Einfluss von Dada

Die kinetische Kunst orientierte sich auch stark am Dadaismus, die einige der frühesten Werke der modernen Kunst inspiriert hatte, in denen Bewegung eingesetzt wurde. 

Marcel Duchamps Fahrrad-Rad von 1913 ist ein bekanntes Beispiel hierfür. Die Motivation für solche Werke war in erster Linie das Verlangen, mit den konventionellen Zwängen des statischen Kunstwerks zu brechen.

Anstatt die Erfahrung des Betrachters mit dem Kunstwerk im Voraus durch den Künstler zu bestimmen, machten die kinetischen Künstler die Bewegung des Werkes - und die subjektive Wahrnehmung dieser Bewegung durch den Betrachter - zu einem unvorhersehbaren Element ihrer Auseinandersetzung mit dem Kunstwerk


Bekannte Kunstwerke

Marcel Duchamp, Fahrrad-Rad, 1913

Marcel Duchamp, Fahrrad-Rad, 1913

Foto: Eneas De Troya / CC BY 2.0 / Flickr

Das Roue de Bicyclette oder Fahrrad-Rad ist hauptsächlich bekannt als das erste Exemplar dessen, was Duchamp als seine "Readymades" bezeichnete: Gefundene, in der Regel massenproduzierte Objekte, die er zu Kunstwerken erklärte. Er stellte sie in Galerien oder anderen suggestiven Umgebungen auf und präsentierte sie als Kunstwerke.

In diesem Fall enthält das Werk allerdings ein bewegliches Element - das Rad des Fahrrads - und wurde daher auch als erstes Beispiel kinetischer Kunst verstanden.

Obwohl das "Fahrrad-Rad" außerhalb des Kontexts der kinetischen Kunstbewegung entstand, blickten Künstler der 1950er-60er Jahre auf das Rad als Vorläufer zurück. Die Bedeutung, die Duchamps Werk später beigemessen wurde, zeigt auch die Bedeutung des Dadaismus als- Vorläufer der kinetischen Kunst.

Naum Gabo, Kinetic Construction (Standing Wave), 1920

Naum Gabo's Kinetic Construction (Standing Wave) besteht aus einem Stahlstab, der auf einem Holzsockel befestigt ist und durch einen Elektromotor in Bewegung gesetzt wird.

Die Schwingungen des Stabes erzeugen die Illusion einer statischen, gekrümmten Form, die vollständig durch Bewegung erzeugt wird. Die Arbeit ist das erste explizit als solches geschaffene Beispiel kinetischer Kunst.

Alexander Calder, Vertical Foliage, 1941

Vertical Foliage ist eines von vielen Beispielen für die von Marcel Duchamp so benannten freistehenden oder hängenden "Mobiles", für die der amerikanische Bildhauer Alexander Calder berühmt wurde. 

Das Stück sieht ein wenig wie ein Astsystem aus und besteht aus einem zentralen Eisendraht mit verschiedenen blattähnlichen Ausläufern. Diese Stücke sind an der Spitze am größten und am massivsten, an der Basis am kleinsten und am zaghaftesten.

Die Bewegung des Stücks im Winde soll die Betrachter ihre Vorstellungen von Schwere und Leichtigkeit überdenken lassen. Mit Werken wie Vertical Foliage definierte Calder ein wichtiges und einzigartiges Untergenre der kinetischen Ästhetik, das sich mit der Bewegung und Dynamik der Natur befasste.

Jean Tinguely, Homage to New York (Fragment), 1960

Homage to New York wurde über einen Zeitraum von drei Wochen im Skulpturengarten des Museum of Modern Art in New York mit der Unterstützung mehrerer anderer Künstler errichtet.

Bei ihrer ersten Enthüllung im März 1960 explodierte das Werk im Laufe einer 27-minütigen Geräusch- und Lichtinszenierung. Die Skulptur selbst war eine Ansammlung ineinander greifender, mechanisierter, gefundener Komponenten, darunter Schrott, Räder, ein Klavier, eine Badewanne und ein Gokart, die alle in den Raum ragten, um ein Geflecht abstrakter Formen zu schaffen.

Die fragmentierten Überreste des Stückes sind nun Teil der ständigen Sammlung des MOMA.