Skulptur

Michelangelos Bildhauerei im Detail: Was machte seine Skulpturen so besonders?

Michelangelos Bildhauerei Titelbild, DavidskulpturMichelangelos Bildhauerei Titelbild, Davidskulptur

Michelangelos Einfluss auf die abendländische Kunst ist unbestritten. Seine Fresken in der Sixtinischen Kapelle haben die Jahrhunderte überdauert und besitzen eine unvergleichliche Kulturrelevanz. Doch ist seine Malerei nur ein kleiner Teil seines Gesamtwerks. In diesem Artikel soll Michelangelos Bildhauerei in aller Ausführlichkeit thematisiert werden: Welche Rolle er als Bildhauermeister in der Renaissance einnahm und was seine Skulpturen so besonders im Vergleich zu anderen Werken seiner Zeit machte.

Michelangelos Bildhauerei und die Renaissance

Bildhauerei in der Renaissance

Michelangelos Vorliebe für die Bildhauerei war eng mit dem Zeitalter verbunden, in dem er lebte: Der Renaissance. Die Renaissance war geprägt von einer Rückbesinnung zur klassischen Welt. Manuskripte antiker Schriften wurden wiederentdeckt und beeinflussten und beflügelten die Künstler, Politiker und Philosophen der damaligen Zeit.

Aus der klassischen Welt stammt die Idee der Harmonie; das Streben nach harmonischen Proportionen und wesentlichen Formen in Figur und Architektur. Diese Prinzipien führten zu Experimenten in der frühen Renaissance mit den Ausarbeitungen der linearen Perspektive in der Malerei und den körperlichen Proportionen in der Bildhauerei.

Zu der Zeit, als Michelangelo geboren wurde, war die Frührenaissance in ihre letzte Phase gelangt.  Die Hochrenaissance war der Höhepunkt der früheren Bemühungen, diese neuen Ideen in den Künsten praktisch umzusetzen. In der Bildhauerei Michelangelos können wir diese Vision der Einheit manifestiert sehen.

Michelangelos Hauptbeschäftigung war die Bildhauerei, obwohl er sich ebenso talentiert in der Freskomalerei, der Poesie und der Architektur hervortat. Michelangelo war ehrgeizig und verkörperte einen typischen Humanisten der Renaissance.

Der Humanismus gab dem Individuum die Verantwortung, einen Sinn für sein eigenes Leben zu schaffen. Es bestand auch aus einer Faszination für die Frage nach dem Platz des Menschen im Universum. Der Mensch hatte - anders als die Tiere - eine Wahl zu treffen. 

Der Mensch konnte, wie die Tiere, in Übereinstimmung mit seinen Trieben handeln oder er konnte vernünftig nach einer Moral handeln. Der Mensch hatte die Fähigkeit, sich in der Seinsordnung nach oben und unten zu bewegen; Vernunft und Moral brachten den Menschen näher zu Gott.

Kunst war für Michelangelo mehr als ein Mittel zu Reichtum oder Ruhm, sondern ein Mittel, um seine Vision von Schönheit auszudrücken und zu konkretisieren. Der männliche Körper ist die Hauptfigur in den meisten von Michelangelos Skulpturen und durch ihn konnte er seinen Ideen Ausdruck verleihen.

Michelangelos Bildhauerei legte die Form der Schönheit frei

Davidskulptur

Foto: giovannamatarazzo / Flickr

Nach seiner Davidskulptur war Michelangelo für Projekte in Rom sehr gefragt. Ihm ging es nicht darum, das Abbild eines Charakters darzustellen. Er wollte die bewegte Schönheit in Figuren darstellen. Schon in seinen jungen Jahren hat er für sich festgestellt, dass die klassischen Formen dafür ideal sind.

Die klassische Formensprache beinhaltete Positionen von Körper und Figur, die ausgewogen und vielschichtig waren. Ähnlich wie die unzähligen Falten eines Kleides, sehen wir den schlanken Körper mit seiner Dynamik der Muskeln, die einen Kontrast der Schatten erzeugen, der ihm die Tiefe eines wunderschön entworfenen Stücks Architektur verleiht. 

Der Klassizismus von Michelangelos Frühwerk ist vom philosophischen Geist der antiken Griechen durchdrungen. Die platonische Formenlehre bietet uns einen Einblick in Michelangelos Arbeitsweise. Die Formen, so Platon, waren die ewigen Bestandteile dessen, was wir auf der Erde sehen. Sie müssen durch Vernunft und Überlegung entdeckt werden, um zu diesem höheren Verständnis der Existenz zu gelangen. 

Pietà Gewänder

Foto: Andrea Izzotti / Shutterstock

Bei Michelangelos Bildhauerei ist es ähnlich. Er beschrieb die Bildhauerei als das Herauslösen der Formen aus ihrer Grundmaterie: Jeder Marmorblock ist voll von Schönheit und Wahrheit, die wir dann sehen, wenn er das Werk vollendet. 

Es gibt uns auch einen Einblick, wenn wir seine Figuren betrachten; sie zeigen keine Ähnlichkeit mit historischen Gegebenheiten, sondern sind Ausdruck seiner Auseinandersetzung mit den Formen der Schönheit, die er für den Betrachter herausarbeitet. 

Bewegung als visionäre Kunstform in Michelangelos Bildhauerei

Michelangelos Moses

Foto: Jörg Bittner Unna / Wikipedia

Doch Schönheit allein reichte nicht aus, um die Bedeutung zu vermitteln, die Michelangelos Bildhauerei anstrebte. Es war die Bewegung in statischen Formen, die seinen Skulpturen Bedeutung verlieh.

Es waren die unscheinbaren Dinge, wie die Drehung der Körper, die Fußstellung oder auch nur die Wahl des Blicks, die seine Skulturen so besonders machten. Michelangelo beachtete diese Feinheiten wie kein Zweiter, um etwas zu schaffen, das über die Skulptur selbst hinausgeht. 

Die Decke der Sixtinischen Kapelle wurde als Fresko gestaltet; eine Kunstform, in der Michelangelo nicht sehr erfahren war. Dennoch sehen wir hier seine Experimente mit der menschlichen Form. Michelangelos Werk bietet uns einen Beweis dafür, dass die menschliche Form nicht limitiert ist. Ihre Ausdruckskraft scheint in den Händen eines Genies grenzenlos zu sein. 

Michelangelo, Die Erschaffung Adams, Detail

Mit diesen Posen konnte Michelangelo seine Vorstellungen vom Körper ausdrücken. Gerade die Bildhauerei erlaubt dem Künstler eine Dynamik zwischen dem Anblick eines starren Körpers und der fließenden Vorstellungskraft des Betrachters.

Der menschliche Körper war für Michelangelo eine vollständige Komposition. Dies nahm mit der Anreihung von Körpern in einer Komposition immer komplexere Ebenen an. Die Dynamik der Körper erzeugt die Stimmung und Bedeutung einer Komposition, um ein unergründliches Ganzes zu schaffen.

 

Auf den Punkt gebracht: Michelangelos Bildhauerei ist eine Inszenierung, die das Auge des Betrachters auf eine von ihm konstruierte Reise mitnimmt. 

Die Kunst der unvollendeten Form

Die Sklaven für das Grabmal von Papst Julius II. haben Kunsthistoriker zu zahlreichen Mutmaßungen veranlasst, was sie bedeuten und warum sie dort stehen. Aber wenn wir ihre Form analysieren, können wir etwas von Michelangelos Absichten erkennen. Diese unvollendeten Formen scheinen fertig zu sein; in Wirklichkeit rufen sie Emotionen hervor durch die Tatsache, dass sie nicht fertig sind. 

Im Erwachenden Sklaven formt Michelangelo die Wirkung des Werkes geschickt aus dem Ausgangsmaterial. Dies geschieht hier so, als ob die Form des Sklaven auf ewig in der Zwischenwelt feststeckt und darum ringt, befreit zu werden - aufzuwachen - es jedoch nie erreichen kann. 

Michelangelos visionäre Kunst betrachtet den Ausgangsmarmor und hinterfragt die Grenze zwischen Verlassenheit und Vollendung.

Michelangelo, unvollendete Skulpturen

v.l.n.r.: Michelangelos Erwachender Sklave, Junger Sklave, Bärtiger Sklave

Auch im Jungen Sklaven ist es so, als ob der junge Mann aus einem zeitlosen Schlummer im Inneren des Marmors ins Leben zurückkehrt. Diese Technik der Einbeziehung des unbearbeiteten Marmors in Michelangelos Skulptur lässt den Betrachter an die Verbindung zwischen Rohheit und Schönheit denken.

Dieses fehlende Bedürfnis nach Vollendung wuchs, als Michelangelo älter wurde. Seine Vorstellungen von Form und Schönheit begannen sich zu verändern, wurden weniger idealisiert und schwerfälliger. Michelangelos visionäre Kunst brauchte nicht den klassischen Idealen zu entsprechen, um die Form der Schönheit anzunehmen.

In seinen späteren Jahren entfachte Michelangelo seine christliche Spiritualität neu. Vielleicht war es das, was zu der Veränderung der Figur führte. Michelangelos Bildhauerei wurde frommer und das Thema der Pieta wurde immer wieder aufgegriffen, als ob er nach einem letzten Werk suchte, das diese Geistlichkeit einfangen würde. 

Michelangelo, Florentinische Pieta, ca. 1547 - 55

Michelangelo, Florentinische Pieta, ca. 1547 - 55 | Foto: Wikipedia / Marie-Lan Nguyen / CC BY 2.5

Der Einfluss von Michelangelos Bildhauerei

Michelangelos anatomisches Interesse am Körper gab ihm die Möglichkeit, die Funktionsweise des Körpers zu verstehen, und durch diese Erkundung des Körpers konnten seine Figuren ihre fiktive Realität überwinden.

Michelangelos Skulpturen und Gemälde inspirierten die nächste Generation von Künstlern zu der Einsicht, wie die menschliche Figur sich selbst ausdrücken kann. Er war ein Vorläufer des Manierismus in der Kunst, der für seine ästhetischen Mittel zur Darstellung eines Themas bekannt war.

Michelangelos Bildhauerei war in der Lage, Kompositionen in einem realistischen Gewand zu schaffen, das der frühen Renaissance fehlte. Michelangelos Leistung lag jedoch jenseits der naturalistischen Darstellungsweise. Es war seine Fähigkeit, heilige Figuren so darzustellen, dass der Realismus des alltäglichen Körpers mit der geistigen Essenz, die diese Figuren verkörperten, verbunden wurde.

In dieser Hinsicht zeigte Michelangelo dem Betrachter, was sie selbst sein könnten. Wir können sein Werk als eine Art moralische Mission betrachten. Wenn wir Michelangelos Davidskulptur betrachten, sind wir überwältigt von der Schönheit seiner Haltung und Vollständigkeit. Die aufrechte Gestalt ist im Begriff, sich dem viel größeren Goliath zu stellen, den die älteren Israeliten allesamt fürchten. David jedoch hat keine Angst; er nimmt eine göttliche Zuversicht an. 

Michelangelos visionäre Kunst führte die Formen der Schönheit hinunter, um die Betrachter zu inspirieren. Wenn die humanistische Idee von der formlosen Stellung des Menschen in der Kette des Seins zu beachten ist, dann drängt uns Michelangelo dazu, nach Schönheit und Gott zu greifen.